Stand: 10.02.2016 17:54 Uhr

Brandanschlag Salzhemmendorf: Angeklagte gestehen

Seit Mittwoch stehen in Hannover zwei junge Männer und eine Frau vor Gericht: Sie sollen Ende August vergangenen Jahres versucht haben, eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) in Brand zu setzen. Zum Prozessauftakt vor dem hannoverschen Landgericht gestanden die Angeklagten die Tat: In Erklärungen, die ihre Verteidiger verlasen, gaben die beiden Männer an, vor der Tat große Mengen Alkohol getrunken und Rechtsrock gehört zu haben. Die Frau war ihrer Erklärung nach, ebenfalls an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Alle drei Angeklagten gaben an, das Geschehen zu bereuen. Die Staatsanwältin warf ihnen vor, eine Tat auf "unterster sittlicher Stufe" begangen zu haben.

"Opfer leidet immer noch schwer unter den Folgen"

Die 25 und 31 Jahre alten Männer und die 24-jährige Frau müssen sich wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung verantworten. Bei einer Verurteilung drohen ihnen einem Gerichtssprecher zufolge Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren. Ende August sollen sie eine Brandflasche in die Wohnung einer 34-Jährigen aus Simbabwe und ihrer drei kleinen Kinder geworfen haben. Die Frau leidet nach Angaben ihres Anwalts noch immer schwer unter den Folgen. Sie sei sehr ängstlich und habe in Salzhemmendorf "ihr zweites Trauma erlebt", sagte er vor Prozessbeginn.

Brandsatz in der Garage gebastelt

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Der 31-Jährige hat zugegeben, den Brandsatz geworfen zu haben.

Der 31 Jahre alte Angeklagte räumte in seiner Erklärung ein, derjenige gewesen zu sein, der den Brandsatz geworfen hatte. Sein 25-jähriger Freund gab an, ihm in der heimischen Garage beim Basteln des Brandsatzes - aus einer leeren Weinbrandflasche, Holzspänen und Benzin - geholfen zu haben. Die 24 Jahre alte Frau, die zwei Kinder hat, und früher mit einem der beiden Männer zusammen war, fungierte eigenen Angaben nach als Fahrerin: Als einzige nüchtern, chauffierte sie die beiden Männer mitten in der Nacht zum Tatort. Die Menge an Alkohol, die die beiden Angeklagten nach eigenen Angaben vor der Tat getrunken hatten, sei erheblich gewesen, hieß es in den Erklärungen ihrer Verteidiger. Nüchtern wäre keiner der beiden in der Lage, eine solche Tat zu planen oder zu verüben, so die Anwälte.

Ein Täter war Mitglied der Feuerwehr

Die Tat hatte im Sommer vergangenen Jahres bundesweit Entsetzen hervorgerufen. Nur durch viel Glück wurde keiner der 40 Bewohner der Unterkunft verletzt. Der Brandsatz landete im Kinderzimmer eines elfjährigen Jungen. Das Kind blieb nur deshalb unverletzt, weil es ausnahmsweise mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern im Nebenraum schlief. Doch als Verdächtige wurden einen Tag später nicht etwa bekannte Neonazis festgenommen - sondern drei Menschen aus der Region, die bis zu diesem Zeitpunkt politisch eher unauffällig geblieben waren. Dass einer von ihnen Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr von Salzhemmendorf war, hatte für zusätzliche Erschütterung im Weserbergland gesorgt.

Feuerwehr will genauer hinschauen

Laut Ortsbrandmeister Thomas Hölscher ist in den vergangenen Monaten innerhalb der Feuerwehr eine Menge passiert, um rechten Tendenzen zu begegnen. "Es haben eine Vielzahl von Gesprächen stattgefunden, um dieses Thema aufzuarbeiten", sagt er. Gleichzeitig habe es eine Schulung durch die Kreisfeuerwehr gegeben, um für das Thema zu sensibilisieren. "Wir sollen also mehr auf Anzeichen achten", lautet sein Fazit.

Nach dem Anschlag: Solidarität und Hilfsbereitschaft

In Salzhemmendorf hatte es nach dem Anschlag eine Welle der Solidarität mit den Flüchtlingen gegeben. Gabriele Ehle von der Bürgerhilfe konnte sich vor Hilfsgütern kaum retten - eine Hilfsbereitschaft, die bisher auch nicht zurückgegangen sei: "Ich würde sagen, dass die Bevölkerung den Flüchtlingen sehr viel positiver gegenüber steht", sagt sie. Das ist ein Eindruck, den auch Bürgermeister Clemens Pommerening (parteilos) hat: "Nach dem Anschlag ist diese Hilfsbereitschaft noch größer geworden. Viele haben gesagt: 'Jetzt erst recht. Jetzt wollen wir uns engagieren für die Flüchtlinge.' Und aus diesem Fundus können wir jetzt auch immer noch gut schöpfen."

Zahl der Flüchtlinge verdoppelt

Heute habe Salzhemmendorf mehr als doppelt so viele Flüchtlinge wie im August 2015, sagt Pommerening. Im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen komme Salzhemmendorf mit der Lage sehr gut zurecht. "Wir haben das große Glück, dass wir ein großes Angebot an Wohnungen haben. Wir können allen Familien Integrationshelfer zur Seite stellen." Dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt, wie andernorts oft beobachtet, das sei in Salzhemmendorf nicht zu erkennen.

2015 mehr Gewalt gegen Flüchtlinge

2015 verzeichneten die Behörden einen wachsenden Trend zur Gewalt gegen Flüchtlinge. Das Landeskriminalamt registrierte 110 Fälle, 89 davon mit rechtem Hintergrund. Zu den Taten zählten acht Brandstiftungen, überwiegend ging es um Volksverhetzungen, Sachbeschädigungen und das Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen. 2014 gab es lediglich acht Taten gegen Flüchtlinge.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 10.02.2016 | 08:00 Uhr