Stand: 30.01.2016 15:29 Uhr

Buch widerlegt Vorurteil von Flüchtlingskriminalität

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Kriminaldirektor Küch hat ein Buch über Fakten zur Flüchtlingskriminalität geschrieben.

Nicht erst seit den Vorfällen in der Silvesternacht stehen Flüchtlinge häufig unter Generalverdacht. Egal ob Vergewaltigung, Diebstahl oder Einbruch - für viele sind die vermeintlichen Täter schnell ausgemacht. Die tatsächliche Straffälligkeit von Flüchtlingen hat mit der Wahrnehmung vieler ängstlicher Bürger allerdings fast nichts zu tun. Das belegt der Chef der Braunschweiger Kriminalpolizei, Ulf Küch, in seinem jüngst erschienenen Buch "Soko Asyl - Eine Sonderkommission offenbart überraschende Wahrheiten über Flüchtlingskriminalität". Seit August 2015 hat die von Küch gegründete Soko Straftaten von Flüchtlingen ausgewertet - und eindeutige, belegbare Ergebnisse bekommen. Die Flüchtlingssituation sei aus polizeilicher Sicht nicht dramatisch, so Küch.

Mit Fakten gegen Schwarzmalerei

Der 58-jährige Küch ist als Kriminaldirektor Leiter der Kripo in Braunschweig. Mit seinem Wissen hält er nicht hinter dem Berg: Wenn es um die Frage geht, wie viel Kriminalität mit den Flüchtlingen nach Deutschland kommt, tritt er allen Schwarzmalern mit Fakten entgegen: "Der Anteil von Kriminellen, die mit den Flüchtlingen nach Deutschland eingereist sind, ist prozentual nicht höher als der Anteil von Kriminellen in der deutschen Bevölkerung." Und noch eine Botschaft hat Küch: Obwohl seit Anfang vergangenen Jahres rund 40.000 Menschen die Aufnahmestelle in Braunschweig durchlaufen haben, steht fest: In der Kriminalitätsstatistik fällt das nicht ins Gewicht.

Gerüchte um Erstaufnahmelager Kralenriede

Das sind Argumente, die jenen den Wind aus den Segeln nehmen werden, die auf dem Rücken der Schutzbedürftigen ihre rechten Parolen formulieren. Zusammengetragen hat diese Tatsachen die Sonderkommission der Braunschweiger Kriminalpolizei, die das eigentliche Thema des Buches ist. Eingesetzt wurde diese Ermittlungsgruppe im September vergangenen Jahres, als Tausende Flüchtlinge in die Erstaufnahmeeinrichtung im Braunschweiger Stadtteil Kralenriede kamen. Plötzlich waren damals die Straßen voller Menschen, die anders aussahen. Manche waren dunkelhäutig, andere trugen Kopftücher. Auf einmal war der Merkel-Satz "Wir schaffen das" als Herausforderung vor der eigenen Haustür zu erleben. Gerüchte machten rasch die Runde, Gerüchte über einen großen Anstieg der Kriminalität. Tatsächlich gab es Straftaten - aber längst nicht in dem Ausmaß, wie befürchtet: Ladendiebstähle, Wohnungseinbrüche, begangen auch von Flüchtlingen.

"Auch Kriminelle im Flüchtlingsstrom"

Bei der Bekämpfung dieser Kriminalität spielte die Sonderkommission eine zentrale Rolle. Hier wurden Leute zusammengezogen, die sich in die Thematik eingearbeitet hatten. Es wurden enge Verbindungen geknüpft zu Staatsanwälten und Gerichten. Und so kam es, dass die Taten nicht nur schnell aufgeklärt werden konnten. Schneller als anderswo fanden sich die mutmaßlichen Täter vor dem Richter wieder. Für Küch ist klar: "Es waren auch Kriminelle am Werk, die im Flüchtlingsstrom mit geschwommen sind."

Statistiken sprechen eindeutige Sprache

Das Problem von einer Serie von Wohnungseinbrüchen etwa war schnell erledigt, nachdem den Tätern der Prozess gemacht wurde. Inzwischen ist das Thema in Braunschweig kein Tabu mehr, sagt der Kriminalist: "Das war die Besonderheit der ganzen Geschichte, wir haben diese Kriminalität frühzeitig erkannt und haben sie benannt", sagt Ulf Küch im NDR Interview. "Das ist sicherlich der große Unterschied zu dem, was sonst in der Bundesrepublik gelaufen ist. Da waren wir unserer Zeit voraus." Es wurde nicht nur ermittelt, es wurden auch Statistiken angelegt. Und die sprechen eine eindeutige Sprache: Für mehr als 40.000 Flüchtlinge führte der Weg durch Braunschweig - zu verzeichnen war vor allem ein Anstieg der Laden- oder Taschendiebstähle, kaum Sexualdelikte. "Diese Diskussion von wegen 'jetzt werden wir überflutet' und 'das Abendland ist gestorben' und 'deutsche Frauen werden reihenweise vergewaltigt', das ist absoluter Unsinn."

Soko "Zerm" statt Soko "Asyl"

Zwar kann die Sonderkommission heute eindeutige Erfolge vorweisen. Ihre Gründung aber war umstritten. Bis heute hat sie nicht den Namen, den er sich eigentlich gewünscht hätte: Soko "Asyl" sollte der Name lauten. Tatsächlich trägt sie eine andere Bezeichnung: "Zentrale Ermittlungen" lautet der unverfängliche, aber eben auch unspezifische Name. Der Grund: Es gab Befürchtungen, dass schon der Name Soko "Asyl" eine diskriminierende Wirkung haben könnte. Küch: "Ich hatte einige Anrufer aus der Politik, die mir sagten: 'Das können sie doch so nicht machen.'"

"Es ist wichtig, die Wahrheit zu sagen"

Durchgesetzt hat er die Sonderkommission trotzdem - der Name spielt im Ergebnis heute keine Rolle mehr. Denn die Erfolge sprechen eine eindeutige Sprache. Auch deshalb hat der Kriminaldirektor keine Angst vor Konflikten - und die sind vorhersehbar. Küch ist für Ehrlichkeit - auch wenn es um die Benennung von Verantwortlichen geht. "Es ist wichtig, die Wahrheit zu sagen", meint Küch und blickt damit auf die aus seiner Sicht eskalierte Debatte um die Silvesternacht in Köln. Die Angst davor, mit zu vielen Informationen den Hetzkampagnen von Rassisten Nahrung zu geben, dürfe nicht das allein ausschlaggebende Kriterium sein für die Information der Öffentlichkeit: "Da, wo Informationen zurückgehalten wurden, schlägt es genau ins Gegenteil. Es entsteht ein großes Misstrauen. Das sollte die Lehre aus den Kölner Ereignissen sein - und das ist auch die Konsequenz, die in dem Buch beschrieben wird - dass es sehr wichtig ist, die Wahrheit zu sagen." Nicht jedem wird diese Wahrheit gefallen.

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Hallo Niedersachsen | 14.01.2016 | 19:30 Uhr