Stand: 10.08.2017 19:00 Uhr

Zwangsarbeit auf Farm-Gelände von VW Brasilien

von Stefanie Dodt
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In den 1970ern begann VW damit, Rinder in Brasilien zu züchten.

"Wir haben den Bewohnern dieser Region die Zivilisation und die Möglichkeit eines anständigen Lebens gebracht." So drückt es Wolfgang Sauer, der ehemalige Chef des Tochterunternehmens von Volkswagen in Brasilien, in seiner Biografie aus. Die Region, die Sauer anspricht, ist der Bundesstaat Pará im brasilianischen Amazonas-Becken, 2.000 Kilometer nördlich von der Industriemetropole São Paulo. Hier betrieb der Autobauer Volkswagen ab Mitte der 1970er-Jahre rund 15 Jahre lang eine Farm. Rindersteaks der Marke VW sollten der nächste Erfolg werden, nachdem der Käfer in Brasilien schon zum Verkaufsschlager geworden war.

Zwangsarbeiter roden Regenwald für VW-Steaks

Recherchen von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung" lassen Zweifel an der Modellhaftigkeit des Projektes aufkommen. Für die VW-Steaks wurden zwölf Jahre lang riesige Flächen Regenwald gerodet, die Farm umfasste eine Fläche von rund 140.000 Hektar. Tausende Leiharbeiter sollen dafür unter unmenschlichen Bedingungen beschäftigt worden sein. Auf dem Gelände wurden offenbar mit dem Wissen des damaligen Farm-Managements Zwangsarbeiter eingesetzt. Reporter der drei Medien konnten Dutzende Protokolle von Aussagen ehemaliger Leiharbeiter und Polizeiberichte auswerten sowie mit Arbeitern und Verantwortlichen sprechen.

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Podcast-Serie: Komplizen? VW und Brasiliens Militärdiktatur

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Hat VW do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur kollaboriert? Eine Spurensuche zwischen Brasilien und Deutschland. Hier finden Sie alle fünf Teile der Podcast-Serie. mehr

Das Tochterunternehmen des Wolfsburger Autobauers plante in den 70er-Jahren den Einstieg in das Fleischgeschäft - auf Einladung der brasilianischen Militärregierung, die mit Steuererleichterungen lockte. Dafür gründete VW Brasilien im Jahr 1973 die "Companhia Vale do Rio Cristalino", eine Farm im brasilianischen Bundesstaat Pará. Um Arbeitskräfte für die Rodung des Waldes im Amazonasbecken zu finden, wurden Vermittler beauftragt.

System von Schuldknechtschaft

Diese Arbeitsvermittler entwickelten den Recherchen zufolge ein System von Schuldknechtschaft. Sie rekrutierten Männer aus umliegenden Bundesstaaten. Nachdem sie an der Farm angekommen waren, oft nach mehrtägiger Anreise, berechneten die Vermittler nach Schilderungen der Arbeiter entgegen den Absprachen den Transport zur Farm - zur Abarbeitung dieser "Schulden" wurden sie gezwungen, den Wald zu roden. Den Aussagen nach mussten die Leiharbeiter auch für Nahrungsmittel hohe Preise zahlen, sodass sie weiter verschuldet blieben. Sie berichten von Gewalt, massiven Misshandlungen und in Einzelfällen auch Tötungen von Arbeitern auf dem Gelände der Farm, wenn diese versuchten zu fliehen.

Ex-Farm-Manager wusste Bescheid

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Der Schweizer Friedrich Brügger war der Manager der VW-Farm in Brasilien.

Der ehemalige Manager der VW-Farm im Amazonas bestätigte nun im Interview, vom System der Schuldknechtschaft auf dem Farm-Gelände gewusst zu haben. "Das ist die Praxis, wie damals diese großen Arbeiten durchgeführt wurden", so der heute 79-jährige gebürtige Schweizer Friedrich Brügger. Man habe das System in Kauf nehmen müssen, um das Farm-Projekt realisieren zu können. Brügger stand im engen Kontakt zur Unternehmensleitung in São Paulo und in Wolfsburg.

Auch der Einsatz von Gewalt sei ihm bekannt gewesen: "Ja, es wurden schon massive Mittel verwendet, damit sie nicht davonlaufen. Vor allem, wenn sie verschuldet waren. Das war aber auch nicht speziell von uns." Andere Möglichkeiten sieht der damalige Manager im Rückblick nicht: "Das ist der Brasilianer, der zieht immer den anderen übern Tisch." Dass es auch zu Todesfällen kam, bestritt Brügger.

Karte: Standort der ehemaligen VW-Rinderfarm in Brasilien

"Sklavenhalter" - Konzernspitze wurde informiert

Die Recherchen zeigen, dass auch die Konzernspitze in Wolfsburg spätestens im Jahr 1983 über Vorwürfe gegen die Farm im brasilianischen Amazonasbecken informiert worden war. Damals schrieb der Farm-Manager persönlich an den VW-Vorstandsvorsitzenden in Wolfsburg, man sei als "Sklavenhalter" bezeichnet worden. Der Empfänger des Briefes, der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Carl Hahn junior, bestritt im Interview mit NDR, SWR und SZ, von den Vorwürfen gewusst zu haben: "Ich habe ja bei uns keine Sklavenhalter gesehen."

Historiker bestätigt Vorwürfe

Heute will sich VW inhaltlich bislang nicht äußern. Das Unternehmen verweist darauf, dass die Auswertung der Untersuchungen des Historikers Christopher Kopper zur Konzerngeschichte in Brasilien noch andauere. Auf Anfrage nahm Kopper jedoch schon vorab Stellung und bestätigte die Vorwürfe: "Es war im Prinzip Schuldknechtschaft." Dem Historiker zufolge hätte der Konzern anders handeln können: "Man hätte ja diese Arbeitskräfte auch direkt bei VW einstellen können." Stattdessen wurden die Leiharbeiter nur indirekt über Arbeitsvermittler engagiert.

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Der ehemalige Arbeiter José Liborio fordert eine Entschädigung.
Ehemalige Arbeiter fordern Entschädigung

Eine Gruppe ehemaliger Leiharbeiter des Landgutes fordert Entschädigungen vom Konzern. "Kein Mensch sollte so etwas erleben müssen. Nicht einmal ein Tier darf man so behandeln", so der ehemalige Arbeiter José Liborio. "Was ich jetzt von der Firma erwarte, ist eine Entschädigung. Für die Erniedrigung, die wir erleben mussten, die Respektlosigkeit. Das ist das Mindeste, was wir von VW erwarten."

VW-Werk in Sao Bernardo do Campo (Brasilien) © NDR

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NDR Info | Das Forum | 10.08.2017 | 20:30 Uhr

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