Stand: 24.02.2016 20:25 Uhr

Trauer - in Göttingen vielleicht bald digital

von Tino Nowitzki

Auf Werbeplakaten und Konzert-Flyern, auf dem Pizzakarton oder dem Bahnticket haben sich die Quick Response Codes, kurz QR-Codes, längst etabliert. Man hält sein Smartphone über den Code und findet Zusatzinfos über das Produkt oder die Veranstaltung. Ungewöhnlicher jedoch ist die Verwendung von QR-Codes auf Grabsteinen. Die Stadt Göttingen will dies vielleicht bald erlauben. Angehörige von Verstorbenen oder andere Besucher von städtischen Friedhöfen halten dann einfach kurz das Handy über den Grabstein und schon flattern Fotos, Gedichte oder Videos über den Verstorbenen auf das Telefon - so die Idee.

Ein QR-Code auf einem Stein.

Göttingen erlaubt QR-Codes auf Grabsteinen

Hallo Niedersachsen -

Die Digitalisierung macht auch vor Friedhöfen nicht halt: In Göttingen dürfen Grabsteine nun mit Strichcodes versehen werden - der Beginn einer neuen Erinnerungskultur?

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Codes für die, die sie auf ihrem Grabstein wollen

Die Ratsvorlage basiert auf einer Empfehlung des Deutschen Städtetages, der davon ausgeht, dass die Nachfrage nach digitaler Trauer auf den Friedhöfen der Republik steigen wird. Der Göttinger Ratsausschuss für Umwelt- und Klimaschutz hat sich bereits nahezu geschlossen für die Idee ausgesprochen. Zwar habe es auch Befürchtungen gegeben, dass zukünftig Menschen mit gezückten Smartphones breit grinsend über die Friedhöfe bummeln und sich über die Einträge hinter den Codes lustig machen. "Aber wenn Menschen die Codes gerne auf ihrem Stein wollen, stehen wir nicht im Weg", sagt Ausschuss-Vorsitzender Hans-Georg Scherer (CDU).

Inhalte werden nur einmal kontrolliert

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Was steckt hinter dem Code? Überprüft wird das nur direkt nach der Beerdigung. (Archivbild)

Trotzdem sieht auch er Probleme mit der digitalen Form der Trauer: Die QR-Codes würden nur einmal nach der Beerdigung kontrolliert, dann nicht wieder. Wird ein anderes Muster darüber geklebt oder ändert jemand den Online-Inhalt hinter dem Code, geschehe das unbemerkt, sagt Scherer und nennt ein krasses Beispiel: "Wir kriegen gar nicht mit, wenn da jemand Nacktbilder zeigt." Aber in Stein gemeißelt ist der neue Trend seiner Meinung nach sowieso nicht - zu schnell sei die digitale Entwicklung. "In 15 Jahren wird es heißen: QR-Codes, was ist das?"

Kirchen warnen vor mangelnder Kontrolle und "digitalem Nachtreten"

Der örtliche Klerus sieht das Problem hier und jetzt: Dass man nun alle möglichen Geschichten über Verstorbene lesen kann, sei nicht im Sinne von Friedhöfen, heißt es aus dem evangelischen Kirchenkreis Göttingen. Dass auf den Internetseiten, zu denen der Code führt, der Angehörige völlig realitätsfremd dargestellt werden kann - zum Beispiel mit Lobhudeleien - sei noch das kleinste Problem. Viel ernster sei das Thema Datenschutz: "Gilt der etwa für Tote nicht?", fragt Kirchenkreis-Sprecher Andreas Overdick. Und auch er zweifelt an den Kontrollmöglichkeiten: "Wer wird denn belangt, wenn dahinter ein fragwürdiger Inhalt steckt?". Ähnliche Zweifel hegt auch die Katholische Kirche in Göttingen: Dechant Wigbert Schwarze fürchtet, dass so zum Beispiel mancher vom Testament Benachteiligte sozusagen digital nachtreten könne. Überhaupt solle doch der Verstorbene entscheiden, was nach dem Tod über ihn veröffentlicht wird. Während die Katholiken trotzdem von einem Verbot der Codes auf ihren Friedhöfen absehen, will die evangelische Kirche erst noch über das Thema beraten. Allenfalls auf Denkmälern halten sie die QR-Muster für wirklich sinnvoll: Zum Beispiel, um über berühmte Göttinger Persönlichkeiten zu informieren.

Weitere Informationen

Digitale Erinnerung an Verstorbene

Ein Oldenburger Steinmetz beschreitet neue Wege in der Trauerarbeit: Jan Wandscher bietet Grabsteine mit QR-Codes an, die zu Erinnerungsseiten über Verstorbene führen. (11.10.2012) mehr

Bislang nur wenig Nachfrage

Noch aber ist der Trend zu QR-Codes auf Grabsteinen, der aus den USA und Japan kommt, hierzulande relativ neu. Jan Wandscher, ein Steinmetz aus Oldenburg, nahm sich vor mehr als drei Jahren als einer der ersten der neuen Technik an. Manche Befürchtungen kann er zerstreuen: Dass die Codes zum Beispiel irgendwann verwittern oder abbröckeln und damit vielleicht auf eine ganz andere Internetseite führen, hält er für unwahrscheinlich. "Das ginge nur mit einem Grabstein aus weichem Stein, wie Muschelkalk", sagt er. Werde ein solcher Stein verwendet, solle man tatsächlich eher die Finger von Codes lassen.

Wandscher selbst findet die Muster grundsätzlich gut, achtet aber darauf, dass sie in bestehende Ornamente mit Sand- oder Fotostrahl eingearbeitet werden. Alternativ ginge auch eine Bronzeplatte mit dem Code. "So lässt sich der reale Ort wunderbar mit einem digitalen Trost-Raum verbinden", findet der Steinmetz. Er glaubt aber, dass es noch dauern wird, bis sich der Trend durchsetzt. Bisher hat er nur wenige Muster gefertigt, weil viele derjenigen, die Interesse hätten, noch jung seien. "Denen wünsche ich eher noch ein langes Leben", sagt Wandscher.