Stand: 10.03.2017 14:33 Uhr

Hannover will systematisch Blindgänger suchen

von Martina Witt

Fast 130 Luftangriffe haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf Hannover geflogen und dabei mehr als 23.000 Tonnen Bomben abgeworfen. Die Folgen bekommen die Bürger bis heute zu spüren. Denn jede zehnte Bombe explodierte nicht. Sie schlummern seitdem als Blindgänger im Boden - und das nicht nur in Hannover, sondern in Städten in ganz Niedersachsen. Bis 2012 kam das Land für die flächendeckende und systematische Suche nach den Bomben auf; dann zog es sich aus der Finanzierung zurück. Seitdem wird in Hannover nur noch "anlassbezogen" nach Blindgängern gesucht. Ein Bauherr muss nachweisen, dass von seinem Boden keine Gefahr ausgeht und das Gebiet von Experten absuchen lassen. Doch das soll sich nach dem Willen der Verwaltung bald wieder ändern.

Was hat Hannover in Zukunft vor?

Hannover will künftig wieder flächendeckend nach Blindgängern suchen. Dabei könnten auch Grundstückseigentümer zur Kasse gebeten werden. Grundlage für die systematische Suche sind historische Luftbilder, die die Alliierten nach ihren Flügen schossen, und die unter anderem Bombenkrater zeigen. Eine Beschlussdrucksache der Verwaltung liegt bereits vor und wird am Mittwoch im Personalausschuss behandelt. Darin heißt es, dass von den Blindgängern ein "unkalkulierbares Risiko" ausgehe und daher eine systematische, flächendeckende Suche fortgesetzt werden sollte. Bisherige Funde hätten gezeigt, dass die Sprengkörper ihre "Brisanz nicht eingebüßt haben". Es sei davon auszugehen, dass noch mehrere Hundert Verdachtspunkte über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind. Der Vorschlag der Verwaltung sieht vor, dass höchstens vier Blindgänger im Jahr unschädlich gemacht werden. Dazu kommen aber weiterhin die Fliegerbomben, die spontan bei Bauarbeiten gefunden werden. Wie genau die Systematik aussehen wird, das solle erst nach der Ratsentscheidung erarbeitet werden, so Feuerwehrsprecher Michael Hintz. Der Rat wird sich voraussichtlich im Herbst mit der Vorlage beschäftigen.

Wer trägt dann die Kosten für die Arbeiten?

Viele Blindgänger befinden sich nach Angaben der Verwaltung ohnehin auf stadteigenen Flächen, so dass die Stadt für den größten Teil der Kosten aufkommen muss. Wenn Hannover aber wieder dazu übergeht, flächendeckend nach Blindgängern zu suchen, ist es nicht auszuschließen, dass die Experten auch auf Privatgrundstücken fündig werden. Die eigentliche Entschärfung der Fliegerbombe und ihre Entsorgung soll dann weiterhin der Kampfmittelbeseitigungsdienst - also das Land - bezahlen. Für die vorbereitende Sondierung und Voruntersuchung des Bodens kommt - wie bisher - der Grundstückseigentümer auf. Eine neue Regelung enthält das Papier aber unter anderem für die Kosten, die etwa bei einer Evakuierung entstehen. Sie liegen je nach Dauer des Einsatzes und der Zahl der betroffenen Anwohner zwischen 4.000 und 62.000 Euro. Künftig sollen diese Kosten vom Eigentümer gezahlt werden, allerdings nur, wenn er zusätzlich zu dem betroffenen Grundstück ein Vermögen von 500.000 Euro besitzt, so Hintz. Sonst trage die Stadt weiterhin die Kosten. Dafür hat sie bereits 6,7 Millionen Euro zurückgelegt. Mit dem Papier gebe es nun eine klare Rechtslage zur Kostenverteilung, so Hintz.

Wie handhaben andere Städte die Suche?

Unterschiedlich. In Oldenburg wird ebenfalls nur dann nach Blindgängern gesucht, wenn eine Fläche bebaut wird. Ein Bauherr muss dafür sorgen, dass von seinem Boden keine Gefahr ausgeht. Die Stadt verfüge aber über Unterlagen und historische Luftbilder und könne beurteilen, ob ein Gebiet verdächtig ist, so eine Stadtsprecherin. Wenn ein Bauherr eine Baugenehmigung beantrage, dann erhalte er auch gleich die Aufforderung, den Boden untersuchen zu lassen.
In Lüneburg und in Osnabrück wird dagegen systematisch und flächendeckend gesucht. Lüneburg habe im vergangenen Jahr neue Unterlagen und Daten erhalten, sagt Sprecher Daniel Gritz. 15 verbleibende Verdachtspunkte müssten noch abgearbeitet werden. In Osnabrück werde Kartenblatt für Kartenblatt, Raster für Raster abgearbeitet, erklärt Jürgen Wiethäuper, Leiter des Ordnungsamts Osnabrück. Die Stadt stelle dafür jährlich rund 500.000 Euro bereit. Vor allem die östlichen Viertel seien stark belastet. In den kommenden Wochen und Monaten würden die Experten etwa die Stadtteile Fledder, Düstrup und Lüstringen genauer unter die Lupe nehmen. Auch die amerikanische Fliegerbombe, die am 19. März im Stadtteil Schinkel entschärft werden soll, sei bei der flächendeckenden Suche entdeckt worden, so Wiethäuper. Gleiches gilt für einen Fund in Braunschweig: Am Sonnabend müssen rund 6.000 Anwohner ihre Häuser und Wohnungen rund um das Mascheroder Holz verlassen. Bei der Auswertung alter Luftaufnahmen hatten Experten dort einen verdächtigen Punkt ausgemacht, den der Kampfmittelbeseitigungsdienst am Sonnabend überprüfen wird.

Sind abgesuchte Viertel tatsächlich bombenfrei?

In Osnabrück seien zwischen dem Jahr 2000 und heute rund 50 Prozent des Stadtgebiets überprüft worden. Bis die komplette Stadt systematisch nach Blindgängern abgesucht worden ist, werde es wohl noch einmal so lange dauern, sagt Wiethäuper. Ob die Viertel dann aber mit absoluter Sicherheit bombenfrei sind, das ließe sich schwer sagen. Denn die dafür genutzten Luftbilder der Alliierten zeigten in eigenen Fällen nur die halbe Wahrheit. Ein Problem könne etwa sein, dass der Bombenkrater eines Blindgängers durch die Explosion einer zweiten Fliegerbombe überdeckt wurde. Einige Viertel, die die Experten in Osnabrück bereits abgesucht haben, würden noch einmal unter die Lupe genommen, weil sich zudem die Technik der Auswertung verbessert habe. Um ganz sicher zu gehen, dass es keine bösen Überraschungen gibt, werde auch in Osnabrück weiterhin zusätzlich bei Bauvorhaben der Boden sondiert. Blindgänger blieben über Generationen hinweg ein Thema.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 10.03.2017 | 17:00 Uhr

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