Stand: 23.04.2014 20:51 Uhr

Etikettenschwindel: Neuland entschuldigt sich

von Kersten Mügge
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Etikettenschwindel? Auch konventionelle Hähnchen bekamen offenbar das Neuland-Siegel. (Archivbild)

Beim Tierschutz-Label Neuland hat die Aufräumarbeit begonnen: Nach den bekannt gewordenen Vorwürfen um einen Landwirt aus dem niedersächsischen Wietzen (Landkreis Nienburg), der gewöhnliches Geflügel als Neuland-Hähnchen verkauft hatte, traf sich am Mittwoch der Vorstand Neuland-Vereins in Bremen zu einer Sondersitzung. Als Erstes kündigte der Vorstand in einer Erklärung, die NDR Info vorliegt, an, die Landwirte häufiger zu kontrollieren.

Neuland will eigene Brütereien aufbauen

Aber mehr Kontrollen allein lösen das Problem bei Neuland nicht. Denn der Verband hatte bei dem betroffenen Landwirt Kernpunkte des eigenen Regelwerks außer Kraft gesetzt. Er erteilte ihm eine Ausnahmegenehmigung, statt Küken Junghühner zu kaufen, aufzuziehen und dann zu schlachten. So konnte der Landwirt mehr Hühner produzieren, als es nach Neuland-Regeln möglich gewesen wäre. Hier setzt der zweite vom Vorstand beschlossene Punkt an. "Das soll es künftig nicht mehr geben", sagte Neuland-Geschäftsführer Jochen Dettmer zu NDR Info. "Wir wollen hier das System schließen, indem wir eigene Brütereien aufbauen, damit wir nicht mehr auf Zukauftiere angewiesen sind."

Mehr Kontrollen bei der Vermarktung

Darüber hinaus will Neuland bei den vom Vorstand lizenzierten Vermarktungsgesellschaften ansetzen. Der betroffene Landwirt hatte sich von dem Geschäftsführer der für Norddeutschland zuständigen Vermarktungsgesellschaft unter Druck gesetzt gefühlt. Der Vermarkter forderte von dem Landwirt zuletzt 100.000 Schlachttiere pro Jahr, eine Zahl die ein Neuland-Bauer allein gar nicht mästen darf. Allerdings war er in der Region der einzige Neuland-Geflügelmäster. Daher verlangt der Neuland-Vorstand, der nur indirekt Einfluss auf die Vermarktungsgesellschaften hat, auch dort Konsequenzen zu ziehen. Welche das sind, müssen die Teilhaber der in Bad Bevensen ansässigen Gesellschaft entscheiden. Dabei handelt es sich vor allem um die Neuland-Landwirte aus Nord- und Ostdeutschland. Eine Gesellschafterversammlung ist bereits für Donnerstag anberaumt. Außerdem beschloss der Vorstand, die Vermarktungsgesellschaften künftig durch externe Kontrolleure zu überprüfen. "Wir wollen in Zukunft sicher gehen, dass das Vertrauen durch entsprechende Kontrollen abgesichert ist", so der Geschäftsführer des Neuland-Verbandes, Jochen Dettmer.

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Rückhalt für Neuland

Neuland wird getragen vom Bund für Umwelt und Naturschutz, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und dem Deutschen Tierschutzbund. Einige hochrangige Vertreter der drei Organisationen haben an der Sitzung teilgenommen. Sie bekräftigten ihr Engagement für die Idee des Neuland-Vereins, Landwirten, die mit Tier und Umwelt respektvoll umgehen, eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten. Der Neuland-Vorstand entschuldigte sich zudem dafür, aufgetretene Kontroll- und Sanktionslücken nicht eher erkannt zu haben. Die am Mittwoch gefassten Beschlüsse sollen nach Darstellung des Vorstands nur ein erster Schritt gewesen sein.

Einzelfall oder Problem einer ganzen Branche?

In einer ersten Stellungnahme zum mutmaßlichen Etikettenschwindel klang Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) ganz wie der klassische Agrarpolitiker: "Ich bin entsetzt, wenn sich das so herausstellt, ist das Betrug eines einzigen Landwirts", so Meyer. Man dürfe aus dem Einzelfall aber keinen Rückschluss auf eine ganze Branche ziehen. "Man muss jetzt prüfen, welche Vergehen möglicherweise vorliegen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.04.2014 | 20:00 Uhr