Stand: 29.06.2015 08:35 Uhr

Supermarkt-Serienräuber ist "sicher gefasst"

"Es ist uns gelungen, einen 42-jährigen polnischen Staatsbürger festzunehmen, von dem wir sicher sind, dass es sich um den Täter handelt", so der hannoversche Polizeivizepräsident Thomas Rochell am Freitagmittag während der Pressekonferenz zum mutmaßlichen Supermarkt-Räuber, der in Hannover-Stöcken einen Kunden erschossen hat. Unter anderem stimmten DNA-Proben, die von dem Mann genommen wurden, zu 100 Prozent mit Spuren überein, die an einer ganzen Reihe von Tatorten gefunden wurden, wie Oberstaatsanwalt Thomas Klinge erklärte. Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei habe den Mann am frühen Donnerstagmorgen in der Nähe von Dresden festgenommen. Die monatelangen Ermittlungen nannte Rochell einen "personellen und psychischen Kraftakt". Sie seien aber noch nicht abgeschlossen. Nun gelte es, die Anklage wasserdicht zu machen, so der Polizeipräsident. Das Amtsgericht Hannover erließ am Freitagmittag einen Haftbefehl.

Verdächtiger schweigt zu Vorwürfen

Der Festgenommene befinde sich in Hannover, sagte Oberstaatsanwalt Klinge. Er sei bereits vernommen worden, bisher habe er aber geschwiegen. Laut Klinge hat der Festgenommene lediglich zu Protokoll gegeben, dass er zum fraglichen Zeitpunkt Anfang Dezember 2014 nicht in Hannover war. Die Verteidiger des mutmaßlichen Supermarkträubers habe Akteneinsicht. Die Staatsanwaltschaft warte nun ab, ob der Festgenommene weiter schweige, sagte Klinge am Montagmorgen auf Nachfrage von NDR.de

Haftbefehl wegen zwölf Raubüberfällen

Der Supermarkt-Räuber könnte für mehr als 40 Überfälle auf Discounter und Supermärkte in Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen und Bayern verantwortlich sein. Der Antrag der Staatsanwaltschaft Hannover beziehe sich zunächst auf zwölf Straftaten, teilte Klinge bei der Pressekonferenz mit. Dazu zähle auch der tödliche Raubüberfall vom vergangenen Dezember in Hannover-Stöcken, bei dem ein 21-jähriger Kunde erschossen wurde, der einer Kassiererin helfen wollte.

Vielzahl von Fingerabdrücken und DNA-Spuren

Der Täter ist nach Angaben der leitenden Ermittlerin Ingrid Rabbe immer gleich vorgegangen: Er kam kurz vor Geschäftsschluss möglichst als letzter Kunde in den Supermarkt, füllte seinen Einkaufswagen und ließ die Waren dann von der Kassiererin einscannen. Immer wenn er bezahlen sollte, zog er eine Schusswaffe und verlangte das Geld aus der Kasse. Der Täter habe nicht davor zurückgeschreckt, die Waffe auch einzusetzen, so Rabbe. Neben den tödlichen Schüssen auf den 21-Jährigen, schoss er einem weiteren Kunden in Hannover ins Bein, bei einem anderen Fall einer Kassiererin in den Fuß. Mehrfach habe er auch in den Fußboden geschossen. Während der Überfälle trug der Mann zwar immer eine Kopfbedeckung, aber keine Handschuhe. Die Ermittler konnten daher auf eine Vielzahl von Fingerabdrücken und DNA-Spuren zurückgreifen.

