Stand: 01.07.2015 09:31 Uhr

Rosenkreuzer wollen weg vom Sekten-Image

Religiöse Gemeinschaft? Sekte? Geheimbund? Die sogenannten Rosenkreuzer werden von außen misstrauisch und kritisch betrachtet. Was spielt sich ab hinter geschlossenen Türen, in ihren Tempeln? Die wirklich wichtigen Veranstaltungen der "Internationalen Schule des Goldenen Rosenkreuzes - Lectorium Rosicrucianum" finden nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sie sind nur für Schüler dieser Geistesschule geöffnet - je nach der Stufe, die diese erreicht haben. Das Konferenzzentrum der Rosenkreuzer in Bad Münder (Landkreis Hameln-Pyrmont) feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen - und öffnet zu diesem Anlass sein Haus für Besucher. Auch, um einmal mehr deutlich zu machen: Hier ist nichts geheim. Ganz entgegen der Stimmen der Kritiker.

Sabine Franke und Wolfgang Scheid-Franke, Intendanten des Konferenzzentrums der Rosenkreuzer in Bad Münder © NDR Fotograf: Eric Klitzke

Mitgliedschaft - Freiwillig oder unter Druck?

Ein Leben für das Jenseits: Die Gemeinschaft der Rosenkreuzer ist umstritten. Wolfgang Scheid-Franke, Intendant des Konferenzzentrums in Bad Münder, bezieht Stellung.

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"Wir machen vielleicht etwas, das nicht jeder versteht"

"Alles, was wir zu sagen hätten, ist veröffentlicht", betont der Intendant des Van Rijckenborgh Konferenzzentrums, Wolfgang Scheid-Franke. "Wir haben keine Geheimnisse. Die Veranstaltungen, die wir machen, sind im Wesentlichen öffentlich." Man verstehe sich nicht als geheim, erklärt auch Scheid-Frankes Frau und Intendantin des Zentrums, Sabine Franke. Sie stellt fest: "Wir machen vielleicht etwas, das nicht jeder versteht". Geheim sei das aber nicht, wiederholt sie.

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Einzelne Stufen sind streng getrennt

Dass trotzdem nicht jeder alles wissen darf, wird beim Blick ins Regelwerk der Gemeinschaft schnell deutlich: "Spätestens ab dem Bereich des Bekennenden Schülertums sind die Schüler zur 'absoluten Geheimhaltung aller Schriftstücke, Besprechungen und Handlungen, die mit der Geistesschule der jungen Gnosis im Zusammenhang stehen', verpflichtet." So zitiert die EZW aus den Bedingungen für die Teilhabe. Bestimmtes Wissen, bestimmte Veranstaltungen sind folglich nur denen vorbehalten, die sich verbindlich der Rosenkreuzer-Lehre verschrieben haben. Eine Aussteigerin, die ihren Weg aus der Gemeinschaft gefunden hat, drückt es energischer aus. Jede niedrigere Stufe solle "absolut nichts von der nächst höheren wissen", zitiert die EZW die Frau.

Blick richtet sich auf das Jenseits

Doch worum geht es bei den Lehren der Rosenkreuzer? Diese verständlich darzustellen, ist nicht ganz einfach: Die Mitglieder und Schüler streben nach einer vollständigen Veränderung ihrer selbst, nach einer Erkenntnis, die nach und nach immer mehr Einfluss auf das Leben erhält - und auch erhalten soll. Die Rosenkreuzer gehen davon aus, dass Gott und Mensch keine zwei voneinander getrennten Einheiten sind, sondern dass jeder Mensch Gott, Jesus, den Heiligen Geist in sich trägt. Als besonders wichtige Werte nennt Intendant Scheid-Franke Streitlosigkeit und materielle Bescheidenheit. Der Blick der Rosenkreuzer richtet sich vor allem auf das Jenseits, auf ein Reich fern der Welt im Hier und Jetzt. Diese empfinden sie als schlecht.

Keine Drogen, keine Kirche, keine Politik

Alkohol, Tabak und bewusstseinsverändernde Drogen sind für die Schüler laut Regelwerk nach einiger Zeit tabu. Sie dürfen zudem keine Federn oder Pelze tragen oder nutzen und müssen vegetarisch leben. Dies hat allerdings weniger mit Mitleid den Tieren gegenüber zu tun als mit der Erdgebundenheit dieser Kreaturen zu, die der Ablösung vom Irdischen und der Erlösung im Weg stehen könnte. Mitgliedschaften in anderen Kirchen oder religiösen Vereinigungen müssen gekündigt werden. Auch aus politischen Parteien müssen die Schüler austreten - das Leben soll sich schließlich nicht auf diese, sondern die nächste Welt ausrichten. Gerade das Abwenden von der nach Rosenkreuzer-Verständnis schlechten Welt bietet Kritikern ihre Angriffspunkte. Sie bezeichnen die Rosenkreuzer als Sekte und sagen, dass die Mitglieder von ihrer Umwelt, ihren Familien und ihren Freunden isoliert werden.

