Stand: 20.01.2016 14:55 Uhr

Tote Wale - Zwischen Ekel und Faszination

von Wolf-Hendrik Müllenberg

Ein Walkadaver ist nichts für schwache Nerven, besonders wenn er zerlegt wird: Blut und Organe quellen heraus. Süßlich-faule Gase entweichen aus dem Inneren des Körpers. Es gibt Menschen, die das eklig finden und vor dem TV-Gerät die Nase rümpfen, obwohl wir von Geruchsfernsehen noch weit entfernt sind. Und es gibt Menschen, die den Anblick eines solchen verwesenden Tieres nicht scheuen - im Gegenteil. Angelina Whalley ist so ein Mensch. Sie erinnert sich noch genau, wie sie im Jahr 1994 in Gummistiefeln und Schutzkleidung im Brustkorb eines Wals stand, um sein Herz herauszulösen. Hat sie da Abscheu empfunden? Nein, sagt sie: "Man hat große Ehrfurcht vor diesem Tier." Auf einer Sandbank an der Küste der Insel Baltrum war der Pottwal damals gestrandet. Whalley arbeitete für das Anatomische Institut der Universität Heidelberg, heute ist sie Kuratorin der Ausstellung "Körperwelten der Tiere", die derzeit in Braunschweig gezeigt wird.

Vom Tierkadaver zum Exponat

Kein Ekel-Faktor in der Ausstellung

In der Ausstellung im Naturhistorischen Museum wird das Innerste von toten Tieren präsentiert. Und die Menschen fasziniert es. Mehr als 1.000 Besucher haben seit der Eröffnung am vergangenen Wochenende schon einen Blick unter die Haut der Tiere geworfen. "Wir sind sehr zufrieden", sagt eine Sprecherin. Der Bizeps eines Braunbärs, die 40.000 Muskeln eines Elefantenrüssels, das Zehn-Kilo-Herz einer Giraffe: Alles wird offengelegt. Und der Ekel-Faktor? Der tendiert trotzdem gegen Null, wohl weil die plastinierten Tiere auf ästhetische Weise in lebensechten Posen abgebildet werden. 

Wenn ein Wal zerlegt wird, ekeln wir uns - in einer Ausstellung hingegen schauen sich viele Menschen gerne die Eingeweide toter Tiere an. Warum eigentlich? Warum rufen manche Dinge mehr, andere weniger Ekel hervor? Wieso akzeptieren wir ein sauber filetiertes Steak auf dem Teller, verschließen aber die Augen beim Schlachten eines Rindes?

Blut und Gestank lösen Abscheu aus - weltweit

Ekel ist eine Grundemotion, die sich kulturübergreifend ähnelt, wie Julia Becker erklärt. Sie ist Psychologieprofessorin an der Universität Osnabrück. "Weltweit ekeln sich die Menschen vor Leichen, offenen Wunden und dem Geruch von verdorbenen Lebensmitteln." Wenn es also wie bei den gestrandeten Walen blutig wird und stinkt, löst das bei Menschen in vielen Kulturen Abscheu aus. "Die Wale treffen den sogenannten Basis-Ekel", sagt Becker.   

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"Ekel ist stark erlernt und kulturell variabel"

Auch die Reaktionen auf Ekel gleichen sich: Oberlippe hochziehen, Unterlippe nach vorne schieben, die Nase hochziehen - alle Menschen auf der Welt tun das, wenn sie sich ekeln. Ekel ist also universell, allerdings mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen. "Ekel ist stark erlernt und kulturell variabel", sagt Julia Becker. Kleine Kinder würden sich beispielsweise noch gar nicht ekeln. Sie stecken sich auch mal Kot oder Würmer in den Mund. Erst mit zwei bis vier Jahren entwickeln sie ein Gefühl für Ekel. Und dabei schauen sie sich von den Großen ab, was eklig ist und was nicht.

Dass Ekel zu einem großen Teil kulturell geprägt und erlernt ist, zeigt ein Beispiel aus dem Hinduismus: Anhänger dieser Religion hätten einen starken Ekel davor entwickelt,  Menschen aus niedrigeren Kasten zu berühren, erläutert Becker. "Die Grundanlage für Ekel ist in allen Kulturen vorhanden, aber das, was als ekelhaft empfunden wird, wird stark ansozialisiert."

Was früher normal war, ist heute eklig

Die Menschen ekeln sich vor einem toten Wal, vor Maden und Schleim aus einem guten Grund. Denn das weltumspannende Ekelgefühl warnt uns vor Infektionen. Es ist, wenn man so will, eine List der Evolution. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich unser Ekelgefühl weiterentwickelt - damit Menschen potenzielle Krankheitsquellen meiden, aber auch, weil sich unsere Vorstellung von Hygiene stark verändert hat. Früher haben die Menschen auf die Straße gerotzt, heute würde das Ekel erzeugen. Auch die Geruchstoleranz war früher viel größer, wenn man sich vergegenwärtigt, wie es um die Körperpflege im Mittelalter bestellt war. Und auch unsere Essgewohnheiten haben sich verändert: Wo früher ein ganzes Schwein auf den Tisch gestellt wurde, soll man es uns heute doch bitteschön in Scheiben auf unseren Teller servieren. Die Grenzen von Ekel haben sich verschoben. 

Das erlernte Gefühl muss nicht für immer bleiben

Was sich nicht verändert hat, sind die Prozesse, die bei Ekel in unserem Gehirn ablaufen. Die Gefühle von Abscheu entstehen in der rechten Gehirnhälfte, die für Intuition und Emotionen zuständig ist. "Bei Ekel werden zwei Gehirnareale aktiviert", sagt Psychologin Becker. "Erstens die  Insula, ein Stück der Hirnrinde. Sie ist auch für das Schmecken und Riechen zuständig. Und zweitens das Putamen, ein Teil der Basalganglien, die im Gehirn unter anderem Emotionen regeln." Patienten, die unter der Erbkrankheit Chorea Huntington leiden, haben Becker zufolge häufig Schädigungen in diesen Hirnarealen. Die Folge: Sie können Ekel bei anderen nicht mehr erkennen und ihn auch selbst nicht mehr empfinden. Ihnen ist der Ekel abhanden gekommen.  

Man kann sich aber offenbar auch an zunächst als eklig empfundene Situationen gewöhnen. So beantwortete ein Biologe auf Nordstrand beim Zerlegen eines Pottwals folgende Frage mit einer Gegenfrage: "Wie halten sie diesen Geruch aus?", wollte eine NDR Reporterin von dem Mitarbeiter des Nationalparks Wattenmeer wissen und erhielt diese Antwort: "Welcher Geruch?" Den erlernten Ekel vor einem verwesenden Tierkadaver hat sich dieser Mann wieder abtrainiert.

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