Stand: 17.11.2016 14:35 Uhr

Welfen-Archiv belegt Verstrickungen in Nazi-Zeit

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Cornelia Rauh untersucht die Geschäfte der Welfen im "Dritten Reich".

Nachdem eine NDR Dokumentation 2014 über die Geschäfte der Welfen in der NS-Zeit berichtet hatte, hatte Ernst August von Hannover das Familienarchiv geöffnet, sodass Historiker der Universität Hannover die Rolle der Adelsfamilie im "Dritten Reich" untersuchen konnten. Jetzt haben die Forscher einen Zwischenbericht vorgelegt. Demnach belegt das Archiv die Verstrickungen des Welfen-Hauses in der Nazi-Zeit. Ernst August Herzog zu Braunschweig und Lüneburg (1887-1953), der Urgroßvater von Ernst August junior, habe Ende der 1930er-Jahre große Investitionen in vormals jüdische Unternehmen getätigt, sagte Cornelia Rauh, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Hannover. Damit habe sich der Welfen-Chef am konzertierten Beutezug zulasten jüdischer Unternehmer beteiligt.

Entrechtung und gewaltsame Verdrängung von Juden

Bisher konnte nachgewiesen werden, dass Ernst August an neun "Arisierungen" beteiligt war, also an der Entrechtung und gewaltsamen Verdrängung von Juden aus dem Geschäftsleben. Vorher waren nur die drei bedeutendsten Fälle bekannt gewesen. Im Familienarchiv befindet sich auch ein Brief der Mutter des rechtmäßigen Eigentümers einer Wiener Talkumfabrik aus dem Jahr 1939: "Mein Sohn, Dr. Lothar Elbogen, dessen Firma Sie, königliche Hoheit, arisieren, befindet sich nun seit einem Jahr in Haft. Ich bitte Sie flehntlichst, königliche Hoheit, geben Sie mir mein Kind wieder." Der Brief an Herzog Ernst August blieb unbeantwortet.

Herzog Ernst August gründete Rüstungsbetrieb

Außerdem geht aus dem Welfen-Archiv hervor, dass der auf Schloss Blankenburg im Harz residierende Herzog 1939 einen Rüstungsbetrieb im österreichischen Wels gründete, wo im Verlauf des Krieges immer mehr Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. "Mit seinen Geschäften hat sich Ernst August am NS-Unrecht beteiligt", sagte Rauh. Dabei gebe es bisher keine konkreten Hinweise auf eine antisemitische Einstellung, eine Parteizugehörigkeit oder gar eine politische Führungsfunktion des Welfenoberhaupts. "Viele Deutsche und Österreicher haben sich am Raubzug zulasten jüdischer Unternehmer beteiligt, ohne dass sie der NSDAP angehörten oder ideologische Überzeugungstäter waren", so Rauh.

"Ernst Augusts unheilvolle Nähe zu den Nazis"

In der NDR Dokumentation "Adel ohne Skrupel - Die dunklen Geschäfte der Welfen" war von "Ernst Augusts unheilvoller Nähe zu den Nazis" die Rede. Daraufhin hatte Ernst August junior dem niedersächsischen Landesarchiv vor einem Jahr mehr als 3.200 Akten übergeben, um die NS-Geschäfte seiner Familie untersuchen zu lassen. "Keiner der erhobenen Vorwürfe ist ganz falsch. Wir wissen jetzt mehr über die Hintergründe", so Historikerin Rauh. Ernst August junior ist es nach eigener Aussage ein persönliches Anliegen, eine umfassende und professionelle Aufarbeitung zu ermöglichen. "Es geht mir dabei vor allem um Glaubwürdigkeit und Transparenz", sagte er.

Hintergrund

Die dunklen Geschäfte der Welfen

Das Vermögen der Adelsfamilie wird auf 400 Millionen Euro geschätzt. Woher stammt der Reichtum der Welfen? Welche Geschäfte hat die Familie während der Nazi-Diktatur getätigt? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.11.2016 | 11:00 Uhr

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