Stand: 04.01.2016 11:41 Uhr

Hält VW-Chef Müller, was er verspricht?

Einen riesigen Tanker mitten im Sturm auf hoher See zu übernehmen: So in etwa muss man sich die Aufgabe vorstellen, der Matthias Müller Ende September plötzlich gegenüberstand. Nach dem Auffliegen des VW-Abgas-Betrugs konnte sich der damalige Chef Martin Winterkorn nicht mehr halten, quasi über Nacht kam der bisherige Porsche-Chef Matthias Müller an die Spitze des Konzerns. Die Ausgangslage dort: Weltweit elf Millionen manipulierte Fahrzeuge, drohende Strafen in Milliarden-Höhe, der VW-Aktienkurs auf Talfahrt. Das Unternehmen Volkswagen, das bis 2018 in allen relevanten Fragen der Automobilwirtschaft die Weltspitze erreichen wollte, steht vor dem Abgrund.

Sie sollen Volkswagen wieder nach vorn bringen

Hat jemand den Chef gesehen?

Falls Müller bei seinem Amtsantritt gedacht haben sollte, jetzt könne es ja nur noch aufwärts gehen, sah er sich schnell eines Besseren belehrt. Zum schon bekannten Diesel-Skandal um Stickoxide kommt noch das CO2-Problem hinzu. Dass sich das wenige Wochen später gleichsam wieder in Luft auflöst, hilft Müller nicht viel. Erste Kritik an ihm wird laut: Öffentlich taucht der neue Chef gar nicht oft auf, was in der Krisenkommunikation als Kardinalfehler gilt. Und wenn, dann räumt er - wie beim Thema CO2 - Probleme ein, die es gar nicht gibt.

Müller will nach vorne schauen

Müller scheint möglichst wenig mit dem Thema "Abgas" zu tun haben zu wollen. Das Aufräumen will er anderen überlassen, er will sich um die künftigen Strukturen bei VW kümmern: Künftig soll Widerspruch möglich sein, Kadavergehorsam und Hierarchiedenken sollen der Vergangenheit angehören. Neue Leute werden eingestellt, um dieses neue Denken in einen Konzern zu transplantieren, der seit Jahrzehnten anderes verinnerlicht hat. Müller selbst ist seit 40 Jahren bei Volkswagen. Ob er tatsächlich den Wandel bringen kann, fragen sich viele. Nach 100 Tagen schon über mögliche Nachfolger nachzudenken, ist sicher früh. Es zu lassen, wäre aber wohl fahrlässig. Müller wird im Juni 63. Ein Vorstandsvertrag läuft üblicherweise über fünf Jahre. Ein Konzern muss in größeren Zeiträumen denken.

Eine gezeichnete Weltkarte. © NDR Fotograf: Hendrik Millauer / Cornelia Koller

#Dieselgate: Der Volkswagen-Skandal mal kurz erklärt

Den VW-Abgas-Skandal zu verstehen, ist gar nicht so einfach. Deshalb erklären wir Ihnen hier und jetzt kurz und verständlich, um was es da eigentlich geht. Viel Spaß!

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Positive Signale aus der Belegschaft

Gleichzeitig sendet er optimistische Signale an die Mitarbeiter: Die Jobs der Kernbelegschaft seien nicht in Gefahr und VW werde sich auch nicht kaputt sparen, verkündet er. Die Krise sei auch eine Chance, ein Katalysator für eine neue Unternehmenskultur. Die Zukunft bei VW gehöre nicht den Ja-Sagern, sondern den Neugierigen, den Unangepassten, denen, die Kritik offen aussprechen. "Just do it", forderte Müller von den Mitarbeitern. Solche Töne kommen bei der verunsicherten Belegschaft gut an. Lobende Worte gibt es auch von Betriebsratschef Bernd Osterloh. Müllers geerdete Art verschaffe ihm Anerkennung, so Osterloh. Man werde ihn auch in Zukunft konstruktiv begleiten und unterstützen.

Was folgt auf Müllers Worte?

"Man muss Herrn Müller daran messen, was sich tatsächlich verändern wird", sagte Experte Stefan Bratzel, der zu Managementfragen in der Autobranche forscht. "Ich glaube, er hat dazu die richtigen Worte gefunden und die richtigen Themen adressiert." Entscheidend sei jedoch der Wandel, der den Worten tatsächlich folge - oder eben auch nicht. Finanzexperten äußern sich ebenfalls zurückhaltend. "Ob Müller bereits Vertrauen zurückgewonnen hat, sehen wir erst, wenn er die Erosion der Marktanteile von VW stoppen kann", sagte Matthias Hellstern von der Ratingagentur Moody's der Deutschen Presse-Agentur.

VW-Spitze reist in die USA

In den nächsten Tagen reist Matthias Müller in die USA. In Detroit steht die traditionelle Motor-Show an - die wichtigste Automesse auf dem amerikanischen Automarkt. Dort will Müller, wie er gesagt hat, keinen Kniefall vollziehen, sich aber wohl noch einmal für den Diesel-Skandal entschuldigen, der ja in den USA seinen Anfang genommen hatte. Und er wird auch mit den US-Umweltbehörden reden. Die wollen spätestens am 15. Januar darüber entscheiden, ob die von VW in den USA vorgelegten Pläne zur Bewältigung des Abgas-Skandals ausreichend sind. Dann wird vielleicht auch klarer sein, ob Müller noch mehr als die bisher zurückgestellten 6,7 Milliarden Euro für den Abgas-Skandal einplanen muss.

 

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