Stand: 29.07.2015 15:43 Uhr

Mit Schlumpfmusik gegen braunen "Trauermarsch"

von Angelika Henkel und Stefan Schölermann
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Mehrere als Schlümpfe verkleidete Demonstranten protestieren 2014 in Bad Nenndorf gegen den geplanten Naziaufmarsch.

Das "Lied der Schlümpfe" war für Bad Nenndorf der Durchbruch zu bundesweiter Bekanntheit ihres Widerstandes gegen die alljährlichen Aufmärsche der Rechten. Zum zehnten Mal kommt die braune Szene an diesem Wochenende in die kleine Kurstadt am Deister - und auch diesmal wird ihnen der gewaltfreie aber humorvolle Widerstand der Kurstädter das Leben schwermachen und sie der Lächerlichkeit preisgeben.

"Wir wollten den Rechten irgendetwas entgegensetzen"

Dabei ist die farbenfrohe Auflehnung der Menschen am Deister gegen den braunen Spuk kein belangloser Spaß, sondern Auftakt eines in der Bundesrepublik beispielhaften Engagements der Zivilgesellschaft gegen Rechtsextreme, das Maßstäbe gesetzt hat - weit über Niedersachsen hinaus. Dennoch ist der Ursprung dieser "Schlumpfparade gegen rechtsextremen Mummenschanz" im Jahre 2010 zunächst spontaner Ausdruck von Fassungslosigkeit gegenüber rechtsextremem Zynismus und brauner Geschichtsklitterung. "Wir haben miterlebt, wie die Neonazis auf dem Weg zum Winklerbad schweigend an uns vorbeimarschiert sind", beschreibt die Bad Nenndorfer Bürgerin Sigrid Bade den Tag des fünften "Trauermarsches", den sie damals auf der Terrasse eines Hotels an der Bad Nenndorfer Bahnhofstraße miterlebt hatte. "Auf dem Rückweg wollten wir den Rechten irgendetwas entgegensetzen. Und der kleinste gemeinsame Nenner war der Refrain vom Lied der Schlümpfe."

"Fröhlicher" Protest gibt Rechte der Lächerlichkeit preis

Gesagt, getan: Als die rechten Marschierer auf dem Rückweg diese Melodie hören, verfinstern sich ihre Mienen - und die Idee zu einem Konzept war geboren. Von nun an werden die Rechtsextremisten sich von Jahr zu Jahr wieder entlang ihrer "Trauermarschroute" an bunten Partys engagierter Bad Nenndorfer Bürger vorbeibewegen. Die festähnlichen Proteste sollen den Rechten klarmachen, dass es an diesem Tag in der Kurstadt keinen Grund zu trauern gibt. Außerdem geben sie die Rechten der Lächerlichkeit preis. Eine Widerstandsform, die den Rechten in die braune Suppe spuckt und vielen offensichtlich "die Lust auf mehr" vermiest. Deutlich erkennbar nicht nur an den sauertöpfischen Mienen im rechten Lager, sondern vor allem an den sinkenden Teilnehmerzahlen des braunen Aufmarsches.

Sogar Senioren protestieren - mit "Urban Knitting"

Das "Lied der Schlümpfe" und die bunten Partys werden zu einer Art Markenzeichen eines Widerstandes gegen Rechtsaußen. Und das nicht ohne Grund: Denn die Kurstädter und ihr Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" haben damit für viele Mitglieder der Zivilgesellschaft eine Möglichkeit geschaffen, sich friedlich und phantasievoll gegen rechtsextreme Umtriebe zu engagieren. Abseits von Demonstrationsformen der weit links orientierten Szene, die lautstark darauf setzt, "Aufmärsche der Neonazis zu verhindern und zu blockieren". Selbst anfänglich belächelte Aktionen wie das "Urban Knitting", das "städtische Stricken", sind ein Weg, den Widerstand gegen rechtsextreme  Aufmärsche selbst in die Generation der Seniorinnen und Senioren hineinzutragen. Denn beim "Urban Knitting" werden öffentliche Plätze mit handgemachter bunter Strickkunst geschmückt - ein deutliches Signal gegen angebliche Trauer der rechten Marschierer.

Bundestag ehrt Bad Nenndorfer Bündnis

Steffen Holz, Sekretär des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB), Versammlungsleiter der Gegendemonstration und seit Jahren mit dem Geschehen in Bad Nenndorf vertraut, bringt es so auf den Punkt: "An den Protesten haben sich weit über 1.000 oder 2.000 Menschen aus Bad Nenndorf indirekt beteiligt. Das heißt: Fast alle Familien aus Bad Nenndorf  waren da mehr oder weniger involviert." Für Holz ist das ein Kennzeichen einer wichtigen Entwicklung, die sich über Jahre in der Kurstadt abgezeichnet hat. Auch deshalb wird das Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" 2011 im bundesweiten Wettbewerb "Aktiv für Demokratie" mit einem vom Deutschen Bundestag verliehenen Preis ausgezeichnet.

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