Stand: 04.02.2016 13:22 Uhr

Wo bleibt der Vormarsch der E-Autos?

von Tino Nowitzki

Der jüngste Gipfel zum Thema Elektromobilität zeigt, dass der Vormarsch der E-Autos noch keiner ist. Nicht einmal 12.400 Stromkarossen wurden im vergangenen Jahr neu in Deutschland zugelassen. Das Ziel, bis 2020 eine Million Batterie- und Hybridautos im Land zu haben: mehr als ambitioniert? Aber was macht elektrisches Fahren eigentlich scheinbar so unbeliebt?

Größere Akzeptanz für Elektroautos

Hoher Preis, wenig Kilometer

Thomas Cerbe vom Institut für Verkehrsmanagement der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften findet, es sei nach wie vor vor allem der zu hohe Kaufpreis. 30.000 bis 40.000 Euro muss man aktuell für die meisten Elektro-Modelle hinlegen, für ein exklusives Modell, wie den Tesla, noch mehr. "Das ist natürlich teurer als ein normales Verbrenner-Fahrzeug", so Cerbe, der auch zur Akzeptanz von Elektroautos forscht. Seiner Meinung nach wäre eine Kaufprämie, wie aktuell in der Politik diskutiert, ein echter Anreiz. Doch es gibt ein anderes Problem: Trotz sich ständig entwickelnder Batterie-Technik kommen die meisten E-Mobile bisher nicht weit. Laut Experten müssen die Batterien alle 100 Kilometer neu geladen werden. "Nach Mailand oder Rom zu fahren, macht nicht wirklich Spaß", so Cerbe. In der Stadt und auf Kurzstrecken seien Elektroautos aber jetzt schon sinnvoll - gerade für Familien wären Elektroautos demnach als Zweitwagen zusätzlich zum normalen Pkw eine Option. Kritisch sieht der Wissenschaftler aber die Optik der meisten Stromautos auf dem Markt. Er wünscht sich statt schlichtem Pkw-Look lieber Gewagteres: "Purpose Designs", wie er es nennt. Also Fahrzeuge, die schon mehr nach Zukunfts-Technologien aussehen.

Entscheidung für die Umwelt

Aber nicht alle schrecken Aussehen und Preis der Elektroautos ab. Für Wilfried Blume aus Braunschweig war der Kauf seines 20.000 Euro teuren Renault Zoe nur konsequent, schließlich lebt der 63-Jährige generell naturbewusst und setzt seit Jahren schon auf Ökostrom. Nun ist der batteriebetriebene Kleinwagen auch als lautlos sausende Werbetafel für seinen Bioladen im Einsatz. Einen herkömmlichen Wagen vermisst Wilfried Blume überhaupt nicht, schließlich mache so ein E-Auto gehörig Spaß. Ein Höhepunkt: Wenn er an der Ampel aufs "Gas" drückt und aufgrund der kräftigen Beschleunigungs-Leistung der Akku-Fahrzeuge so manchen BMW-Fahrer stehen lässt. Ob ihm die Blicke gefallen? "Die sehe ich doch dann gar nicht mehr", sagt Wilfried Blume und schmunzelt.

"Batterieangst": Ständig auf den Akku achten

Doch Wilfried Blume kennt auch die Leiden, die mit so einem elektrischen Untersatz einhergehen. Und er hat viel lernen müssen. Zum Beispiel sei die vom Hersteller angegebene Reichweite von 210 Kilometern absolut unerreichbar. Mindestens 25 Prozent müsse man da abziehen, sagt Wilfried Blume. "Es sei denn, man ist die ganze Zeit nur mit 30 Stundenkilometern unterwegs." Überhaupt hieße es: Ständig auf den Akku achten. Stelle der Fahrer im Winter die Heizung an oder drücke auf der Autobahn aufs Gas, werde die Batterie schnell leer gesaugt. Wolle er 140 Kilometer am Stück damit fahren, müsse er schon etwas langsamer rangehen und sich damit zufrieden geben, sich hinter LKWs zu klemmen. So könne es schon einmal zu der unter Elektroautofahrern bekannten "Batterieangst" kommen. Wilfried Blume sagt zwar, dass er selbst selten in Panik gerate. Aber er habe schon Situationen erlebt, in denen er unsicher gewesen sei, ob er es nach Hause schafft, weil die nächste Ladestation zu weit weg war. Seitdem plant er jede Tour, die ihn aus Braunschweig heraus führt und geht im Internet die Strom-Tankstellen durch.

Private Steckdosen als Notlösung

Doch auch bei der Auswahl der Tankstellen ist Vorsicht geboten. Nicht an alle kann Wilfried Blume seinen Renault andocken - manche nämlich laufen nur mit Gleich-, andere nur mit Wechselstrom. Dazu kommt, dass viele Anbieter offizieller Ladestationen unterschiedliche Bezahlsysteme haben. "Ich bräuchte eigentlich zwei Dutzend Ladekarten", sagt Wilfried Blume. Deswegen guckt er auch immer nach Notlösungen. Privatleute sind das, die ihren Strom gegen einen kleinen Preis zur Verfügung stellen. Dann muss Wilfried Blume aber schon mal eine Übernachtung mit einplanen, denn während sein Auto an einer Schnell-Ladestation in einer halben Stunde geladen ist, braucht es an einer herkömmlichen Steckdose schon mal einige Stunden. Von Elektroautos ist Wilfried Blume trotzdem nicht weg zu kriegen. "Ich würde mir wieder eins kaufen", sagt er. Allerdings würde er dann noch ein bisschen warten - bis man damit wenigstens 200 Kilometer fahren kann. "Sonst ist das kein Ersatz für ein Auto, sondern ein Hobby".

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