Dunkler BMW mit Wechselkennzeichen war wichtige Spur

Der festgenommene 42-Jährige ist jetzt aber erstmalig polizeilich auffällig geworden, deshalb gab es von ihm weder Fingerabdrücke noch DNA-Spuren. Auch Anfragen in Nachbarländern, unter anderem in Polen, hätten zu keinen Treffern geführt, so Ermittlerin Rabbe. Neben den an mehreren Tatorten übereinstimmenden DNA-Spuren konnte die Polizei auch die verschossene Munition einer bestimmten Waffe zuordnen. Eine weitere wichtige Spur war der dunkle BMW, den zwei Zeugen vor unterschiedlichen Tatorten beobachtet hatten. Der schwarze BMW, in dem der 42-Jährige am Donnerstag festgenommen wurde, war laut Oberstaatsanwalt Klinge mit wechselbaren Kennzeichen ausgestattet. "Es konnte in Windeseile von einem deutschen auf ein polnisches Kennzeichen umgestellt werden", erklärte Klinge.

Überfälle des Supermarkt-Räubers

Aufgrund der Übereinstimmung von Tatortspuren - ballistische Gutachten sowie DNA-Spuren - konnten dem mutmaßlichen Täter zwischenzeitlich sechs Überfälle in Niedersachsen (zweimal Hannover, Salzgitter, Gifhorn, Hemmingen, Wolfenbüttel), vier in Nordrhein-Westfalen (Hamm, Bottrop, Essen, Bad Driburg), drei in Sachsen-Anhalt (Burg bei Magdeburg, Möckern bei Burg, Dessau-Roßlau), drei Taten in Bayern (Hof, Kulmbach und Pegnitz) sowie eine weitere in der Stadt Brandenburg (Brandenburg) zugeordnet werden. Der Haftbefehl gilt zunächst für zwölf Taten, weil für fünf Fälle aus anderen Bundesländern die Ergebnisse der DNA-Überprüfung noch nicht an die Ermittler in Hannover überstellt wurden. Darüber hinaus prüft die Polizei Zusammenhänge zu 26 weiteren Taten.

Handynummer verrät Verdächtigen

Entscheidend für die Festnahme ist aber das Handy des mutmaßlichen Serienräubers gewesen. "Der Ermittlungserfolg ist ein klarer Beleg für die Erfordernis einer Vorratsdatenspeicherung bei der Aufklärung schwerster Straftaten", so Polizeivizepräsident Rochel. Die Ermittler stellten fest, dass sich eine Handynummer immer wieder im Bereich der Tatorte in Funkmasten eingewählte. Diese Handynummer wählte sich am Mittwochabend um 22 Uhr in einen Funkmast in der Nähe von Cottbus ein. Daraufhin wurden mehrere SEK-Teams aus verschiedenen Bundesländern eingesetzt, die dieser Nummer ein bestimmtes Fahrzeug und eine Person zuordnen konnten.

SEK-Zugriff an der Autobahn

Das Auto fuhr auf der A 13 Richtung Dresden, verfolgt von einem SEK-Team aus Bayern. Als der Mann auf den Parkplatz "Dresdener Tor Nord" fuhr und seinen Wagen abstellte - offenbar um zu schlafen - griffen die Polizisten zu. Sie zerschlugen die Seitenscheiben des Pkw und zerrten den Verdächtigen aus dem Auto. Er ließ sich nach Angaben der Polizei widerstandslos am frühen Donnerstagmorgen um 5.11 Uhr festnehmen. In dem Wagen fanden die Beamten auch die gesuchte Waffe. Sie war durchgeladen und schussbereit.

Motiv noch unklar

Das mögliche Motiv des 42-jährigen Verdächtigen ist noch unklar. Er lebt zusammen mit einer Partnerin und seinem kleinen Kind in Polen. Die Wohnung ist am Freitag bereits durchsucht worden, Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die Polizei geht davon aus, dass er während seiner kurzen Aufenthalte in Deutschland kaum Zeit für andere Sachen hatte und daher nur für die Taten nach Deutschland eingereist ist. Die Schadenssumme der Überfallserie gibt die Polizei mit 100.000 Euro an.

Weitere Informationen

Kunde bei Supermarkt-Überfall in Hannover erschossen

Bei einem Überfall auf einen Supermarkt in Hannover ist ein Kunde erschossen worden, als er den Täter aufhalten wollte. Der Mann ist flüchtig und könnte noch bewaffnet sein. (05.12.2014) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 26.06.2015 | 06:00 Uhr