Van Rijckenborgh Konferenzzentrum Bad Münder

Das Konferenzzentrum ist nach Jan van Rijckenborgh (1896-1968) benannt, einem der Gründer des Lectorium Rosicrucianum, der nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) gemeinsam mit der zweiten Gründerin Catharose de Petri als "Großmeister" bezeichnet wird. Die wesentlichen Lehrschriften der Schule des Goldenen Rosenkreuzes stammen von den beiden "Großmeistern".
Dem EZW zufolge sind die Rosenkreuzer weltweit in 50 Ländern aktiv. In Deutschland gibt es demnach 2.200 Schüler und außerdem rund 2.000 Mitglieder (Stand 2012). Dem Konferenzzentrum in Bad Münder gehören dem Intendanten Wolfgang Scheid-Franke zufolge 1.100 Menschen an.

EZW betrachtet Rosenkreuzer nicht als Sekte

Als Sekte will Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, das Lectorium jedoch nicht verstehen. Der Begriff sei zu diffus und löse oftmals falsche Assoziationen aus. Dennoch: Als unbedenklich empfindet er die Vereinigung nicht. "Gefährlich ist bei solcherlei religiösen Gruppierungen, wenn sie sich gewisse Exklusivitäten zuschreiben. Wenn die Gruppe ausschließlich versucht, unter sich zu sein, soziale Beziehungen zu kontrollieren, Überwachungsstrukturen zu etablieren oder Außenkontakte zu Andersdenkenden zu unterbinden." Die EZW zitiert dazu erneut den Bericht der Aussteigerin: "Bereits im ersten Jahr meines Schülerweges veränderten sich meine mitmenschlichen Kontakte. (...) Ich hatte kein Interesse mehr, mich erklären zu müssen. Wir Schüler untereinander brauchten uns nicht mehr zu überzeugen. (...) Dagegen stellten meine früheren Freunde kritische Fragen."

Furcht vor Herabstufung oder Rauswurf

"Die Radikalität einer Gruppe zeigt sich darin, dass Anhänger, die nicht linientreu sind und sich nicht fügen wollen, einfach in ihren Zugehörigkeitsstufen zurückgesetzt, aus der Gruppe ausgeschlossen oder gar rausgeschmissen werden", sagt Lamprecht. Die Überzeugung der Menschen bleibe aber weiterhin bestehen, nur fänden sie keinen Zugang zu Gleichgesinnten mehr. Der Rauswurf sei deshalb die eigentliche Folter. "Die Fesseln sind also nicht äußerlicher Natur, sondern im Kopf. Das wurde als internes Druckmittel benutzt." So schildert auch die Aussteigerin laut EZW: "Kritik, die bis zur Leitung vordringt, bedeutet eine Gefährdung für das 'Vorwärtskommen' auf dem stufenweisen 'Einweihungsweg', wird also bestraft." Von Druck und Zwang will Scheid-Franke nichts hören: Die Freiwilligkeit sei "erste Priorität". "Es gibt nichts, was hier unter Zwang geschieht", ergänzt er. Klar ist aber auch: Ab einer gewissen Stufe innerhalb der Schule müssen die Schüler die Regeln befolgen.

Anpassungen in jüngster Zeit

Scheid-Franke kennt die Kritik, die sich gegen seine Gemeinschaft richtet, die potenziellen Gefahren, vor denen auch Lamprecht warnt. Freundschaften mit Angehörigen anderer Religionen außerhalb der Rosenkreuzer seien äußerst erwünscht, betont er. Und auch Lamprecht merkt an, dass sich Kontrollen gelockert hätten. Er verzeichnet bei der Gruppierung einen gewissen Paradigmenwechsel im Verlauf der vergangenen Jahre: "Bestimmte Regeln wurden umformuliert oder abgeschafft. Außerdem hat sich das Lectorium mittlerweile mehr geöffnet gegenüber geistesverwandten Strömungen aus den Bereichen der Esoterik, Mystik und Anthroposophie. Vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen."

Geheimnis oder Offenheit - was hinter den Rosenkreuzern steckt, werden auch die Besucher beim Tag der offenen Tür in Bad Münder nicht endgültig klären können. Doch zumindest können sie sich am 4. Juli, zwischen 12 und 17 Uhr, im Querlandweg 5, einen Eindruck verschaffen.