Stand: 07.02.2016 11:44 Uhr

Abgetaut: Wintersport im Harz ein Auslaufmodell?

von Tino Nowitzki

Tauwetter: Regen, Matsch und zwitschernde Vögel im Februar. Ist man in diesen Tagen im Oberharz unterhalb von 800 Metern unterwegs, sucht man den Zauber einer Winterlandschaft vergeblich. Und es ist offenbar ein Trend: Tatsächlich ist es mit den Durchschnittstemperaturen im Harz in den vergangenen Jahren stetig nach oben gegangen. Das zumindest beobachten die regionalen Umweltverbände. Hatte der Brocken noch im Jahr 1900 eine Jahres-Durchschnittstemperatur von weniger als zwei Grad, sind es heute über vier Grad mehr. Und es wird schlimmer: "Die Tendenz der Kurve geht steil nach oben", so Friedhart Knolle vom BUND-Regionalverband Westharz. Für ihn ist der Klimawandel bereits in den Mittelgebirgen angekommen. Und zwar spürbar: "Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen wir in Goslar Iglus bauen konnten." Aber das sei lange vorbei.

Harzer Schmuddelwetter statt Schneegestöber

BUND: "Investitionen ein Fehler"

Umso kritischer sieht es der Umweltexperte, dass der Harz touristisch noch immer vor allem auf Wintersport setzt. Mehr als 100 Jahre habe man im Harz eine Menge Geld mit dem Wintersport verdient - weiß-goldene Zeiten, die nun aber vorbei seien, urteilt Knolle. Die immensen Investitionen in Ski-Alpin-Gebiete, wie zum Beispiel am Wurmberg bei Braunlage, nennt er einen Fehler. Für nur wenige Wochen im Jahr würden da Millionen Euro hineingesteckt, obwohl der Winter im Harz kein verlässlicher Partner mehr sei. "Das ist eine bittere Wahrheit, die viele nicht hören wollen", sagt Knolle. Er findet: Gerade weil die Region Harz aber vom Tourismus abhängig ist, sollte man auf ein ganzjähriges Konzept umschwenken. Auch einmal Nordic Walking oder Mountain-Biking, statt nur Rodelpisten und Loipen. Knolle: "Das wäre ein kluger, zukunftsweisender Tourismus."

Weg vom Wintersport-Tourismus?

Zu den wenigen Tourismus-Unternehmern im Harz, die vom reinen Wintersport-Konzept wegdenken, gehört Heiko Ratay. Auf seinem Erlebnis-Bocksberg kann man dank Sommerrodelbahn auch ohne Eis und Schnee den Hang hinuntersausen. "Ich habe von Anfang an damit gerechnet, dass es nicht mehr so viel Schnee im Harz geben wird", so Ratay. Zwar verstehe er, dass viele seiner Konkurrenten weiter auf den Ski-Tourismus setzen wollen. Trotzdem glaubt er, dass man sich künftig auch nach anderen Möglichkeiten umschauen müsse, um den Harz attraktiv zu machen.

Tourismusverband fürchtet Klimawandel nicht

Kein Problem mit steigenden Temperaturen sieht derweil der Harzer Tourismusverband. Schließlich habe es auch vorher schon warme Winter gegeben, meint Sprecherin Christin Faust. Zwar gebe es auch Touristen, die ihren Urlaub im Harz mit der Hoffnung auf einen verschneiten Winter buchen würden. Die Menschen kämen letztlich aber auch ohne Schnee. Schließlich gebe es im waldreichen Mittelgebirge genug Alternativen zum Wintersport: Wandern, Teiche, Badeseen und die Bergwerke, in denen dann auch ein gleichbleibendes Klima herrscht. Richtig abhängig sind Wintersportler im Harz ohnehin nicht vom Schnee: Längst sorgen Beschneiungsanlagen am Wurmberg für künstlichen Schneefall. Den Klimawandel hält der Harzer Tourismusverband demnach eher für ein langfristiges Problem, das man erst einmal hinnehmen müsse. Sprecherin Christin Faust: "Wir haben aber keine Angst davor."

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"Man muss nüchtern auf die Klimadaten gucken"

Friedhart Knolle vom BUND-Regionalverband Westharz liebt den Winter im Harz. Die Tourismusbranche müsse sich aber breiter aufstellen. Denn auch im Mittelgebirge wird es immer wärmer. Video (01:55 min)

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"Die nächste Kaltfront kommt bestimmt"

Christin Faust, Sprecherin des Harzer Tourismusverbands, will diesen Winter noch nicht abschreiben. Sie hofft optimistisch auf die nächste Kaltfront. Video (01:17 min)

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Goslarer hoffen auf Alternativen zum Wintersport

Viele Harzer sehen den Wintersport vom Klimawandel bedroht. Doch nicht alle würden ihm hinterhertrauern. Für den Tourismus gibt es auch Ausweichmöglichkeiten. Video (01:00 min)