Stand: 28.02.2017 20:05 Uhr

Babys im Koffer: Psychiater sagt vor Gericht aus

Ein psychiatrischer Gutachter hat nach dem Fund eines Neugeborenen und eines Baby-Skeletts in einem Koffer bei der Mutter keinerlei Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung ausgemacht. Das erklärte der Sachverständige am Donnerstag vor dem Landgericht Hannover: "Ich finde keine charakterlichen Auffälligkeiten, die auf eine Persönlichkeitsstörung hindeuten." In Beziehungskonflikten sei die 22-Jährige indes überwiegend zurückhaltend und einlenkend. Nach Aussage ihrer Verteidiger verheimlichte sie vor ihrem Freund die Schwangerschaft, weil sie Angst vor einem Ende der Beziehung hatte.  

Freund alarmiert die Polizei

Vor dem Landgericht Hannover muss sich die angehende Hotelfachfrau unter anderem wegen versuchten Totschlags verantworten. Sie soll ihre kleine Tochter nach der heimlichen Geburt in Tücher und Badematten eingewickelt haben und sie ungewaschen samt Plazenta in den vollgestopften Koffer gelegt haben. An den folgenden drei Tagen soll sie dann von frühmorgens bis nachmittags zur Arbeit und zur Berufsschule gegangen sein. Erst am 29. September entdeckte ihr Freund das Baby in einem Abstellraum der gemeinsamen Wohnung und alarmierte die Polizei. Laut Anklage war der Koffer aufgestellt und mit dem Reißverschluss verschlossen.

Kind hatte zahlreiche Schürfwunden

Am Donnerstag wurden zudem drei Mediziner zum gesundheitlichen Zustand des Säuglings befragt. Demnach hatte das Kind zahlreiche Schürfwunden, war unterkühlt und litt unter einer Infektion. Sie könne nicht sagen, ob das Kind nach der Geburt gestillt worden sei oder nicht, sagte die Kinderärztin, die das kleine Mädchen in der Medizinischen Hochschule Hannover behandelt hatte.

Urin weist Spuren von Cannbis und Ecstasy auf

Das Baby habe aufgrund der neben ihm liegenden verwesenden Plazenta "ganz fürchterlich" gerochen. Eine langgezogene Schürfwunde am Kopf des Kindes könne vom Zuziehen des Koffer-Reißverschlusses stammen, erklärte ein Rechtsmediziner in seinem Gutachten. Er bewertete die Situation im Koffer potenziell lebensbedrohlich für das zwar reif geborene, aber untergewichtige Baby. Im Urin des Säuglings wurden ihm zufolge Rückstände von Cannabis und Ecstasy nachgewiesen.  

22-Jährige bestreitet Tötungsabsicht

Die Mutter hatte zum Prozessauftakt gesagt, sie hasse sich dafür, ihr Baby dieser fürchterlichen Situation ausgesetzt zu haben. Zugleich bestritt die junge Frau jegliche Tötungsabsicht. Im Fall des Baby-Skeletts waren die Ermittlungen eingestellt worden, weil nicht mehr zu klären war, ob das erste Kind der Angeklagten im Januar 2015 tot oder lebendig zur Welt kam.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 17.02.2017 | 14:30 Uhr

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