Stand: 10.03.2015 10:34 Uhr

Leben ohne Luxus im Aussteigerdorf

von Jessica Golatka

Seit rund 30 Jahren ist "Zytanien" bei Lehrte (Region Hannover) das Zuhause von Menschen, die einfach anders wohnen und leben wollen: Wer Zytanier ist und Wasser in seinem Spülbecken haben möchte, muss es sich am Gemeinschaftshahn zapfen. Und wer hier lebt und nicht frieren will, muss selbst für den brennbaren Nachschub in seinem Ofen sorgen. Die Zytanier überwintern in ihrer Stadt ohne jeden Luxus - und sind damit ziemlich zufrieden.

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Ein einfaches Leben nah an der Natur

Eine Gruppe von Aussteigern hat sich auf einem alten Industriegelände eingerichtet. Sie leben in ihrem Dorf Zytanien unter einfachsten Bedingungen - und sind glücklich dabei. Bildergalerie

Seit 1986 wird nach und nach ausgebaut

"Das Überwintern hier macht mir zwar nicht besonders viel Spaß. Aber ich fühle mich halt einfach zu Hause. Ich lebe an einem Ort, an dem ich wirklich abschalten kann. Dafür nehme ich gerne einiges in Kauf", sagt Milena. Sie ist 18 Jahre alt und lebt seit ihrer Geburt in Zytanien. Ihr Vater Christian Topf war einer der ersten, der sich 1986 auf dem Gelände der alten Ziegelei ansiedelte. Seitdem baut der 50-Jährige die alte Industrieruine nach und nach aus. Für seine Tochter hat er eine eigene Wohnung in die Ziegelei hineingebaut.

Das Dorf ist Milenas Familie

Milena ist in Zytanien erwachsen geworden, macht jetzt eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau im 30 Kilometer entfernten Hannover. Aber in der Stadt zu wohnen, das kann sie sich nicht vorstellen. Lieber fährt sie jeden Tag von der Landeshauptstadt bis ins Dorf Immensen, und dann noch weiter hinein ins Feld bis nach Zytanien. "Der Weg hierher ist natürlich unbequem. Auch meine Wohnung mit Brennholz warm zu halten, macht Arbeit, aber das macht mir alles nichts. Wir leben hier draußen eben nah an der Natur. Und das hier ist nicht einfach irgendeine Kommune, für mich ist das meine Familie", sagt Milena.

Weder Strom noch fließend Wasser

Auch die anderen der knapp 20 Bewohner müssen mit den Winter in Zytanien zurechtkommen: Der 39-jährige Philipp Kapp lebt hinter der Industrieruine in einer Holzhütte. Will er sich waschen, muss er sich durch den knöcheltiefen Matsch bis zum Gemeinschaftsbad vorarbeiten. Huckepack trägt er dabei seine Gasflasche. Die klemmt er am Boiler an, und bekommt dann aufgewärmtes Brunnenwasser aus dem Hahn. Seit 14 Jahren macht er das schon so. Für seinen fünfjährigen Sohn Mitja hat er gerade erst angebaut, ein Bauwagen auf Stelzen schmückt jetzt den hinteren Teil seiner Holzhütte. "Mein Sohn hat hier so viele Entfaltungsmöglichkeiten, viel mehr als in der Stadt. Auch wenn wir hier zusammen auf vielleicht 25 Quadratmetern leben, haben wir doch ganz viel Platz für uns." In seiner Hütte hat Phillipp Kapp weder Strom noch fließend Wasser, trotzdem überwintert er hier - aus Überzeugung und abseits vom gewöhnlichen Luxus.

Das ist Zytanien

Im Ortsteil Immensen bei Lehrte liegt ein altes Industriegelände. Hier stellte die Zytan AG bis in die 1980er-Jahre Ziegel her, danach lagen die Hallen brach. 1986 besetzte eine Gruppe von Aussteigern das Gelände friedlich, und richtete sich hier häuslich ein. Mitte der 1990er-Jahre pachteten die Bewohner das Gelände offiziell. Ihre Stadt tauften sie "Zytanien", in Anlehnung an die alte Ziegelei. Heute leben in Zytanien 19 Aussteiger. Jedes Jahr im August feiern die Bewohner auf ihrem Gelände ein Open Air Festival. Die alte Industrieruine verwandelt sich dann in eine Flaniermeile mit Ständen, Buden und Bühnen. Mehrere tausend Besucher kommen dann in das kleine Dorf Immensen um Musik zu hören, Kunsthandwerk zu kaufen, und Hippie-Luft zu schnuppern. Den Erlös des Festivals investieren die Bewohner in die Instandhaltung der alten Gebäude.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.02.2015 | 19:30 Uhr