Stand: 22.09.2017 17:04 Uhr

Vier Waschbären - und ein unklares Schicksal

Mit einer verletzten Pfote hockt ein Waschbär-Baby im Spätsommer in einem Kleingarten in Hildesheim. Neben ihm liegt ein wenige Wochen altes, verletztes Geschwistertier, die Waschbär-Mutter ist nirgends zu sehen. Die alarmierte Feuerwehr Hildesheim bringt die zwei Jungtiere in die Tierärztliche Hochschule (TiHo) in Hannover. Während eines der Tiere trotz der Bemühungen der Ärzte stirbt, wollen die Mediziner den anderen, nur leicht verletzten Waschbären nicht einschläfern. Doch damit ergibt sich ein Problem: Wohin mit dem Tierchen? Waschbären sind in der niedersächsischen Natur unerwünscht.

Waschbär steht auf der EU-Liste invasiver Arten

"Als Tierärzte haben wir einen Eid abgeleistet, der uns dazu verpflichtet, Tieren in Not zu helfen. Ähnlich wie der hippokratische Eid bei Humanmedizinern", erklärt Michael Fehr, Direktor für die Abteilung Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel an der TiHo. Der kleine Bär wird also getreu dem tierärztlichen Eid gerettet - und nun? Die Europäische Union hat Waschbären vor einem Jahr auf eine Liste mit insgesamt 37 sogenannten invasiven Tier- und Pflanzenarten gesetzt, deren Ausbreitung in Europa bekämpft werden soll. Deshalb sind Waschbären in Niedersachsen zum Abschuss freigegeben.

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Neues Zuhause - für wie lange?

Fehrs kontaktiert den Leiter der Waldstation Eilenriede in Hannover, Hans Geiges. Die Waldstation ist eine Bildungseinrichtung der Landeshauptstadt, in der Schulklassen und erwachsene Interessierte etwas über die Tier- und Pflanzenwelt lernen können. Geiges beherbergt in seinem Zentrum verletzte Wildtiere, die nicht sofort oder gar nicht mehr in die freie Natur entlassen werden können. Nur eine Woche zuvor hatte eine Frau drei Waschbär-Babys in die Waldstation gebracht. Nun sind es also vier Jungtiere: drei Männchen und ein Weibchen. Ob sie in ihrem neuen Zuhause bleiben dürfen, ist derweil unklar. Denn seit der EU-Verordnung ist es nicht nur verboten, Waschbären zu züchten, zu verkaufen und zu importieren, auch ihre Haltung ist untersagt. Tierparks dürfen ihre Waschbären behalten, bis sie eines natürlichen Todes sterben, aber keine neuen aufnehmen.

Lernen am lebenden Waschbären

Waldstation-Leiter Geiges hofft nun auf eine Ausnahmegenehmigung. Er hat bei der Unteren Naturschutzbehörde beantragt, die Jungtiere zu Lehrzwecken behalten zu dürfen. Die vier sollen in das Programm des Bildungszentrums integriert werden. Die eigentlich nachtaktiven Waschbären lernen zum Beispiel, am Tag aktiv zu sein. Sie werden geimpft, sterilisiert und an den Umgang mit Menschen gewöhnt.

Waschbären breiten sich von Süden her aus

Die Zahl der Waschbären ist in Niedersachsen in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Vor allem im Süden in den Landkreisen Göttingen und Northeim sowie im Nordosten werden sie zunehmend gesichtet. Auch in der Region Hannover und im Landkreis Hameln-Pyrmont treiben sie sich offenbar zunehmend herum. Laut Landesjägerschaft meldeten 2006 22 Prozent der Jagdreviere Vorkommen von Waschbären, 2016 waren es schon 43 Prozent. Schossen Jäger im Jagdjahr 2001/2002 noch 866 Tiere, war es laut aktuellem Landesjagdbericht 2015/2016 eine Rekordzahl von 10.070. Tierschützer bezweifeln indes die Wirksamkeit des massenhaften Abschusses: Sie argumentieren, dass die Tiere durch die Jagd auf sie mit verstärkter Population reagieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.07.2017 | 13:00 Uhr

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