Stand: 01.04.2016 17:28 Uhr

Integration geglückt, Asyl abgelehnt

von Tino Nowitzki

Abdifitah Mohamud Elmi versteht die Welt nicht mehr. Eben noch war der 18-jährige Somalier bester Dinge, hatte gerade einen Lehrgang für seine Ausbildung als Maler besucht. Er fühlte sich endlich angekommen, hier in Bahrdorf im Landkreis Helmstedt. Nicht nur als Flüchtling, auch als Mitmensch. Dann der Schock: Auf dem Schreibtisch erwartet Abdifitah Elmi ein Brief des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Sein Asylantrag? Abgelehnt.

Der Druck ist kaum aushaltbar

Dabei hatte er doch eigentlich alles richtig gemacht: Nachdem Abdifitah vor mehr als drei Jahren allein aus seinem Heimatland Somalia nach Deutschland geflohen war, wollte er schnell ein ganz normaler Bürger werden. Er besuchte die Schule, lernte Deutsch, startete eine Ausbildung als Maler. Sogar seine Führerschein-Prüfung hat der Jugendliche gerade erst bestanden. Wie man so einen Bescheid dann aufnimmt? "Ich war traurig, habe drei Tage lang nicht gut geschlafen", sagt Abdifitah. Auch Simona Faulhaber, die den damals minderjährigen Somalier zusammen mit ihrem Mann aus dem Flüchtlingsheim holte und zu Hause aufnahm, ist fassungslos. Nicht nur, weil er mitten in der Ausbildung steckt. Auch, weil der immer fröhlich wirkende Abdifitah inzwischen Teil der Familie geworden sei. "Abdi" nennt Simona Faulhaber ihn liebevoll. "Mutter" sagt Abdifitah zu ihr. Ihn plötzlich gehen lassen müssen - das kann sie sich nicht vorstellen. Die ganze Familie ist wegen des Bescheids verärgert. All der Druck, den so eine plötzliche Entscheidung von ganz oben bringt - "das ist kaum aushaltbar", sagt Simona Faulhaber.

Trotz Bürgerkriegs: Keine Gefahr für Flüchtlinge?

Aber auf Gefühle nimmt das Gesetz keine Rücksicht. Die gute Integration Abdifitah Mohamud Elmis jedenfalls spielt für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge keine Rolle. "Nicht um schutzwürdige" Belange handele es sich dabei laut Bescheid. Dafür, ob ein nach Deutschland Geflüchteter auch als Flüchtling anerkannt wird, sei dagegen nur von Belang, ob er in seinem Heimatland Verfolgung fürchten müsse. Wegen seiner Religion beispielsweise, oder seiner Rasse oder politischen Überzeugung. Das träfe auf Abdifitah Elmi nicht zu. Weil ihm in Somalia auch nicht die Todesstrafe drohe, käme auch der sogenannte subsidäre Schutzstatus nicht infrage. Zwar wird in dem Bescheid eingeräumt, dass in Somalia Bürgerkrieg herrscht. Das allein reicht dem Amt aber nicht. Erst, wenn eine Gefahr für den einzelnen Geflüchteten ausgeht, darf er in Deutschland bleiben. Explizit wurden dazu in Abditifahs Fall die Todesopfer der vergangenen Jahre in Mogadischu gezählt. Ein paar Hundert? Offenbar zu wenig.

Abdifitahs Geschichte nicht glaubhaft genug

Dass seine Heimat sicher sei, ist für Abdifitah Elmi blanker Hohn. Jeden Tag verfolgt er die Berichte über Kämpfe, Entführungen oder Bombenexplosionen in Somalia. "Dort ist es immer gefährlich", sagt er. Vor allem vor der Al-Shabaab-Miliz hätten viele Menschen dort Angst. Abdifitah hat die Schergen hautnah erlebt. Als 13-Jährigen wollten sie ihn rekrutieren - als Selbstmordattentäter. Für seine Mutter war das zu viel. Von ihrem Geld als Ladenbesitzerin nahm sie 2.000 Euro in die Hand, gab es den Schleppern und schickte ihren Sohn auf die ungewisse Reise in ein besseres Leben. Das Problem: Für das Bundesamt ist die Geschichte des jungen Somaliers nicht glaubhaft genug. Auch, dass seine Familie mittlerweile arm sei, wird in dem negativen Asyl-Bescheid als unwahrscheinlich dargestellt. Abdifitah beteuert derweil, dass seine Mutter den Laden nicht mehr habe. Und als seine kleine Schwester kürzlich starb, habe die Familie in Somalia nicht einmal genug Geld für den Arzt gehabt.

Arbeitskollegen: "Freundlich und hoch motiviert"

Trotzdem: Der Beschluss des Bundesamtes sagt, dass Abdifitah binnen 30 Tagen das Land verlassen muss und innerhalb der nächsten drei Jahre nicht mehr nach Deutschland reisen darf. Deswegen hat seine Gastfamilie Klage eingereicht - so lange darf Abdifitah bleiben. Und bangen. Angst, dass er gehen muss, hat man derweil auch in seinem Ausbildungsbetrieb. Sein Chef, Malermeister Martin Bauermeister aus Bahrdorf, hat Abdifitah im letzten August eingestellt. Bereut hat er es nie, trotz bürokratischer Hürden: "Abdi ist hoch motiviert und ein echt freundlicher Kollege", sagt er. Nicht einen Tag sei der junge Somalier unpünktlich gewesen. Und unter den Kollegen habe er inzwischen auch viele Freunde gewonnen - manche spielen zudem mit Abdifitah im Fußballverein. Martin Bauermeister habe das Risiko zwar gekannt, als er jemanden mit ungeklärtem Status einstellte. Missen möchte er Abdifitah trotzdem nicht mehr. "Es muss da endlich eine verlässliche Regelung geben", sagt Bauermeister: "Wer eine Ausbildung macht, muss hier bleiben dürfen."

Letzte Chance: Duldung

Tatsächlich ist das am Ende möglicherweise eine Chance für Abdifitah Elmi. Die für ihn zuständige Ausländerbehörde des Landkreises Helmstedt kann ihm demnach für die Zeit seiner Ausbildung eine Duldung aussprechen. Zumindest solange, bis Abdifitah 21 ist. Vielleicht aber auch darüber hinaus: Anders als das Bundesamt stuft der Landkreis Helmstedt Somalia als unsicher ein. "Wir dürfen ihn eigentlich nicht abschieben", sagt Erster Kreisrat Hans Werner Schlichting. In Abdifitah weckt das ein Fünkchen Hoffnung, denn er will unbedingt hier bleiben. Neue Freunde, eine neue Familie, eine neue Zukunft habe er hier gewonnen: "Ich glaube ich habe das beste Leben hier Deutschland!"

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 01.04.2016 | 19:30 Uhr

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