Stand: 29.07.2015 15:43 Uhr

Bad Nenndorf: Geschichte eines Widerstands

von Angelika Henkel und Stefan Schölermann

Am ersten Augustwochenende wollen Neonazis wieder einmal bei einem "Trauermarsch" die Kleinstadt Bad Nenndorf am Deister heimsuchen. Seit 2006 kommen sie alljährlich in den Kurort im Landkreis Schaumburg. Bis zum Jahr 2030 haben sie ihre Aufmärsche angemeldet. Seit zehn Jahren wächst in Bad Nenndorf der Widerstand gegen den braunen Spuk - ein friedlicher Widerstand, der auch die politische Kultur in Niedersachsen nachhaltig verändert hat.

Bürger aus Bad Nenndorf marschieren gegen den Nazi-Aufmarsch an. © NDR

Bad Nenndorf: Eine Chronologie des Protests

In Bad Nenndorf (Landkreis Schaumburg) hat der Protest gegen den "Trauermarsch" der Neonazis Tradition. Mit den Jahren ist die bunte Bewegung immer größer geworden.

5 bei 6 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Erster "Trauermarsch" erregt kaum Aufsehen

Der Bad Nenndorfer Apotheker Jürgen Uebel kann es kaum fassen: "Damals waren es nur ein paar Dutzend Rechte, die hier erschienen - und bis heute kommen sie immer noch wieder." Es ist der 26. Mai 2006, als eine kleine Gruppe von Rechtsextremisten vor dem Wincklerbad in Bad Nenndorf eine "Mahnwache" veranstaltet. Am 19. Juli desselben Jahres sind sie wieder da. Weniger als 50 Teilnehmer versammeln sich zum ersten "Trauermarsch" in Bad Nenndorf, einem geschichtsklitternden Spektakel, das die Schuld des Nazi-Regimes relativieren soll. Noch nimmt in Bad Nenndorf kaum jemand Notiz von diesem braunen Spuk. Es sind zunächst junge Leute des sogenannten links-autonomen Spektrums, die gegen den Aufmarsch protestieren. Erst als bekannt wird, dass die Rechten ihre Aufmärsche zunächst bis zum Jahr 2010 angemeldet haben, kommt auch in Bad Nenndorf etwas in Gang. Das Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" wird gegründet.

"Trauermarsch": Warum eigentlich Bad Nenndorf?

Bad Nenndorf hat keine rechte Szene - und dennoch haben sich Rechtsextremisten die kleine Stadt  für viele Jahre im Voraus als Aufmarschort ausgesucht. Der Grund für die Auswahl der Stadt am Deister hat mit der seit 2005 geänderten Gesetzeslage zu tun. Sie sorgte dafür, dass wichtige Aufmärsche der rechtsextremen Szene verboten werden konnten, etwa die Kundgebungen am Soldatenfriedhof in Halbe in Brandenburg oder die berüchtigten "Rudolf-Heß-Gedenkmärsche" im fränkischen Wunsiedel. Diese Aufmärsche konnten verboten werden, weil der Volksverhetzungsparagraph im Strafgesetzbuch die Billigung, Verherrlichung oder Rechtfertigung der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft unter Strafe stellte.
Ersatz fanden die Rechtsextremisten mit dem Winckler-Bad in Bad Nenndorf, das in der Nachkriegszeit als Verhörlager des britischen Geheimdienstes diente. Hier waren zunächst hochrangige Nazis inhaftiert, später im aufkommenden Kalten Krieg auch vermeintliche Kommunisten. Es kam zu Misshandlungen von Häftlingen. Zwar sind diese Fälle in Großbritannien aufgearbeitet worden. für die Neonazis aber war ein rechtlich unproblematischer Ort gefunden, ihre Aufmärsche zu veranstalten.

2007 gibt es eine erste Eskalation

Ein Jahr später gibt es die erste Eskalation: Rund 150 Mitgliedern der autonomen Szene gelingt es, durch eine Blockade am Bahnhof den Aufzug der Rechtsextremisten um rund drei Stunden zu verzögern. Das Erscheinungsbild der linken Aktivisten ist so martialisch, dass die Mitglieder des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" Probleme haben, sich zu positionieren. Das CDU-geführte Innenministerium macht Druck, verlangt Abgrenzung von angeblich gewaltbereiten Linksautonomen. Der Widerspruch: Das Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" setzt von vornherein ausschließlich auf friedfertige und gewaltfreie Aktionen gegen den rechten "Trauermarsch".

Zunächst ignorieren die Meisten den "Trauermarsch"

In dieser Zeit wollen viele in Bad Nenndorf lieber "aktiv wegschauen". Die Theorie: Die Proteste gegen Rechts seien eine willkommene Herausforderung für die braune Szene. Wenn man sie ignoriere, würden die Rechten die Lust am braunen "Trauermarsch" verlieren. Auch Sigrid Bade, damals stellvertretende Vorsitzende des Sportvereins, ist zunächst dieser Ansicht - bis sie miterleben muss, wie beim Aufmarsch der Neonazis am Wincklerbad selbst verurteilte Holocaustleugner, wie die Rechtsextremistin Ursula Haverbeck ihre Reden schwingen. "Das waren geschulte Leute. Ihre Reden haben mir klargemacht, dass wir es mit einer echten Gefahr zu tun haben", sagt Sigrid Bade heute.

Der Protest gegen die Neonazis wächst

Dass es sich bei den "Trauermärschen" nicht um eine "braune Eintagsfliege" handelt, wird im Jahr 2009 endgültig klar. In diesem Jahr verlängern die Rechtsextremisten die Anmeldung ihrer "Trauermärsche" bis zum Jahr 2030. Trotzdem sieht Niedersachsens Verfassungsschutz die Gefahr damals vor allem auf der linksextremen Seite: Bei einer Veranstaltung der CDU-Senioren warnt ein Experte des Nachrichtendienstes davor, sich an Gegenaktionen am Tag des "Trauermarsches" aktiv zu beteiligen. "Aktives Ignorieren" sei das Gebot der Stunde, sagt der Fachmann und erntet dafür lautstarken Protest. Im Jahre 2009 wird die Gegendemonstration erstmals vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" angemeldet. Auch die politische Spitze des Ortes engagiert sich jetzt aktiv gegen Rechts. Fazit: Die Zahl der Gegendemonstranten übersteigt mit rund 1.300 die Zahl der Rechtsextremisten deutlich.