Stand: 28.02.2016 13:55 Uhr

Ist mein Kind fit für die Schule?

von Eric Klitzke

Plietsch, empathisch, erfolgreich in der Schule - so wünschen sich eigentlich alle Eltern ihre Kindern. In der Stiftungsuniversität Hildesheim läuft seit sieben Jahren eine Langzeituntersuchung der kognitiven Fähigkeiten von Vorschulkindern. Dabei stellen die Wissenschaftler um Professorin Claudia Mähler und ihren Oldenburger Kollegen Professor Dietmar Grube auch die Frage, welche Fähigkeiten eine gute Leistung in der Schule ermöglichen.

Emma lächelt in die Kamera. © NDR

"Bin überrascht, wie groß die Unterschiede sind"

Welche Fähigkeiten benötigen Kinder, um die Grundschule meistern zu können? Hildesheimer Forscher haben beim Spielen sieben Jahre lang genau hingeschaut.

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In der Studie wurden rund 200 Kinder über sieben Jahre begleitet und ihre Entwicklung untersucht.

Rund 200 Mädchen und Jungen aus Hildesheim und Umgebung wurden von dem Team um die Psychologin auf ihre kognitiven und sozial-emotionalen Kompetenzen getestet. Dazu gehören Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit, Mengenverständnis und Zählfertigkeiten, aber auch landläufig nicht so bekannte wie phonologische Bewusstheit und die sogenannte Theorie of Mind. Während die phonologische Bewusstheit sehr wichtig für den Spracherwerb und einem Gefühl für die Lautstruktur der Sprache ist, geht es in der "Theorie of Mind" um die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich vorzustellen, was in deren Köpfen vorgeht. Voraussetzung, um zu erkennen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern Dinge unterschiedlich interpretiert werden können. Die Tests, zum Teil extra für diese Studie entwickelt, wurden in den Kindergärten und Kitas im Sechsmonatsrhythmus durchgeführt. Ab dem Schulalter wurden die Probanden von wissenschaftlichen Mitarbeitern zu Hause besucht. "Insgesamt haben wir den Kindern relativ viel zugemutet, aber immer in Portionen. Die Kinder hatten im Kindergartenalter zwei bis drei Stunden zu spielen, aber natürlich nicht auf einmal, sondern an mehreren Terminen." sagt die Psychologin Claudia Mähler. Die Besuche von "KoKo", einem Plüschaffen, der seinen Namen dem Kernthema "Kognitive Kompetenz" verdankt, seien immer Highlights für die Kinder.

Ist mein Kind so weit, wie es sein soll?

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Die Tests bestanden aus kleinen Spielen, die beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit der Kinder forderten.

Aber was bewegt Eltern dazu, den Entwicklungsstand ihres Kindes so genau untersuchen zu lassen? Für Kerstin Taubitz und ihren Mann stand fest, dass sie die Forscher unterstützen wollten. Der Gedanke, dass Experten die Entwicklung ihrer Tochter begutachten, hätte aber auch eine Rolle bei der Entscheidung für das Forschungsengagement gespielt. "Man macht sich als Eltern ja immer Gedanken: 'Ist mein Kind so wie es sein soll?'" In ihrem Fall war diese Sorge unbegründet. Bei Tochter Emma hat sich der Schulerfolg eingestellt. Eine Klasse hat sie übersprungen und ist mittlerweile in der sechsten Stufe. Wurde bei Teilnehmern Bedarf einer besonderen Förderung festgestellt, hielten die Wissenschaftler erst einmal Rücksprache mit den Erzieherinnen.

Was braucht mein Kind?

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Nach der Einschulung liefen die Tests bei den Kindern zu Hause ab. Wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni besuchten die Probanden.

