Stand: 04.11.2015 07:35 Uhr

VW: Weiterer Milliardenschaden wegen CO2-Werten?

Es will einfach keine Ruhe einkehren bei VW und langsam aber sicher wird es etwas unübersichtlich mit all den Hiobsbotschaften aus Wolfsburg. Der Reihe nach: Bei dem Automobil-Riesen können nach Konzernangaben vom Dienstagabend rund 800.000 Fahrzeuge von weiteren "Unregelmäßigkeiten" betroffen sein. Bei internen Untersuchungen sei festgestellt worden, dass es bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typ-Zulassung von Fahrzeugen zu nicht erklärbaren Werten gekommen ist, teilte VW mit. Bisher ging es in dem Abgas-Skandal um Stickoxide (NOX). Die wirtschaftlichen Risiken werden laut VW in einer ersten Schätzung auf rund zwei Milliarden Euro beziffert.

Welche Autos sind betroffen?

Von den neuen Unregelmäßigkeiten bei VW-Dieselautos sind die meistverkauften Modelle bei Volkswagen  betroffen. Auch Autos der Konzerntöchter Audi, Skoda und Seat stoßen einem Sprecher zufolge mehr CO2 aus als vom Hersteller angegeben - und verbrauchen damit auch mehr Sprit als gedacht. Es geht um Dieselmotoren mit den Hubräumen 1,4 Liter, 1,6 Liter und 1,8 Liter. Auch bei einer kleinen Zahl von Benzinern mit Zylinderabschaltung wurden einem Sprecher zufolge Unregelmäßigkeiten festgestellt. Insgesamt sind 800.000 Autos der folgenden Typen betroffen: Volkswagen: Polo, Golf, Passat; Audi: A1, A3; Skoda: Octavia und Seat: Leon, Ibiza.

Müller: "Schmerzhafter Prozess"

"Der Vorstand der Volkswagen AG bedauert zutiefst den festgestellten Sachverhalt und betont, dass der eingeschlagene Weg der Aufkläung und Transparenz konsequent weitergegangen wird", hieß es aus Wolfsburg. Die Sicherheit der Fahrzeuge sei in keinem Fall betroffen. Eine verlässliche Bewertung des Umfangs der Unregelmäßigkeiten sei derzeit nicht möglich. VW-Chef Matthias Müller versprach erneut, eine "schonungslose" Aufklärung. "Dabei machen wir vor nichts und niemandem halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative", sagte er. Dies sei die Voraussetzung für die grundlegende Neuausrichtung des Konzerns.

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Ein "schmerzhafter Prozess" sei die Aufklärung der gesamten VW-Affäre, gestand Vorstandsvorsitzender Matthias Müller. (Archiv)
Übermittelte VW die Pflichtmeldungen fehlerhaft?

Und Volkswagen droht auch in den USA neuer Ärger: Fehler bei Pflichtmeldungen zu Unfällen mit Verletzungen und Todesfällen an die US-Verkehrsaufsicht NHTSA, so lautet der jüngste Vorwurf gegen den Konzern. VW teilte ebenfalls am Dienstag mit, eine externe Prüfung eingeleitet zu haben, um sicherzustellen, dass die Daten korrekt übermittelt werden. Die Regulierer waren aufmerksam geworden, weil VW in der Unfallstatistik verglichen mit anderen Herstellern ungewöhnlich selten auftauchte. Der Finanzdienst Bloomberg hatte nach eigenen Recherchen in der NHTSA-Datenbank bereits im Oktober über verdächtige Unregelmäßigkeiten berichtet.

Weiter Druck auch von der EPA

Dazu macht auch die US-Umweltbehörde EPA bereits seit Montag weiter Druck: Längst nicht nur bei Motoren mit bis zu 2,0 Liter Hubraum soll VW die Betrugs-Software eingebaut haben. Auch die Autos mit 3,0-Liter-Dieselmotoren der Oberklasse sollen betroffen sein: Nach Angaben der US-Umweltbehörde hat der Konzern auch in Dieselmodellen der Marken VW, Audi und Porsche der Modelljahrgänge 2014 bis 2016 Motoren verbaut, die die in den USA erlaubten Stickstoff-Grenzwerte bis um das Neunfache überschreiten. Das illegale "defeat device" - das Instrument zum Ausstechen der Testsituation - also in etwa 10.000 weiteren Fahrzeugen? Die Affäre wäre damit erneut ausgeweitet, die Glaubwürdigkeit von Volkswagen erneut erschüttert.

VW hat einen mächtigen Gegner

Volkswagen hat den EPA-Vorwürfen am Montagabend widersprochen und erneut Aufklärung versprochen. War Konzernchef Müller doch mit dem Anspruch angetreten, die Abgas-Affäre "schonungslos" und "ohne Rücksicht" aufzuarbeiten. Jetzt, gut sechs Wochen nach dem angekündigten Neustart, ist Europas größter Autobauer trotzdem wieder in Erklärungsnot. Allein schon, weil die Vorwürfe von einem prominenten, streitbaren Widersacher kommen. Denn was die Environmental Protection Agency - kurz EPA - zu sagen hat, wird gehört. Nicht nur in den USA, sondern auch weltweit. Die mächtige Institution gilt als knallharter Regulierer. Und scheut auch nicht davor zurück, ausländische Konzerne ins Visier zu nehmen. Beide Seiten haben also mehr als nur einen Ruf zu verlieren.

Erstmals die großen aktuellen Modelle unter Verdacht

Kommentar

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03.11.2015 17:08 Uhr
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Laut EPA handelt es sich um Fahrzeuge der Typen VW Touareg (2014), Porsche Cayenne (2015) sowie die Audi-Modelle A6 Quattro, A7 Quattro, A8, A8L und Q5 (2016). Alles große Dieselmotoren und große Namen. Und aktuelle Modelle. Im Fall Porsche mit einer pikanten Note: War der neue VW-Vorstandsvorsitzende Müller bis vor Kurzem noch selbst Chef beim Sportwagenbauer. Er war mit Bekanntwerden der Diesel-Affäre auf den zurückgetretenen Vorstandschef Martin Winterkorn gefolgt. Die VW-Aufsichtsratsspitze will nach einem Zeitungsbericht in dieser Woche über die neuen Vorwürfe im Abgasskandal beraten. Der Vorstand um Konzernchef Müller solle dann zu den Anschuldigungen der US-Umweltbehörden Stellung beziehen, meldete das "Handelsblatt" (Mittwochausgabe) unter Berufung auf Konzernkreise - es wird vermutlich nicht das einzige Thema auf der Tagesordnung bleiben.

Grüne fordern "konkreten Plan" des Verkehrsministers

Die Grünen haben Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) angesichts der Ausweitung der Abgasaffäre bei VW zum Handeln aufgefordert. Dobrindt müsse "endlich einen konkreten Plan auf den Tisch zu legen, wie er sich vorstellt, dass die Branche in den kommenden Jahren nicht gegen die Wand fährt", erklärte Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer am Dienstagabend in Berlin. "Angesichts der Dimension des Skandals und dem damit verbundenen Schaden für die gesamte deutsche Automobilbranche reicht es nicht mehr aus, Aufklärung als Show zu simulieren." Die Manipulationen bei VW hätten ganz offensichtlich System gehabt, erklärte Krischer. Dobrindt müsse daher "endlich klare politische Regeln und Kontrollen durchsetzen, um die Branche vor sich selbst zu schützen".

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