Stand: 28.01.2016 17:36 Uhr

Missbrauchsvorwürfe: Bistum setzt Gutachter ein

Das Bistum Hildesheim reagiert nach den jüngsten Missbrauchsvorwürfen auf den Druck der Öffentlichkeit. Bereits im vergangenen Dezember hatte der Fall einer 20-Jährigen für viel Kritik gesorgt. Sie soll nach eigenen Angaben als Kind vom damaligen Priester Peter R. sexuell belästigt worden sein. Recherchen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) haben nun ergeben, dass offenbar auch die Mutter des Kindes als Jugendliche vom Priester missbraucht wurde. Ob es noch weitere Fälle sexueller Gewalt durch R. gegeben hat, soll ab sofort ein unabhängiger Ermittler klären. Das teilte das Bistum am Donnerstag mit. Zudem soll er den Umgang der Diözese mit den Vorwürfen untersuchen.

Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft

Der Gutachter solle mit der zuständigen Staatsanwaltschaft eng zusammenarbeiten, hieß es ebenfalls beim Bistum. Wer jedoch die Vorgänge konkret prüfen soll, werde erst in Kürze bekanntgegeben. Es sei aber nicht geplant, die gesamte Aufarbeitung des Bistums Hildesheim mit Missbrauchsfällen auf den Prüfstand zu stellen, sagte ein Bistumssprecher NDR Kultur.

Betroffenenrat fordert Gutachter

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte mit Blick auf die jüngsten Vorwürfe gegen das Bistum Hildesheim und dessen Umgang damit einen unabhängigen Ermittler gefordert. Das sagte Rörig in einer Dokumentation, die das WDR Fernsehen am Mittwochabend zeigte. Seiner Forderung schloss sich am Donnerstag auch der Rörigs Amt angegliederte Betroffenenrat an. "Wir bedauern die Entscheidung der Berliner Staatsanwaltschaft, weder gegen den Serienmissbrauchstäter Peter R. noch gegen die Verantwortlichen des Bistums Hildesheim Ermittlungen einzuleiten beziehungsweise wiederaufzunehmen", schrieb der Rat in einer Stellungnahme.

Kommentar

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Hinweis bezüglich der Mutter bereits 2010?

Die heute 20-Jährige hatte dem Bistum im Jahr 2010 von sexuellen Übergriffen des Priesters berichtet, ohne zu wissen, dass offenbar auch ihre heute 39 Jahre alte Mutter als Jugendliche von dem Mann missbraucht worden war. Gegenüber dem NDR hatte das Bistum Hildesheim am Mittwoch noch erklärt, es habe erst durch eine am Dienstag versandte Pressemitteilung des WDR von den konkreten Vorwürfen erfahren. Die Frau habe sich bislang nicht beim Bistum gemeldet. Ein Sprecher des Bistums erklärte auf Nachfrage, dass ein kirchlicher Mitarbeiter im Jahr 2010 gegenüber dem Personalchef des Bistums den Verdacht geäußert habe, dass wahrscheinlich auch die Mutter im Jahr 1993 sexuell belästigt worden sei. Diesem Hinweis ging das Bistum aber offenbar nicht konsequent nach. Im Januar 2016 informierte das Bistum dann erstmals die Staatsanwaltschaft.

Alte Fälle verjährt

In der Sendung am Mittwochabend kam auch die 39-jährige zu Wort: Sie erklärte, dass sie von dem Pater sexuell bedrängt worden sei. Peter R. gilt als einer der Haupttäter im Missbrauchsskandal am Berliner Gymnasium Canisius-Kolleg, der im Januar 2010 bekannt wurde. Seine dortigen Taten aus den 1970er- und 80er-Jahren sind aber inzwischen verjährt. Später arbeitete er rund 20 Jahre im Bistum Hildesheim.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 28.01.2016 | 16:30 Uhr