Claudia Mähler sieht es ganz realistisch: "Man kann nicht alles machen für jedes Kind. Aber mit einem geschulten Blick können Sie gucken: Was braucht denn dieses Kind?" Und den wünscht sie sich von den Erziehern in den Kindergärten. Ihrer Erfahrung nach gibt es große Qualitätsunterschiede in den Kindergärten. Außerdem seien im Ausbildungsplan von Erziehern noch nicht alle Erkenntnisse der Forschung angekommen. Allerdings nimmt die Hildesheimer Forscherin die Erzieher auch in Schutz. Zu Recht beklagten sie sich über zu hohe Anforderungen.

PISA und die Folgen

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Was geht in deinem Kopf vor? Um diese Frage stellen zu können, müssen Kinder lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

"Der Fokus der Intervention verlagert sich immer früher in die Kindheit", sagt Mähler. Mit den Ergebnissen der PISA-Studie wurde klar, dass 15-Jährige in Deutschland im internationalen Vergleich nicht gut abschnitten. Danach wurden Grundschulstudien durchgeführt, die Ergebnisse waren ähnlich schlecht. Um dem entgegenzusteuern, sollten die Kinder im Kindergarten und der Kindertagesstätte individuell gefördert werden, allerdings zeigt die neue Studie der Hildesheimer, dass es auch hier schon große Entwicklungsunterschiede gibt. Der Gedanke liegt nahe, mit der individuellen Förderung schon im Krippenalter zu beginnen - eine weitere Belastung für die Erzieher und kaum machbar. Die Studienleiterin Mähler sieht es ganz nüchtern: "Von den Erzieherinnen wird immer mehr erwartet. Sie sollen die sozialen Kompetenzen fördern und die kognitiven Kompetenzen fördern, die Motorik fördern und in manchen Kindergärten vielleicht schon Buchstaben oder eine zweite Sprache vermitteln. Zu Recht fühlen sich viele Erzieherinnen damit überfordert."

Woran hapert es?

Auch wenn die Studie noch nicht vollends ausgewertet ist, lassen sich schon einige der größeren Baustellen benennen. Das Thema Sprachförderung ist weiterhin weit oben auf der Prioritätenliste, denn für einen erfolgreichen Schulbesuch sind ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache unerlässlich. Zunehmende Bedeutung bekommt in Zukunft das Thema Selbstregulation. Unter diesem Begriff verstehen die Forscher die Fähigkeit zu reflektieren und sich zu fragen: "Was mache ich jetzt eigentlich? Habe ich das fertig?". Im Alltag der Kinder zeigt sich diese Fähigkeit, indem Bilder zu Ende gemalt werden oder Spiele nicht einfach unterbrochen werden.

Riesige interindividuelle Unterschiede

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Selbst im Krippenalter besteht schon Bedarf an Förderung. Grund dafür ist, dass einige Kinder im Elternhaus nicht genug gefördert werden.

Am überraschendsten an den Studieergebnissen bisher sind aber die immensen Unterschiede in der Entwicklung. Als Beispiel wird hier die Kenntnis der Zahlenreihe genannt. Es gibt Kinder, die von eins bis hundert zählen können, wenn sie mit drei Jahren in den Kindergarten kommen, genauso gibt es Kinder, die bei der Einschulung nicht über zehn hinaus zählen können. Nach Angaben der Hildesheimer Forscher gilt in vielen Bereichen, dass manche Kinder mit sechs Jahren noch nicht da seien, wo andere mit drei Jahren schon waren. Zum einen seien natürlich Begabungen dafür verantwortlich, zum anderen aber auch die unterschiedliche Förderung im Elternhaus.

Die Formel zum Glücklich sein

Nach der Einschulung der Kinder untersuchten die Forscher, wie zufrieden die Probanden mit sich, mit ihrer Schulleistung und mit ihrem Leben ganz allgemein waren. Dabei wird geschaut, in wie weit der aktuelle Schulerfolg für das Wohlbefinden verantwortlich ist und ob es Faktoren gibt, die sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung der Kinder ziehen. Auf das Ergebnis müssen wir allerdings noch einige Monate warten, momentan werten die Wissenschaftler die Studie noch aus.