Stand: 11.02.2016 17:17 Uhr

Salzhemmendorf: Steht Prozess vor dem Aus?

"Im Stile eines Haustürgeschäfts" sollen Opfer des Brandanschlages von Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) von Anwaltsvertretern aufgesucht worden sein. Das geht zumindest aus dem Fax eines Anwaltes aus Hannover hervor, das am Donnerstagmittag beim Landgericht Hannover einging. Vier der insgesamt 13 Nebenkläger wollen demnach nicht mehr als Nebenkläger auftreten. Nachdem das Gericht das Schreiben erhalten hatte, wurde der Prozess gegen die drei mutmaßlichen Brandstifter zunächst für eine Stunde unterbrochen. Die vier Betroffenen hätten Bevollmächtigungen unterschrieben, ohne sie verstanden zu haben, kritisierte Rechtsanwalt Christoph Rautenstengel, der im Prozess die Angeklagte Saskia B. vertritt. Er beantragte eine Aussetzung des Verfahrens. Es leide aus seiner Sicht an einem unheilbaren Mangel und müsse neu begonnen werden. Die weiteren Verteidiger schlossen sich dem Antrag an. Das Gericht will über diesen Antrag "später" entscheiden, wann genau das sein wird, ist nicht bekannt. Der Anwalt eines ausgeschiedenen Nebenklägers musste den Gerichtssaal verlassen. Die Anwälte der drei anderen vertreten noch weitere Nebenkläger und blieben. Anschließend wurde die Vernehmung der Zeugen fortgesetzt.

"Angeklagter zeigte Hitlergruß"

Am zweiten Prozesstag wollte das Landgericht versuchen, die Hintergründe des Brandanschlags mithilfe von Zeugenaussagen zu klären. Dabei standen vor allem die politische Gesinnung und der Alkoholkonsum der beiden 25 und 31 Jahre alten Männer im Fokus. Der 31-Jährige hatte gestern gestanden, im vergangenen Jahr den Brandsatz in das Gebäude geworfen zu haben. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch befragte am Donnerstag unter anderem einen noch minderjährigen Zeugen, der nach mehreren Nachfragen zugab: "Wir haben über Hitler geredet, dass der ganz gut wäre." Außerdem habe der Angeklagte ihm gegenüber in Gesprächen über Flüchtlinge geäußert, er wolle "die" brennen sehen. Über den 25-jährigen Angeklagten habe er außerdem gehört, dass dieser öffentlich einen Hitlergruß gezeigt habe.

"Dann hätte ich doch das erste Opfer sein müssen"

Ein befreundeter Kollege beteuerte dagegen vor dem Landgericht, von einer rechten Gesinnung des 31-jährigen Angeklagten nichts mitbekommen zu haben. Er beschrieb ihn als hilfsbereit und unauffällig. "Wenn er so einer wäre, dann hätte ich doch das erste Opfer sein müssen", so der Mann mit armenischen Wurzeln. Übereinstimmend beschrieben die Zeugen den 31-Jährigen als einen Menschen, der große Mengen Alkohol konsumiert und vertragen habe. Beide männliche Angeklagte hatten am ersten Prozesstag erklärt, vor dem Anschlag erhebliche Mengen Alkohol getrunken und dadurch die Kontrolle über ihre Handlungen verloren zu haben.

"Zweites Trauma" für Frau aus Simbabwe

Die 25 und 31 Jahre alten Männer und die 24-jährige Frau müssen sich wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung verantworten. Bei einer Verurteilung drohen ihnen einem Gerichtssprecher zufolge Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren. Ende August sollen sie eine Brandflasche in die Wohnung einer 34-Jährigen aus Simbabwe und ihrer drei kleinen Kinder geworfen haben. Die Frau leidet nach Angaben ihres Anwalts noch immer schwer unter den Folgen. Sie sei sehr ängstlich und habe in Salzhemmendorf "ihr zweites Trauma erlebt", sagte er vor Prozessbeginn. Am ersten Prozesstag sagte sie aus, sie befinde sich wegen Schlaf- und Angststörungen in Behandlung. Ihre Kinder könnten nicht mehr in eigenen Zimmern schlafen.

Ein Täter war Mitglied der Feuerwehr

Die Tat hatte im Sommer vergangenen Jahres bundesweit Entsetzen hervorgerufen. Nur durch viel Glück wurde keiner der 40 Bewohner der Unterkunft verletzt. Der Brandsatz landete im Kinderzimmer eines elfjährigen Jungen. Das Kind blieb nur deshalb unverletzt, weil es ausnahmsweise mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern im Nebenraum schlief. Die drei Angeklagten wurden einen Tag später festgenommen. Dass einer von ihnen Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr von Salzhemmendorf war, hatte für zusätzliche Erschütterung im Weserbergland gesorgt.

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Hallo Niedersachsen | 11.02.2016 | 19:30 Uhr