Stand: 27.01.2016 14:38 Uhr

Propaganda treibt Russlanddeutsche auf die Straßen

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Deutschlandweit demonstrierten am Wochenende Russlanddeutsche gegen Gewalt durch Migranten.

"Wir wollen mehr Sicherheit" und "Respekt für die deutsche Kultur" steht auf ihren Schildern. Hunderte russischstämmige Bürger strömen auch in niedersächsischen Städten auf die Straßen, zum Protest gegen die vermeintlich zunehmende Gewalt durch Migranten. Der Auslöser: Die angebliche Entführung und Vergewaltigung einer 13-jährigen Berlinerin mit russischen Wurzeln durch eine Gruppe südländisch aussehender Männer. Die Polizei hat eine Vergewaltigung längst dementiert. Die Proteste reißen trotzdem nicht ab. Nun hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Osnabrück am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am Donnerstag zu einer Kundgebung gegen Verleumdung und Hass aufgerufen; zum Protest gegen den Protest sozusagen.

Russlanddeutsche reisen eigens zum Protest an

"Fehlinformation, Stimmungsmache und eine Propaganda, die Menschen verachtet, ist heute so leicht zu verbreiten", schreibt der DGB in seinem Aufruf. Dass nun ausgerechnet eine Gewerkschaft gegen eine Minderheit demonstrieren will, irritiert. Es ist zugleich Zeichen dafür, wie sehr die Proteste der Russlanddeutschen die Bevölkerung bestürzen. "Vor allem, wenn man berücksichtigt, wie diese Leute vor 25 Jahren freundlich aufgenommen wurden, als sie selbst hierher kamen", so Klaus Niemann, Sprecher der Stadt Cloppenburg, nach einer Protestaktion in seiner Stadt. Dort gingen am Wochenende mehr als 400 russischstämmige Deutsche auf die Straßen - gegen "Ausländergewalt", die angeblich zunehmen würde. Einige Quellen sprechen sogar von bis zu 1.000 Teilnehmern, eine offizielle Zahl gibt es nicht. Die Demonstranten sollen nicht nur aus dem Landkreis Cloppenburg gekommen, sondern auch aus den Kreisen Emsland, Papenburg und Quakenbrück angereist sein.

"Wer nicht kommt, ist mitschuldig"

Der Stadt Cloppenburg liegt laut Niemann ein Schreiben vor, das in den sozialen Netzwerken kursiert. Wer nicht käme, sei mitschuldig an weiteren Vergewaltigungen, soll es darin heißen. Über die offensichtlich ausländerfeindlichen Tendenzen sorge sich die Stadt nun. Nach Angaben der Polizei gingen auch in Delmenhorst, Osnabrück, Bremen und Bremerhaven Hunderte Menschen auf die Straßen - größtenteils unangemeldet. Organisiert haben soll die Demonstrationen der Internationale Konvent der Russlanddeutschen. Doch woher stammt die offensichtliche Angst vor Gewalt durch Migranten?

Stimmungsmache durch russische Medien?

"Viele Aussiedler beschäftigen sich zu wenig mit den deutschen Medien, sondern nur mit russischen Netzwerken und Zeitungen. Dann werden dort solche Parolen verbreitet und Leute glauben das blind", sagt Nadja Kurz, die seit mehr als 20 Jahren beim Heimatverein der Deutschen aus Russland in Molbergen arbeitet. Auch der Fall der angeblichen Nötigung der 13-jährigen Lisa wurde vom russischen Staatsfernsehen aufgegriffen, von einer "Massenvergewaltigung" war die Rede. Wird der Fall genutzt, um Stimmung gegen die Bundesregierung und ihre Flüchtlingspolitik zu machen?

Russische Politik meldet sich zu Wort

Fakt ist: Inzwischen hat sich sogar die hohe russische Politik eingeschaltet. Während einer Pressekonferenz in Moskau erhob der russische Außenminister Sergej Lawrow schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden: Sie würden "die Realität aus innenpolitischen Gründen politisch korrekt übermalen". Er forderte weiterhin eine lückenlose Aufklärung der vermeintlichen Vergewaltigung. Dabei hat es laut Staatsanwaltschaft offenbar einen einvernehmlichen sexuellen Kontakt gegeben. Wegen des Alters des Mädchens werde aber wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Um die 13-Jährige zu schützen wolle man keine weiteren Details mitteilen. Der Protest geht dennoch weiter. Die Stadt Cloppenburg setzt nun eigenen Angaben zufolge auf Aufklärung. Sie sucht einen offenen Dialog mit den Vertretern der Russlanddeutschen.

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Angst schüren mit angeblicher Vergewaltigung

Nach einem russischen TV-Bericht über die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen durch Flüchtlinge in Berlin und anschließendem Polizei-Dementi ist die Aufregung groß - nicht nur im Netz. (26.01.2016) extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 27.01.2016 | 17:00 Uhr