Stand: 30.12.2015 10:34 Uhr

Jens Klocke restauriert Mumien: "Sie sind Menschen"

Wenn Jens Klocke sich über seine "Patienten" beugt, kann er sie zwar nicht mehr zum Leben erwecken. Er kann sie aber hübsch machen - und er kann herausfinden, wann sie gelebt haben. Klocke, 41 Jahre alt, ist Mumien-Restaurator und anerkannter Spezialist seines Fachs. Er wird von Museen, Kirchen und Universitäten engagiert, wenn es darum geht, jahrhundertealte Körper vor dem Verfall zu retten. Gerade arbeitet er im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum an einer etwa 2.000 Jahre alten Guanchen-Frau. Dafür setzt eine Operationslupe auf und schiebt seinen Mundschutz vors Gesicht, um mit Pinzette und Seziermesser eine Gewebeprobe zu entnehmen. Vorsichtig beugt er sich über den ledrigen Körper der Frau aus Teneriffa, die um die Zeitenwende gelebt haben dürfte. Mit Hilfe der sogenannten Radiokarbonmethode soll die Gewebeprobe das genaue Alter preisgeben.

Der mit den Mumien spricht

"Jedes Mal faszinierend"

Vor gut zwei Jahren ist der Körper-Experte sogar auf Einladung des Erzbischofs nach Messina gereist, um den 1626 gestorbenen Bischof Antonio Franco für seine Seligsprechung herzurichten. Dabei arbeitete er mit dem Anthropologen Dario Piombino Mascali zusammen. "Wir haben die Mumie neu eingekleidet, dann musste sie in einer Vitrine von Santa Lucia del Mela nach Messina reisen", erzählt Klocke. Zuvor kümmerte sich Klocke acht Jahre um Mumien im Ägyptischen Museum Berlin, die wegen Sanierungsarbeiten aus dem Depot geräumt werden mussten. Klocke, der im Landkreis Lippe aufwuchs, lebt seit seinem Studium in Hildesheim. Hier hat er eine eigene Werkstatt. Rund 40 Mumien hat der Spezialist bereits näher untersucht und dafür gesorgt, dass sie möglichst für die Ewigkeit konserviert bleiben. Routine stellt sich bei ihm dennoch nicht ein. "Es ist jedes Mal etwas Faszinierendes, Neues dabei", sagt Klocke und betrachtet die Göttinger Guanchen-Mumie. Für den Restaurator sind die uralten Körper weit mehr als interessante Forschungsobjekte. "Sie sind Menschen. Sie haben den Anspruch auf einen Mindeststandard ethischer Fürsorge."

Neue Ausstellung ab Februar

Nun arbeitet Klocke am German Mummy Project mit. Der Zusammenschluss von Anthropologen, Medizinern und anderen Wissenschaftlern hat es sich zum Ziel gesetzt, den Geheimnissen von Mumien auf die Spur zu kommen. Dabei entstand die Ausstellung "Mumien der Welt", die vom 12. Februar an - ergänzt durch eigene Objekte und aktuelle Forschungsergebnisse - im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum zu sehen ist.

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