Stand: 06.01.2016 11:47 Uhr

Keine neuen Ermittlungen nach Missbrauch in Bistum

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Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle wies Vertuschungsversuche der Kirche zurück. (Archivbild)

Der Fall eines Missbrauchs an einem Mädchen durch einen Priester aus dem Bistum Hildesheim wird juristisch nicht wieder aufgerollt. Es hätten sich nach einer erneuten Prüfung keine Hinweise auf weitere Straftaten ergeben, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, dem NDR. Neue Ermittlungen gegen den inzwischen vom Bistum suspendierten Priester Peter R. seien damit ausgeschlossen. Ein Verfahren wegen Strafvereitelung gegen das Bistum komme nicht in Betracht. Der Mann hatte in einem Fernsehbeitrag des WDR im vergangenen November eingeräumt, im Jahr 2006 das damals elfjährige Mädchen aus Hildesheim in seiner Wohnung sexuell bedrängt zu haben. Im selben Beitrag wird dem Bistum vorgeworfen, die zentrale Rolle von Peter R. bei mehr als 100 Missbrauchs-Fällen am Berliner Gymnasium Canisius-Kolleg in den 1970er- und 1980er-Jahren vor der Staatsanwaltschaft verschwiegen zu haben. Seine dortigen Taten sind inzwischen verjährt.

Priester legte sich auf das Mädchen

Scharfe Kritik erntete das Bistum im Umgang mit dem Missbrauch an der Minderjährigen: Im März 2010 hatte das Mädchen dem Bistum selbst von den Belästigungen durch Peter R. berichtet. Doch die Verantwortlichen sahen zunächst keine Hinweise auf eine sexuelle Belästigung. Die Erziehungsberechtigten seien deshalb nicht vom Bistum informiert worden. Laut Bischof Norbert Trelle erfuhr die Kirche erst im November bei einem zweiten Treffen mit den Großeltern vom Ausmaß des Missbrauchs. Der beschuldigte Priester sei ein enger Freund der Familie des Mädchens gewesen, die damals Elfjährige besuchte ihn und blieb über Nacht in Berlin. In einer schriftlichen Erklärung gab die Jugendliche an, dass der Geistliche sich in seiner Wohnung nachts auf sie gelegt habe und unter anderem versucht habe, sie zu küssen. Nach dieser Darstellung zeigte das Bistum den Fall bei den Behörden an. Gegen Zahlung einer Geldauflage stellte die Staatsanwaltschaft Berlin die Ermittlungen 2011 wieder ein.

"Staatsanwaltschaft keine Ausforschungsbehörde"

Das Gesprächsprotokoll vom 4. März 2010, in dem das Mädchen erstmals Angaben gegenüber dem Bistum machte, habe man für die erneute Prüfung des Falls nicht angefordert, erklärte Oberstaatsanwalt Steltner. Man sei keine Ausforschungsbehörde, sagte er zur Begründung. Das Verhalten der Kirche mag in einigen Punkten fragwürdig gewesen sein, aber nicht strafbar, so Steltner. Zudem sei das Bistum aus strafrechtlicher Sicht kein Amtsträger, ein Verfahren beispielsweise wegen Strafvereitelung käme deshalb nicht in Betracht.

Bischof Trelle räumt Fehler ein

Der Sprecher des Bistums Hildesheim sagte dem NDR, die Entscheidung der Berliner Staatsanwaltschaft nehme man zur Kenntnis. Eine weitere Bewertung wolle man nicht abgeben. Bischof Trelle hatte zuvor den Vorwurf der Vertuschung zurückgewiesen. Er räumte in dem Fall aber Fehler in der Vorgehensweise ein und sprach sich dafür aus, dass die Staatsanwaltschaft ihre Untersuchungen wieder aufnehmen solle. Das Bistum steht seit den Missbrauchsvorwürfen gegen den früheren inzwischen verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen im Herbst vergangenen Jahres unter Druck.

Opferverband will Entscheidung prüfen lassen

Der Sprecher des Opferverbands "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, machte der Berliner Staatsanwaltschaft am Mittwoch schwere Vorwürfe. Es sei unverständlich, dass in Deutschland gegen einen Mann, dem Kindesmissbrauch in dreistelliger Zahl vorgeworfen werde, nicht einmal Ermittlungen eingeleitet würden, obwohl es Hinweise auf weitere Taten gebe. Man werde dies rechtlich prüfen lassen und gegebenenfalls dagegen vorgehen, kündigte ein Sprecher des Verbands an. Der "Eckige Tisch" fordert außerdem den niedersächsischen Landtag auf, die Einsetzung eines eigenen Ermittlers zu prüfen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 06.01.2016 | 14:30 Uhr