Stand: 08.06.2017 07:01 Uhr

Halim Dener - Hannovers schwierige Erinnerung

von Nils Hartung
Das ist der Halim-Dener-Platz in Hannover-Linden - zumindest, wenn es nach dem Bezirksrat geht. Aktivisten haben schon einige Aufkleber an den Laternenpfählen der Gegend verteilt.

Der Schuss fiel in einer Juni-Nacht vor 23 Jahren, doch irgendwie will er nicht verhallen. Der Name Halim Dener sorgt in der Stadt Hannover wieder einmal für eine aufgeregte Debatte. Bei der aktuellen Diskussion geht es um die Benennung eines noch namenlosen Platzes im Stadtteil Linden nach dem Kurden, der im Alter von 16 Jahren im Juni 1994 durch die Kugel aus einer Polizeiwaffe starb. Der Bezirksrat Linden-Limmer hat beschlossen, den Platz in Gedenken nach Dener zu benennen. Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) und der Verwaltungsrat kippten den Beschluss und verwiesen ihn zurück an den Bezirksrat. Der stimmte am Mittwochabend erneut für die Benennung. Schostok hatte im Vorfeld angekündigt, in diesem Fall die Kommunalaufsicht einschalten zu wollen.

"Gleichung: Kurde - PKK - Terrorist"

Er sehe das "friedliche Zusammenleben in der Stadt gefährdet", sagt Schostok - deshalb wolle die Stadt hier "strikte Neutralität" wahren. "Es liegt im Interesse der Landeshauptstadt, dass die innertürkischen Konflikte nicht im Stadtgebiet ausgetragen werden", so Schostok weiter. Bei der Initiative, die sich für die Benennung des Platzes nach Halim Dener einsetzt, verweist man dagegen darauf, dass dieser von einem deutschen Polizisten erschossen wurde. "Die deutsche Gesellschaft muss sich damit auseinandersetzen. Damals galt die Gleichung Kurde - PKK - Terrorist - das war die Voraussetzung für die Geschehnisse", sagte Dirk Wittenberg von der Initiative NDR.de. Was ist das für eine Geschichte, die heute noch über so viel Sprengkraft verfügt? Warum gehen an Deners Todestag auch Jahrzehnte später Hunderte auf die Straße?

Gericht glaubt Version des Angeklagten

Die Fakten: Dener war in der besagten Nacht am Steintor unterwegs, um Plakate für eine der PKK nahestehende Organisation aufzuhängen. Er war erst wenige Wochen in Deutschland und lebte unter falschem Namen als Asylbewerber in der Nähe von Hannover. Was dann geschah, lässt sich nur noch schwer nachvollziehen - heute wie damals. Zwei Polizeibeamte in Zivil ertappten Dener und seine Mitstreiter. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem sich der Schuss gelöst haben soll. Der junge Kurde stirbt, der Polizist musste sich vor Gericht verantworten. Der Prozess zog sich über drei Jahre, bis der Bundesgerichtshof eine Revision ablehnte. Damit war der Freispruch des Landgerichts Hannover für den angeklagten Polizisten rechtskräftig. Und das Gericht folgte in weiten Teilen seiner Version.

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Mit solch einer Waffe, ein Revolver der Marke Smith & Wesson, ist Halim Dener erschossen worden.
Der Haken ist die Waffe

Der Polizist, damals Ende Zwanzig und Mitglied des Spezialeinsatzkommandos (SEK), sagte aus, im Gerangel mit Dener habe er seinen Revolver auf dem Boden liegen sehen, der ihm offenbar aus dem Holster gefallen sei. Beim Versuch, die Waffe wieder aufzusammeln und dabei gleichzeitig Dener nicht entkommen zu lassen, habe sich der Todesschuss gelöst - sozusagen durch einen Reflex in der Bewegung. Die Version hat allerdings einen Haken und das ist die Waffe. Da der Mann SEK-Beamter war, durfte er sich seine Dienstwaffe selbst aussuchen. Er entschied sich für einen Revolver Smith & Wesson Kaliber .357 Magnum. Das betreffende Modell steht nicht gerade im Verdacht, besonders unzuverlässig zu sein und schnell auszulösen - ganz im Gegenteil.

"Geglaubt hat das keiner"

Der Waffenexperte und frühere Polizeibeamte Klemens Künneke war beim Prozess als Sachverständiger geladen. Er sagt heute zur Aussage des Todesschützen: "Das kann durchaus so gewesen sein, doch ad hoc sage ich, das war schon recht gewagt. So richtig geglaubt hat das keiner." Auch Rechtsanwalt Rolf Gössner, Vertreter der Eltern und Geschwister von Dener als Nebenkläger vor Gericht, sieht die Version des Polizisten als "weiterhin erklärungsbedürftig" an. Den Freispruch hält er auch heute für nicht nachvollziehbar. "Da schwebt ein großes Fragezeichen", so Gössner weiter. Er macht die damals aufgeheizte politische Stimmung verantwortlich für das Geschehen. "Das war einer der Gründe, warum es aus solch einer lapidaren Situation zu solchen Folgen kommen konnte", sagt Gössner.

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Wie soll die Stadt Hannover mit dem Gedenken an den Toten umgehen?
Schmalstieg für Gedenkplakette

Polizeigewalt? Oder doch ein tragischer Unfall? Die Wahrheit über das Schicksal Deners liegt weiter im Dunkeln. Vielleicht für immer. Der "Spiegel" berichtete im Juli 1994 von insgesamt 16 Zeugenaussagen, von denen nicht zwei übereinstimmten. Was bleibt ist die Frage, wie mit dem Tod des 16-Jährigen umzugehen ist. Im Jahr 1994 war Herbert Schmalstieg (SPD) Oberbürgermeister von Hannover. Er sprach bei der Trauerfeier, was ihm nicht nur Lobeshymnen einbrachte und forderte damals eine Abschaffung des PKK-Verbots. Der Benennung eines Platzes nach dem Toten erteilt er heute allerdings eine Absage. "Das trägt nicht zur Befriedung bei, sondern schürt Konflikte zwischen Kurden und Nichtkurden, die man nicht braucht", sagt er. Schmalstieg schlägt als Alternative eine Gedenkplakette am Ort des Geschehens vor. Am Steintor, dort, wo der Schuss gefallen ist. In einer Juninacht vor 23 Jahren.

Die PKK - Geschichte und Hintergrund

Gegründet worden ist die Partiya Karkerên Kurdistanê (Arbeiterpartei Kurdistans) in den 1970er-Jahren in der Türkei. Die Mitglieder der sozialistischen Organisation kämpfen für ein autonomes Kurdistan - auch mithilfe von Anschlägen. Die PKK wird in Deutschland seit 1992 als terroristische Vereinigung eingestuft. Vom Verfassungsschutz wird sie mit geschätzten 13.000 Mitgliedern als "größte ausländerextremistische Organisation in Deutschland" gewertet. Die Civata Demokratik Kurdistan (Nationale Befreiungsfront Kurdistans), deren Plakate Halim Dener aufhängen wollte, gilt als politischer Arm der PKK. Dener wird von Anhängern der PKK als Märtyrer verehrt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 18.05.2017 | 06:30 Uhr

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