Stand: 29.09.2015 14:35 Uhr

Oral, anal, digital - Generation Porno im Internet

von Thomas Hans
Bild vergrößern
"Ich bin halt geil, deshalb schaue ich mir die Videos an." (Themenbild)

"Fast alle gucken Pornos", sagt der 19-jährige Enis. Er war bei einem Aufklärungstermin der Beratungsstelle "return" an seiner Schule dabei. Das hat den jungen Mann aus Langenhagen bei Hannover ins Grübeln gebracht. Heute erzählt er von seinen Erfahrungen. "Manche haben keine Freundin und schauen deshalb Pornos", sagt er. Manchmal gehe es aber auch einfach um Stressabbau, glaubt er. Es ist mehr geworden - deutlich mehr. Pornografie ist allgegenwärtig im Internet. Und: jederzeit verfügbar. Aber warum schauen viele Jugendliche so viele Pornos? "Die Gründe für den Konsum sind vielfältig", sagt der Jugendreferent der Fachstelle "return", Dietrich Riesen. Manchmal spiele schlichtweg auch Langeweile eine Rolle. Einige Jugendliche berichten ihm auch ganz offen: "Ich bin halt geil, deshalb schaue ich mir die Videos an." Porno sei fester Bestandteil der heutigen Jugendkultur, so Riesen weiter.

Steigender Beratungsbedarf

"Die Suchtkarrieren beginnen oft im Jugendalter und verlaufen immer nach einem ähnlichen Muster", sagt Eberhard Freitag, Leiter von "return". Die Zahl der Ratsuchenden sei in den vergangenen Jahren stark angestiegen. 2008 habe man gerade einmal vier erwachsene Klienten in der Beratung gehabt - im laufenden Jahr seien es 60. Die ständige Verfügbarkeit im Internet habe einen Booster-Effekt, also einen rasanten Anstieg, zur Folge, sagt Freitag. Bereits 2008 haben laut einer Studie 40 Prozent aller Männer einmal wöchentlich Pornos konsumiert, ein Fünftel von ihnen sogar täglich. Das seien allerdings Zahlen aus der Zeit vor dem mobilen Internet, erklärt Freitag. Dank Smartphones dürfte der Konsum heute noch höher liegen.

Ab wann ist es eine Sucht?

Oftmals sei eine Suchtproblematik gar nicht sofort erkennbar, berichtet Freitag. Ein erstes Anzeichen sei die Steigerung der Dosis. Viele Klienten hätten zunächst nur einmal pro Woche einen Porno angesehen. Nach einiger Zeit konsumierten sie täglich, manchmal auch mehrmals, so Freitag weiter. Oft komme es auch vor, dass Betroffene nur ihren Rechner sehen müssten und schon einen Porno anschauen wollen. Auch die Startmelodie beim Hochfahren könne schon ein sogenannter Schlüsselreiz sein. Selbst Konsequenzen wie der Verlust der Familie oder die Gefährdung des Rufes oder Jobs halten laut Freitag einige Klienten offenbar nicht von dem Konsum ab. Sie würden sich Pornos sogar bei der Arbeit anschauen, sagt er, obwohl ihnen die Kündigung droht, wenn sie erwischt werden.

Pornos vor dem "ersten Mal"

Ein weiteres Problem: Oft würden Jugendliche Pornos ansehen, bevor sie selbst das erste Mal Sex haben, sagt Freitag. Die Vorstellung von Sexualität sei somit durch Pornos geprägt. Und dies sei auch eine Gefahr für eine zukünftige Partnerschaft. "Die Jugendlichen kriegen ihre eigene Entdeckungsreise gestohlen", so Freitag. Es gehe bei der Prävention weniger darum, den Zeigefinger zu erheben, sagt Jugendreferent Riesen. "Wir wollen mit den Jugendlichen diskutieren und sprechen dabei auch über ihre Sehnsüchte", sagt er. Nach anfänglicher Abwehrhaltung werde bei dem Thema schnell klar: Viele Jugendliche wünschen sich einfach eine stabile Partnerschaft - und Pornos seien dabei ein Problem.

Bild vergrößern
Kampf auf verlorenem Posten? Eberhard Freitag, Enis und Dietrich Riesen (v.l.) von der Beratungsstelle "return".
Fördermittel laufen aus

In den vergangenen beiden Jahren hat die Fachstelle Jugendliche in den Schulen in der Region mit der Problematik konfrontiert. Bei einem Präventionsprojekt gab es bislang etwa 60 Veranstaltungen mit insgesamt 2.000 Teilnehmern. Ob die Arbeit langfristig weitergehen kann, ist unklar. Eine einmalige Förderung ist im vergangenen Monat ausgelaufen. "Bis Ende 2016 können wir trotzdem erst einmal weitermachen, dann brauchen wir aber neue Mittel", sagt Freitag. Derzeit werbe man bei der Politik um Unterstützung. Außerdem will die Fachstelle offiziell anerkannte Beratungsstelle werden. Das eröffne dann auch finanziell ganz neue Möglichkeiten, so Freitag weiter. Für die weitere Zukunft will die Fachstelle auch im Bereich der Forschung tätig werden. Weil es keine aktuellen repräsentativen Studien zum Porno-Konsum gibt, plant die Fachstelle eine eigene. Dabei soll es darum gehen, wer wie oft Pornos konsumiert. Die Teilnehmer sollen aber auch angeben, wie sich durch den Konsum die Einstellung zur Sexualität verändert.