Stand: 13.02.2016 14:49 Uhr

Brandstiftung in Hameln - aus Verzweiflung

Bild vergrößern
Die beiden Flüchtlinge waren in der Hamelner Linsingen-Kaserne untergebracht. (Archivbild)

Händeringend sucht die Politik zurzeit nach Möglichkeiten, die Zahl der Flüchtlinge zu begrenzen. Absurd erscheint es daher auf den ersten Blick, wenn Flüchtlinge Deutschland von sich aus wieder verlassen wollen, dies aber nicht können. Die zuständigen Behörden sind vielerorts überlastet, Anträge bleiben liegen - und so kommen die Menschen, platt formuliert, weder richtig rein ins Land noch wieder heraus. So geschehen in Hameln: Zwei junge Männer wollten dringend zurück in ihr Heimatland. Sie zogen ihre Asylanträge zurück und warteten nur noch darauf, dass die Ausländerbehörde ihnen die Pässe zurückgibt - doch sie warteten vergeblich. Am Ende legten sie Feuer in ihrer Unterkunft. Dafür sind sie nun zu Bewährungsstrafen verurteilt worden, wie die "Deister- und Weserzeitung" (DeWeZet) am Freitag berichtete. Vier Sicherheitsleute wurden laut Polizei durch das Feuer leicht verletzt.

Die Familien der beiden waren in Not

Die beiden jungen Männer hatten schlimme Nachrichten von ihren Familien im Libanon erhalten. Der Vater des 26-jährigen Ammar B. war nach einem Unfall ins Koma gefallen, seine Mutter und seine drei kleinen Geschwister hatten ihren Ernährer verloren. "Von Deutschland aus konnte er sie finanziell nicht unterstützen. Er durfte ja nicht arbeiten", erklärte sein Rechtsanwalt der Zeitung zufolge. Auch der 21-jährige Jamal M. sei von seiner Familie dringend gebeten worden, nach Hause zu kommen.

Dossier

Flüchtlinge in und um Hannover

Zehntausende Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten nach Niedersachsen gekommen. Städte wie Hannover, aber auch kleinere Gemeinden, müssen sich um Unterbringung und Integration kümmern. mehr

Die Pässe liegen bei der Ausländerbehörde

Ihre Pässe müssen Asylbewerber hierzulande abgeben: Nachdem sie einen Asylantrag gestellt haben, bekommen die Bewerber eine sogenannte Aufenthaltsgestattung. Mit diesem Dokument können sie sich bei Behörden oder Polizei ausweisen, wie der Flüchtlingsrat Niedersachsen in einem Leitfaden auf seiner Internetseite erklärt. Ihren Pass aus dem Heimatland bekommt demnach das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das ihn wiederum der Ausländerbehörde übergibt, "die den Pass bis auf Weiteres behält", so der Flüchtlingsrat.

Die Männer legen Feuer und drohen mit Suizid

Über Wochen versuchten Ammar B. und Jamal M. der Zeitung zufolge, ihre Pässe zurückzubekommen. Schließlich hätten sie am 16. Dezember angekündigt, ein Auto oder ein Haus anzuzünden, wenn man ihnen nicht sofort ihre Papiere aushändigen würde. Wenige Stunden später machten sie ihre Drohung wahr. Die beiden waren in der Hamelner Linsingen-Kaserne untergebracht. Sie seien zuerst auf das Dach ihrer Unterkunft gestiegen, um sich hinunterzustürzen, sagte der Anwalt laut DeWeZet vor dem Schöffengericht. "Sie gaben das Vorhaben auf, legten stattdessen Feuer und blieben so lange in ihrem Zimmer, bis sie es nicht mehr aushielten. Vor der Torwache haben sie sich dann gegenseitig Messer an den Hals gehalten und gefordert, dass die Polizei alarmiert wird", so der Verteidiger weiter. Der Vater von Ammar B. war zwei Tage vor der Tat gestorben.

Weitere Informationen

Rückkehr in den Irak mit Hindernissen

Es sind erst wenige, aber es gibt sie: Flüchtlinge, die zurück in den Irak oder nach Syrien möchten. Die Rückkehr in die Heimat ist aber nicht einfach, wie der Iraker Walid erfahren musste. (02.02.2016) mehr

Anklage: Viele Menschen wissentlich in Gefahr gebracht

B. und M. wohnten im Erdgeschoss des Wohnblocks, der dem Bericht zufolge zu dem Zeitpunkt 168 Menschen beherbergte. Sie versperrten laut Anklageschrift mit Betten die Tür ihres Zimmers und zündeten mit einem Feuerzeug die Matratzen an, obwohl ihnen bewusst gewesen sei, dass sich viele Menschen in dem dreistöckigen Gebäude aufhielten. Anschließend seien sie aus dem Fenster gesprungen.

Zwei Jahre Haft auf Bewährung

Nach der Tat kamen die beiden in Untersuchungshaft. Sie wurden wegen versuchter schwerer Brandstiftung angeklagt - darauf können durchaus mehrere Jahre Gefängnis stehen. B. und M. erhielten jedoch ein mildes Urteil. Beide hatten sich vorher nichts zuschulden kommen lassen, legten ein volles Geständnis ab - und ihre Situation war verzweifelt. Zwei Jahre Haft auf Bewährung forderte die Staatsanwaltschaft, dem folgte das Schöffengericht der Zeitung zufolge. Nach Hause allerdings können Ammar B. und Jamal M. nun nach wie vor nicht.

Die Bearbeitung von Asylanträgen

Auch Frank-Jürgen Weise kann nicht zaubern

05.02.2016 18:30 Uhr
NDR Info

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet 2016 mit einer Million Asylanträgen. Kritik am BAMF und dessen Chef sei unangebracht, kommentiert Volker Schaffranke. mehr

Nach der Anhörung geht das Warten weiter

Er kann gut Deutsch, hat einen Ausbildungsplatz - und wartet seit zwei Jahren auf eine Asyl-Entscheidung. Jetzt ist der 20-jährige Ali Mohamed Sharif aus Somalia angehört worden. (02.12.2015) mehr

Debatte über Ausstattung des Bundesamts für Migration

18.09.2015 06:08 Uhr
NDR Info

Nach dem Rücktritt von Behördenchef Schmidt hat der SPD-Politiker Lischka mehr Stellen beim Bundesamt für Migration gefordert. Für Linken-Fraktionsvize Bartsch ist dies allerdings keine Lösung. mehr