Stand: 19.05.2015 20:49 Uhr

Polizeiskandal Hannover: Spiele mit scharfer Waffe?

von Angelika Henkel, NDR Fernsehen, und Stefan Schölermann, NDR Info
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In der Inspektion der Bundespolizei in Hannover soll es zu verbotenen "Waffenspielen" gekommen sein.

Im Zusammenhang mit den Vorfällen in der Bundespolizeiinspektion Hannover sind neue Vorwürfe laut geworden: Wieder spielt jener Beamte eine zentrale Rolle, gegen den die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren führt. Und erneut stellt sich die Frage, warum die Führungskräfte der Polizeiinspektion am Hauptbahnhof von alledem nichts gewusst haben. Denn in zumindest einem gravierenden Fall gibt es nach NDR Recherchen Zeugen.

Kollegen mit Dienstwaffe bedroht?

Konkret geht es um den Umgang mit der Dienstwaffe. Diese ist auch im Normalbetrieb stets entsichert und durchgeladen. Das war auch im August 2013 so, als nach gemeinsamen Recherchen des NDR Fernsehmagazins Hallo Niedersachsen und des Nachrichtensenders NDR Info der Beamte im gemeinsamen Aufenthaltsraum seine Dienstwaffe gezogen und den Lauf einem anderen Polizisten an die Schläfe gehalten haben soll. Zugleich soll er ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben. Nach Angaben eines Insiders, der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte, haben insgesamt fünf Beamte diesen Vorgang miterlebt.

Offenbar keine Einzelfälle

Ein derartiger Umgang mit der Dienstwaffe ist nach Ansicht des Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei in Niedersachsen, Dietmar Schilff, ein klarer Verstoß gegen alle Regeln des Waffengebrauchs: "So etwas ist strafbar und Menschen verachtend", sagte Schilff dem NDR.

Trotzdem war es offenbar kein Einzelfall. Ein weiterer Insider, auch er möchte anonym bleiben, berichtet dem NDR, dass ein derart "lockerer Umgang" mit den Waffenvorschriften über einen längeren Zeitraum zu beobachten gewesen sein soll. In mehreren Fällen sei auch auf ihn eine Waffe gerichtet worden. Im vertraulichen Gespräch mit dem NDR heißt es außerdem: "Das waren Vorfälle wie: Jemandem eine Waffe an den Kopf halten. Die Waffe einfach auf Beamte richten. Oder Vorfälle wie: Die Waffe einfach aus dem Holster zu nehmen und reinzupusten."

"Immer auch Aggressivität dahinter"

Jeder Vorgang für sich genommen ist ein klarer Regelverstoß mit tödlichem Risiko. Und dennoch ist offenkundig nichts von diesen Vorfällen "nach oben" gemeldet worden. Die Neigung, Verstöße an höhere Stellen zu melden, sei "im Kollegenkreis sehr gering gewesen", berichtet einer der Beamten, die mit dem NDR vertraulich sprechen wollten. Was für ein Klima also herrschte in dieser Wache? Der Hamburger Polizeiwissenschaftler Professor Rafael Behr kennt solche Fälle. Sie geschehen, so der Wissenschaftler, in der Regel in Gruppen, in denen ein Klima der Angst herrsche und in denen es einzelne Personen gebe, die dominant sind und andere Kollegen zwingen, sich Dinge gefallen zu lassen. Wenn Waffen im Spiel sein, werde die Lage gefährlich, auch wenn nur "zum Schein" mit der Pistole gefuchtelt werde: "Es ist nicht nur Spaß, es ist immer auch Aggressivität dahinter. Und das macht die Sache so bedrohlich."

"Gefahrengemeinschaften, die voneinander abhängig sind"

Dass offenbar niemand die Vorfälle an Vorgesetzte meldete, kann aus Sicht des Polizeiwissenschaftlers auch diesen Grund haben: "Ich betrachte solche Polizeigruppen häufig als Gefahrengemeinschaften, in denen auch eine gegenseitige Abhängigkeit besteht, weil jedem im Laufe seiner Dienstzeit einmal etwas passiert, bei dem er auf die Diskretion der Kollegen angewiesen ist. Das können Kleinigkeiten sein. Aber alle Polizisten wissen etwas von einander, was nicht an die Öffentlichkeit dringen soll - und das macht die Sache so schwierig." Die Bundespolizeidirektion wollte auf Nachfrage des NDR zu diesen Vorwürfen keine Stellung nehmen.

Staatsanwalt kritisiert Berichterstattung

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Hannover kritisierte unterdessen am Dienstag die mediale Berichterstattung über den Fall. Oberstaatsanwalt Thomas Klinge bezeichnete es als nicht hilfreich für die Ermittlungen, "dass alle diese Vorwürfe einzeln schon in den Medien breit getreten werden". So könnten "sämtliche Zeugen, die wir vernehmen wollen, sich schon darauf vorbereiten". Auch die beiden Anzeige-Erstatter, "die sich offensichtlich lieber zunächst im Fernsehen vernehmen lassen", kritisierte der Oberstaatsanwalt. Seinen Angaben nach startet die Staatsanwaltschaft ihre ersten Zeugen-Vernehmungen noch in dieser Woche.

Keine Spur von beiden Flüchtlingen

Die beiden mutmaßlichen Opfer des Bundespolizisten konnten von der Staatsanwaltschaft zu den Vorkommnissen in der Dienststelle im Hauptbahnhof noch nicht befragt werden. Man habe sie nicht unter der bekannten Adresse antreffen können und sei weiter auf der Suche, sagte Klinge. Die Behörde geht aber weiter davon aus, dass sich die Männer aus Marokko und Afghanistan noch in Deutschland aufhalten.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 18.05.2015 | 19:30 Uhr