Stand: 06.06.2017 14:04 Uhr

Schlammlawine hinterlässt überall Spuren

Nach dem schweren Unwetter mit heftigem Starkregen haben die Menschen in vielen Orten im Landkreis Hildesheim noch immer alle Hände voll mit den Aufräumarbeiten zu tun. Keller müssen trocken gelegt, Vorgärten von Schlamm befreit und Straßen ausgebessert werden. Die Schadenshöhe in den betroffenen Ortsteilen Sottrum und Hackenstedt ist noch unklar. Der Versicherungskonzern Talanx rechnet erst gegen Ende der Woche mit den ersten Schadensmeldungen, da die Betroffenen noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt sind. Erst danach werde ersichtlich, welche Schäden das Unwetter verursacht hat, hieß es.

Anwohner in Rohr gespült

Am Sonnabend hatte plötzlicher Starkregen Gräben und Bäche in reißende Ströme verwandelt. Keller waren vollgelaufen und Autos durch die Wassermassen mitgerissen worden. Ein Anwohner im Ortsteil Wesseln wurde von Wassermassen in ein Durchleitungsrohr gespült, konnte aber schnell von Helfern gerettet werden. Das Freibad in Bodenburg in Bad Salzdetfurth, das mit Schlamm vollgelaufen war, wird in den nächsten Tagen nicht öffnen können. "Wir werden noch einige Zeit brauchen, um den Schlamm abzupumpen", sagte Gemeindebrandmeister Matthias Bellgard.

40 Liter Regen in weniger als einer Stunde

In der Gemeinde Sottrum waren nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) rund 40 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde heruntergeprasselt. Zum Vergleich: Normalerweise sind es dort rund 75 Liter im gesamten Juni. "Ein solches Hochwasser hatten wir hier seit 70 Jahren nicht mehr", sagte Kfz-Meister Georg Godeck. Mittlerweile stehen zwölf Autos in seiner Werkstatt, die er gemeinsam mit Nachbarn am Sonnabend aus dem Wasser gezogen hat. "Die haben alle einen Totalschaden, weil sie von innen vollgelaufen sind."

"Wir waren völlig chancenlos"

Der Schock bei den Anwohnern sitzt nach dem Unwetter tief: "Wir waren völlig chancenlos", fasst Anwohnerin Sabine Mahnkopf das dramatische Geschehen im Landkreis Hildesheim zusammen. "Es war eine riesige Schlammwelle, die wie aus dem Nichts kam." Der Borbach, durch den die enorme Schlammwelle rauschte, ist für gewöhnlich ein friedliches Bächlein. Die Bürger seien besorgt, so Holles Bürgermeister Klaus Huchthausen (SPD). Er wolle alles tun, um sicherzustellen, dass sich das nicht wiederholt. "Wir sind gerade dabei, die Gräben zu reinigen."

Karte: Hier hat das Unwetter gewütet

Eine halbe Stunde Unwetter

Vorhersehbar sei das Unglück keinesfalls gewesen, sagte Holles Feuerwehrsprecher Bernd Scharlemann: "Das war eine Extremwetterlage." Die Situation war lokal begrenzt, nur wenige Kilometer entfernt fiel zum gleichen Zeitpunkt teilweise gar kein Regen. Man spricht von "lokalem Wetter". Nach etwa einer halben Stunde war die eigentliche Flut am Samstagabend vorüber. Die Anwohner müssen sich mit den Verwüstungen, die die Schlammlawine hinterlassen hat, wohl noch länger beschäftigen: "Es wird sicher in vielen Immobilien nötig sein, eine professionelle Trocknung durchzuführen", sagte Scharlemann.

Landkreis Hildesheim: Gemeinsam gegen den Schlamm

Viel Arbeit für Betroffene und Helfer

Am Pfingstmontag hat zumindest die Feuerwehr in Holle keine offiziellen Einsätze mehr fahren müssen. Am Sonnabend und Sonntag dagegen waren die Einsatzkräfte fast rund um die Uhr damit beschäftigt, Keller auszupumpen, Hofflächen zu reinigen und mit anzupacken, wenn Autos und andere schwere Gegenstände aus dem Weg geräumt werden mussten. Weil viele Gullischächte mit Kies und Dreck verstopft waren, konnte das Wasser zunächst nur schlecht ablaufen. Und so wurden nicht nur Keller ausgepumpt, sondern auch Gullis gereinigt.

Solidarität als positive Erkenntnis

"Fassungslos" - das war für einige Stunden das wohl am häufigsten genutzte Wort in der Unglücksregion. Inzwischen allerdings ist eine weitere Vokabel hinzugekommen: "Solidarität". Wie die Bürger in Holle, Bad Salzdetfurth und den anderen Orten zusammenhalten, wie gemeinsam Möbel getragen und Schlammeimer gehievt wurden - das ist für Bürgermeister Huchthausen eine der positiven Lehren aus dem Geschehen: "Die Gemeinschaft und der Zusammenhalt hier sind einzigartig." Welche weiteren Erkenntnisse aus dem Ablauf des Unwetters gezogen werden können, das werde man dagegen erst in den nächsten Tagen sagen können.

Welche Versicherung zahlt für Überflutungsschäden?

Eine Universal-Versicherung gegen Unwetterschäden gibt es nicht. Vielmehr müssen einzelne Risiken durch mehrere Versicherungsarten abgedeckt werden. Der Bund der Versicherten (BdV) rät Mietern, eine Hausrat-Versicherung abzuschließen. Haus- und Wohnungsbesitzer brauchen zusätzlich einen Wohngebäudeschutz. Doch beide Versicherungen kommen nicht zwingend für Überflutungen, wie sie die Menschen im Landkreis Hildesheim jetzt erlebt haben, auf. Der BdV rät daher, das Kleingedruckte beim Abschluss einer Versicherung genau zu lesen. Denn in manchen Fällen sind Schäden durch sogenanntes Oberflächenwasser - also Flüsse und Bäche, die über die Ufer treten oder Regenwasser - nicht abdeckt. Dann wird zusätzlich eine Elementarschaden-Versicherung benötigt.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.06.2017 | 19:30 Uhr

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