Stand: 09.02.2016 06:42 Uhr

VW finanziert "unabhängige" Abgas-Forschung

von Hilke Janssen und Ann-Katrin Johannsmann

Die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) setzt sich nach eigenen Worten für die intensive Untersuchung von Verkehrs-Emissionen ein. Doch ihre Erkenntnisse sind auffällig entlastend für die Autoindustrie. Zum Beispiel die Feststellung, Messstationen für Dieselabgase stünden an zu stark befahrenen Straßen und lieferten daher verzerrte Ergebnisse. An anderer Stelle erklärt die EUGT, dass es zwar eine Vielzahl von Studien zur Gesundheitswirkung von Dieselabgasen gebe, diese sich aber auf alte Motoren bezögen.

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Gegründet, um "Probleme nach unten zu spielen"?

Tatsächlich wird die EUGT von der Autoindustrie finanziert. Axel Friedrich war jahrzehntelang Abteilungsleiter beim Umweltbundesamt und ist Mitgründer des amerikanischen Forschungsinstituts ICCT (International Council on Clean Transportation), das maßgeblich an der Aufdeckung des VW-Skandals beteiligt war. Für ihn haben Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch die EUGT 2007 mit einem klaren Ziel gegründet: "Probleme nach unten zu spielen, das macht sie sehr erfolgreich." Dabei gehe es der EUGT um die schädliche Wirkung von Dieselabgasen. "Eigentlich wissen wir seit Langem, dass ultrafeine Partikel hochgefährlich für unsere Herzsysteme sind. Wir wissen auch, dass Stickstoffdioxid deutliche Einflüsse auf Asthma und andere Allergien hat", erklärt Friedrich. "Trotzdem wird behauptet, dies wäre alles noch nicht belegt."

EUGT legte WHO nahe, Forschung zu stoppen

Ein Beispiel: In einer Studie aus dem Jahr 2012 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Dieselabgase als krebserregend eingestuft und auf eine Stufe mit Asbest gestellt. Kurt Straiff arbeitet für die WHO in Lyon und ist einer der Autoren. Im Vorfeld der Untersuchung bekamen er und seine Kollegen regelmäßig Post von Lobby-Organisationen der Autoindustrie - auch von der EUGT. Die behauptete, zum Thema Dieselabgase gebe es keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die WHO solle deshalb von ihrem Forschungsvorhaben absehen. "Ich denke, das spricht für sich, das ist unglaublich." Straiff kann nachvollziehen, dass die Industrie mit allen Mitteln versucht, Untersuchungen über die Schädlichkeit von Dieselabgasen in Zweifel zu ziehen: "Weil jede Regulierung, die um ein, zwei Jahre verschoben wird, natürlich aus ökonomischen Gesichtspunkten hochinteressant ist."

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Enge personelle Verflechtungen mit Autoindustrie

Die EUGT bezeichnet die von ihr beauftragte Forschung als unabhängig und transparent. Doch das Institut wird nicht nur von der Autoindustrie finanziert, sondern hat auch enge personelle Verflechtungen mit den Autokonzernen. EUGT-Vorstandsmitglied Hans-Georg Kusznir arbeitet in der Abteilung Außen- und Regierungsbeziehungen des VW-Konzerns. Das wird auf der Internetseite auch deutlich gemacht. Doch EUGT-Geschäftsführer Michael Spallek stellt sich auf der Website als Facharzt für Arbeits- und Umweltmedizin vor. Kein Wort davon, dass er Mitarbeiter von Volkswagen war, unter anderem als Leiter des Gesundheitsschutzes bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover. Seine E-Mails hat er noch bis vor Kurzem von einer VW-Adresse verschickt, Signatur: Abteilung Außen- und Regierungsbeziehungen von Volkswagen. Die EUGT will sich auf Nachfrage des NDR nicht zur Doppelrolle ihres Geschäftsführers äußern.

Verbindungen "völlig inakzeptabel"

Axel Friedrich kennt Michael Spallek und die EUGT schon aus seiner Arbeit beim Umweltbundesamt, und zwar als Lobbyorganisation der Autoindustrie. Für ihn ist die Lücke im Lebenslauf daher kein Zufall: "Das sind Dinge, die natürlich ganz bewusst getan werden, um die Verbindung zur Autoindustrie möglichst klein zu halten, und die natürlich völlig inakzeptabel sind."

Zuvor genannte Partner verschwinden von Homepage

Volkswagen will sich auf Anfrage des NDR nicht dazu äußern, in welcher Beziehung EUGT-Geschäftsführer Spallek zu VW steht. Auch zur Höhe der Finanzierung gibt es keinen Kommentar des Autobauers - aus Datenschutzgründen, erklärt die Pressestelle. Auch Daimler und BMW äußern sich nicht zur Finanzierung. Bosch ist 2013 aus der EUGT ausgetreten. Auch die EUGT selbst beruft sich auf den Datenschutz und verweist auf ihre Homepage. Die hat die Forschungsvereinigung allerdings rasch geändert. Zu Beginn der NDR Recherchen standen auf der Seite noch das Umweltbundesamt und die deutsche Umweltstiftung als Kooperationspartner. Beide haben auf Anfrage erklärt, dass es eine solche Kooperation nicht gibt. Ihre Logos sind inzwischen von der Seite gelöscht.

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NDR Info | 09.02.2016 | 07:00 Uhr