Bad Nenndorf feiert seinen Sieg über die Rechten
Seit 13 Uhr hat es geheißen: "Alles Party!" Bad Nenndorf feierte mit Musik, Luftschlangen und Seifenblasenregen seinen Erfolg über die Rechtsextremisten. "Wir haben durchgehalten und jetzt haben wir unsere Bahnhofstraße zurück", rief Sigrid Bade am Mittag freudestrahlend den rund 250 bis 300 "Partygästen" entgegen. Sie gehört zu jenen Bad Nenndorfern, die sich seit vielen Jahren im Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" gegen den Mummenschanz der rechten "Trauermärsche" engagieren.
Bad Nenndorf: Von Nazis keine Spur
Widerstand zahlt sich aus
Sigrid Bade war es auch, die dafür sorgte, dass der Sportverein VfL Bad Nenndorf sich aktiv am Protest gegen die Neonazis beteiligte. Auch das habe den Widerstand groß gemacht, betonte Steffen Holz vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der für die Demonstration gegen Rechts in der Kurstadt verantwortlich zeichnete. Dass die Braunen nach zehn Jahren am Sonnabend zum ersten Mal abgesagt haben, sei eine schöne Bestätigung dieses Engagements, so Bade. Sie hatte im Jahre 2008 erstmals auf eigene Initiative eine Party am Rande des Trauermarsches veranstaltet. Diese Feier war damals so etwas wie eine Keimzelle für den phantasievollen aber immer friedlichen Widerstand, der die Bad Nenndorfer Protestform bundesweit bekannt gemacht hat.
"Trauermarsch" in Bad Nenndorf vor dem Aus
Zehn Jahre lang haben die Bad Nenndorfer gegen den jährlichen "Trauermarsch" der Neonazis gekämpft. Dieses Jahr fällt der offenbar aus - ein Etappensieg im Kampf gegen Rechts.
Bürgermeisterin mahnt zur Wachsamkeit
Erleichterung und Freude über das Fortbleiben der Neonazis, das war am Sonnabend die zentrale Botschaft, die von der Kurstadt ausging. Aber in die Freude mischte sich auch Nachdenklichkeit: "Sie sind nicht hier, aber sie sind auch nicht weg", formulierte Bad Nenndorfs Bürgermeisterin Gudrun Olk (SPD) und rief auf zu Wachsamkeit. Ähnliche Botschaften hatten am Vormittag auch Redner von der Evangelischen Landeskirche, dem Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" und dem DGB bei der Demonstration gegen Rechts formuliert.
Politiker äußern sich zufrieden
Bad Nenndorf habe allen Grund, mit sich zufrieden zu sein, sagte Samtgemeindebürgermeister Mike Schmidt (CDU). "Es ist der bürgerliche Protest gewesen, der das hier erreicht hat. Es ist kein Verdienst von Gerichten, es ist kein Verdienst der Polizei. Es ist den Bad Nenndorfern zu verdanken, die auf die Straße gegangen sind und den Rechten durch Verunglimpfung und Freude das Leben so schwer gemacht haben, dass sie in diesem Jahr zu Hause geblieben sind", so Schmidt. Einstweilen feiert man den Tag als Etappensieg, denn angemeldet haben die Rechtsextremisten ihren "Trauermarsch" bis zum Jahr 2030. Der Schaumburger Landrat Jörg Farr (parteilos) glaubt allerdings nicht, dass es in den kommenden Jahren eine Wiederauflage des rechten Spektakels geben wird: "Ich denke, wenn so ein Trauermarsch erst einmal unterbrochen ist, dann ist es schwer, ihn wieder aufleben zu lassen."
Einschulung wie geplant erst am Sonntag
Trotz des Ausbleibens der Rechtsextremen werden die neuen Erstklässler in diesem Jahr erst am Sonntag eingeschult. "Wir wollten auf der sicheren Seite bleiben", sagte der Direktor der Berlin-Schule, Torsten Rolke. Die Eltern der insgesamt 66 ABC-Schützen hätten ihren Sommerurlaub dementsprechend ausgerichtet, Verwandte eingeladen und Räume zum Beispiel in Gaststätten angemietet. Eigentlich war am Sonnabend der landesweit verbindliche Einschulungstermin - für die Verschiebung hatte Rolke aber vom Niedersächsischen Kultusministerium eine Ausnahmegenehmigung erhalten. Denn die ursprünglich geplante rechte Demonstration hätte direkt an der Grundschule vorbeigeführt.
Szenenapplaus im Gottesdienst
Am Morgen war es zunächst besinnlich zugegangen: Rund 200 Menschen waren im Kurpark Gäste eines Gottesdienstes. Für Arend de Vries, den geistlichen Vizepräsidenten der Evangelischen Landeskirche Hannover, war das Anlass zu mahnenden Worten. "In Bad Nenndorf hat der friedliche, der bunte Widerstand zum Erfolg geführt. Aber die Plage ist nicht weg. Im Gegenteil - rechtes Denken ist präsenter denn je in unserer Gesellschaft und versteht sich gut zu tarnen", sagte de Vries. "Rechtes Denken gibt sich demokratisch, will Alternative sein und die Stimme der kleinen Leute." Der Kirchenmann sprach sich dafür aus, Klarheit zu schaffen und raffinierte Propaganda zu entlarven. Christsein und rechtsextremistische Überzeugungen seien wie Feuer und Wasser: "Wer hier irgendetwas anderes will, muss die Bibel umschreiben. Wer das christliche Abendland retten will, der kann an Nächstenliebe und der Sorge um die Fremden nicht vorbei." Für seine Predigt erhielt de Vries - das geschieht nicht alle Tage - Szenenapplaus. Gewiss nicht nur, weil die Bad Nenndorfer heute in Feierlaune sind.