Stand: 09.03.2016 18:58 Uhr

Von der Leyen darf Doktortitel behalten

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) darf ihren Doktortitel weiter führen. Der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat sich mehrheitlich mit sieben zu einer Stimme bei einer Enthaltung dafür entschieden, ihr den Titel nicht abzuerkennen. Bei der monatelangen Prüfung der Dissertation seien klare Mängel in der Form von Plagiaten festgestellt worden, sagte MHH-Präsident Prof. Christopher Baum bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. "Es handelt sich um Fehler, nicht um Fehlverhalten. Das ist ein klarer Unterschied." Es habe keine Anhaltspunkte für eine bewusste Täuschung gegeben. Zudem kam die Prüfkommission zu dem Schluss, dass von der Leyen mit ihrer Arbeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich der Geburtshilfe geliefert hatte.

Von der Leyen ist froh, aber selbstkritisch

Von der Leyen zeigte sich nach der Entscheidung erleichtert. "Ich bin froh, dass die Universität nach eingehender Prüfung zum Schluss gekommen ist, dass meine Experimente für die medizinische Forschung relevant waren und die Arbeit insgesamt die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt", hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung. Von der Leyen übte aber auch Selbstkritik: "Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selber stelle."

MHH prüft ein halbes Jahr

Plagiatsjäger der Internet-Plattform "VroniPlag Wiki" hatten von der Leyen vorgeworfen, bei ihrer Dissertation aus dem Jahr 1990 abgeschrieben zu haben. Von der Leyen habe fremde Texte ohne saubere Kennzeichnung übernommen. Dies sei ein schwerer Regelverstoß. Ein halbes Jahr lang hatte die MHH die 62 Seiten starke Doktorarbeit von der Leyens geprüft. Die Verteidigungsministerin selbst hatte ihre frühere Hochschule im September um eine Überprüfung der Arbeit gebeten.

Merkel stärkt von der Leyen den Rücken

Kurz vor der Entscheidung der Hochschule hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sich hinter von der Leyen gestellt. Auf die Frage, ob von der Leyen auch ohne den akademischen Grad noch das Vertrauen der Kanzlerin habe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin: "Selbstverständlich. Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin." Auch die niedersächsische CDU hatte der Verteidigungsministerin vorab den Rücken gestärkt. "Ich gehe nicht davon aus, dass Ministerin von der Leyen ihren Doktortitel verlieren wird. Für ihr Amt als Verteidigungsministerin ist diese Frage ohnehin zweitrangig: Ursula von der Leyen ist eine ausgezeichnete Verteidigungsministerin, die in globalen Krisenzeiten die richtigen Entscheidungen trifft", sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende im Niedersächsischen Landtag, Björn Thümler.

Ist Verjährungsfrist von Plagiaten sinnvoll?

Professor Wolfgang Löwer, der als wichtigster Experte für wissenschaftliches Arbeiten in Deutschland gilt, plädierte unterdessen für eine Verjährungsfrist bei Plagiatsfällen. Das bedeute nicht, dass er verdächtige Doktorarbeiten auch nach mehreren Jahren nicht mehr prüfen lassen wolle. Ihm gehe es vor allem um den gesellschaftlichen Schutz der Verfasser. "Nur die Sanktionsbefugnis sollte verjähren", sage der Sprecher des Gremiums "Ombudsman für die Wissenschaft". "Man müsste dann nicht seinem gesamten wirtschaftlichen und privaten Umfeld mitteilen: 'Übrigens, ich bin kein Doktor mehr.' Man müsste dann auch nicht mehr Kündigungen durch den Arbeitgeber fürchten."

VroniPlag Wiki: Plagiate auf 27 von 62 Seiten

Aus den Auswertungen auf "VroniPlag Wiki" geht im Fall von der Leyen hervor, dass drei der beanstandeten Seiten zwischen 50 und 75 Prozent Plagiatstext enthalten und fünf Seiten mehr als 75 Prozent. Insgesamt seien auf 27 der 62 Seiten Plagiate gefunden worden. Das Ministerium hatte eigenen Angaben zufolge im August 2015 die MHH selbst über die Vorwürfe gegen ihre Arbeit informiert und um Überprüfung gebeten.

Ministerin weilt in Stanford

Von der Leyen hielt sich am Mittwoch in den USA auf, im kalifornischen Stanford. Am Mittwochabend hielt sie eine Rede an der dortigen Universität, an der sie in den 90er-Jahren als Gasthörerin Veranstaltungen besuchte.

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