Stand: 03.08.2016 14:56 Uhr

Genossen planschen ausgezeichnet im Hänigser Bad

Hänigsen in der Region Hannover hat allen Grund zu feiern. Das dorfeigene Freibad ist von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen e.V. mit dem "Public Value"-Award ausgezeichnet worden. Der Preis würdigt den höchsten Beitrag eines Freibades zum Allgemeinwohl in ganz Deutschland. Dabei stand das Bad noch vor sechs Jahren vor dem finanziellen Aus. Dank des ehrenamtlichen Engagements vieler Menschen, die sich zu einer Genossenschaft zusammenschlossen, wurde der Kampf um "das Bad von allen für alle" zu einer Erfolgsstory.

Vom Sorgenkind zum Vorzeigebad

Die Anfänge in den 1950ern

Die Geschichte des Freibads beginnt in den frühen 1950ern. Im damals noch eigenständigen Dorf Hänigsen betreibt die "Kali und Salz AG" das weltweit tiefste Kaliwerk der Welt, die Kassen des Dorfes sind gut gefüllt und die Bergmänner wünschen sich ein Freibad. 1954 ist es dann soweit, das Freibad wird eingeweiht. Ein Becken mit großen 50-Meter-Bahnen und einem Nichtschwimmer-Bereich, dazu ein zehn Meter hoher Sprungturm und ein Planschbecken für die Kleinen sind schnell angelegt. Im Dorf kommt das neue Freizeitangebot gut an und Generationen von Hänigsern treffen sich in den Sommermonaten im Freibad zum Schwimmen, zum Entspannen und natürlich zum Flirten.

Das Geld wird knapp

2010 dann die böse Überraschung: Das Freibad soll geschlossen werden. Hänigsen ist mittlerweile ein eingemeindeter Ortsteil von Uetze, die öffentlichen Gelder werden knapper und in Uetze befindet sich ein weiteres Freibad. Die Verwaltung macht deutlich, dass sie sich nur noch eines der beiden Bäder leisten wird. Für die Menschen in Hänigsen ist klar, dass ihr Bad geschlossen wird. Doch einige wollen sich damit nicht abfinden, wollen den Ort, an dem so viele die unbeschwerten Tage ihrer Jugend verbracht haben, nicht kampflos aufgeben. Einer von ihnen ist Rainer Lindenberg. "Wir haben uns zusammengesetzt und kalkuliert.  Und haben dann der Verwaltung einen Vorschlag gemacht“, sagt er.

Statt der 320.000 Euro pro Jahr soll die Gemeinde nur die Hälfte bezahlen. Das Erstaunen bei der Verwaltung ist groß, doch Lindenberg weiß, wovon er redet. Der Pensionär war im Management und in der Unternehmensberatung tätig. Im Kreis seiner Mitstreiter finden sich weitere Finanzexperten, die die Schließung nicht einfach hinnehmen wollen. Eines ist von Anfang an klar: Nur wenn das ganze Dorf hinter seinem Freibad steht, kann es klappen. Die Verwaltung von Uetze stimmt zu, beide Freibäder erhalten nur noch die Hälfte an Unterstützung. Als nächstes werden die DLRG und der Förderverein mit ins Boot geholt, eine gemeinnützige Genossenschaft wird gegründet. Jeder, der möchte, kann einen Anteil am Freibad für 100 Euro erwerben. Dabei ist das Gemeinschaftsgefühl viel wichtiger als der pekuniäre Anteil. Das Ziel war, 500 Menschen aus Hänigsen für die Idee zu gewinnen. Mittlerweile sind es 1.253 Genossen, und es werden immer mehr. Rund die Hälfte der 2.500 Haushalte in Hänigsen ist somit Teil der Genossenschaft. 

Das Bad von allen für alle

Die Hänigser beginnen sich zu organisieren. Um die Ausgaben zu verringern, übernehmen die Dorfbewohner nötige Arbeiten im Freibad. Es bildet sich ein "Greenteam", das sich um die Außenanlage kümmert. Werbemaßnahmen und kaufmännische Aufgaben werden von Ehrenamtlichen erledigt. Den Dienst im Kassenhäuschen übernehmen 30 ehrenamtlich arbeitende Frauen, eigentlich jeder im Dorf leistet seinen Beitrag zum Erhalt. Vom Fußballverein über den Schützenverein bis zu den Kirchen, alle wollen Mitglied in der Genossenschaft werden. Die Energie zum Heizen des Wassers liefert eine ansässige Biogasanlage - kostenlos. Auch beim Marketing geht man neue Wege. Schnell etabliert sich das Zehn-Stunden-Springen, bei dem die Teilnehmer innerhalb von Zehn Stunden so oft wie möglich vom Zehner-Turm springen. Ein weiteres Highlight ist das jährliche Schweinetrogrennen. Regelmäßig findet ein ökumenischer Gottesdienst im Freibad statt, Sportturniere wie Beachhandball und Raufball sowie Konzerte werden veranstaltet. Bislang der größte Coup: Rainer Lindenberg überredete den deutschen Kunst-Springer und Weltmeister Patrick Hausding, seine Kunst beim Sprung vom Zehn-Meter-Turm vorzuführen. "Wer da aus dem Dorf nicht dabei war, der ärgert sich heute immer noch", ist sich Lindenberg sicher.

Die Jury ist überzeugt

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"Besonders wertvoll für die Gemeinschaft": das Freibad Hänigsen.

Auf die Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen sind sie in Hänigsen nun richtig stolz, zumal es dabei nicht nur um Schönheit oder Exklusivität geht. Die Bewertung fußt auf Fragen wie "Dient das Freibad der Gemeinschaft?", "Fördert es die Gesundheit?" und "Ist das Bad umweltfreundlich ausgerichtet?". Die Jury bewertete die teilnehmenden acht Freibäder nach wissenschaftlichen Methoden, entwickelt an der Universität St. Gallen. Laut Konstanze Ziemke-Jerrentrup, Projektleiterin des Wettbewerbs bei der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, ist das genossenschaftlich geführte Bad mit großem Abstand zum besten Freibad in Deutschland gewählt worden. Am 27. September werden die Preise auf der Fachmesse interbad 2016 in Stuttgart verliehen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 24.08.2016 | 19:30 Uhr

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