Stand: 12.05.2017 07:43 Uhr

Streit um Einkaufszentrum auf KZ-Gelände

von Tino Nowitzki

Wolfsburg-Laagberg - ein Stadtteil mit viel Grün, schicken Wohnhäusern und einigen Supermärkten. Doch die Idylle trügt: Während des Zweiten Weltkriegs stand hier ein Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Neuengamme. 800 Häftlinge schufteten unter erbärmlichen Zuständen für das damalige Werk des KdF-Wagens. Seit vielen Jahrzehnten ist der größte Teil des Lagers überbaut und nur ein steinernes Denkmal erinnert an die NS-Vergangenheit des Ortes. Bei Arbeiten für ein geplantes Wohngebiet mit Einkaufszentrum wurden kürzlich aber Fundamente ehemaliger KZ-Baracken freigelegt. Die Stadt Wolfsburg will die Überreste nun verlegen und das Einkaufszentrum trotzdem bauen lassen. Opferverbände kritisieren die Pläne der Stadt.

Baracken ein Zufallsfund

Bild vergrößern
Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD) sagt, der Baracken-Fund war reiner Zufall.

Eigentlich sei der Fund reiner Zufall gewesen, sagt Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD). Denn die unter der Erde liegenden Baracken-Fundamente wären wohl ohne die Bauarbeiten am Laagberg nicht gefunden worden. Zwar sei der Ort des Konzentrationslagers kein Geheimnis. "Dass man hier so gut erhaltene Reste findet, hätten wir aber nicht gedacht", so Mohrs. Noch vor dem Beginn der Bauarbeiten hatte es Probe-Bohrungen gegeben. Viel zu Tage gefördert hätten sie allerdings nicht. Erst als die Bagger auf Mauerreste stießen, konnten wissenschaftlich begleitete Ausgrabungen die Baracken-Fundamente freilegen. Der Plan der Stadt: Die Überreste sollen ausgegraben und an anderer Stelle mitsamt einem Dokumentations- und Bildungszentrum zum Lager Laagberg wieder aufgebaut werden.

"Ort des Todes kann nicht einfach verlegt werden"

Bild vergrößern
Eine Verlegung des Standorts können sich weder Opferverbände noch Historiker vorstellen.

"Unsäglich" nennt die Idee Mechthild Hartung vom Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN). Eine Verlegung der Baracken sei nicht authentisch. Stattdessen solle der Ort des Verbrechens dort bleiben, wo er einst war. Auch der ehemalige VW-Chef-Historiker Manfred Grieger meint: "Die Umsiedlung von Teilen eines Konzentrationslagers ist in der modernen Geschichte einmalig und nicht angemessen". Schließlich könne der Ort des Todes von Menschen nicht einfach verlegt werden. "Die Polizei verlegt ja auch nicht einfach einen Tatort", so Grieger. Nach seiner Einschätzung hätte sich die Stadt den jetzigen Ärger ersparen können, wenn sie vor den Bauplänen das Gelände genauer geprüft hätte. Grieger: "Jeder weiß schließlich, dass da ein KZ mit Wachtürmen und Stacheldraht stand!" Mechthild Hartung findet deswegen allein die Idee absurd, den Platz irgendwann wieder zuzuschütten. "Als ich das zuerst hörte, war ich total schockiert", sagt Hartung. Dazu komme, dass die Baufirma ausgerechnet die der Stadt gehörende Neuland Wohnbaugesellschaft ist, die 1938 gegründet wurde und Teil der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront (DAF) war. Für Hartung ein Skandal.

Einkaufen und Erinnern?

Auch die Hinterbliebenen der KZ-Opfer waren zunächst entrüstet. Bereits vor vier Wochen schrieb der Präsident der Amicale Internationale KZ Neuengamme, Jean-Michel Gaussot, einen Brief an Wolfsburgs Oberbürgermeister. Gaussots Vater war Häftling in Laagberg und starb, nachdem die SS das Lager 1945 räumte. Im Brief kritisiert er, dass die Bauplanungen ohne Einbeziehung Betroffener gelaufen seien. Die Pläne für ein Dokumentationszentrum bezeichnet Gaussot derweil als das kleinere Übel: "Diese Lösung hat immerhin den Vorteil, das die Spuren des ehemaligen Lagers erhalten werden und die Geschichte dieses Ortes den zukünftigen Generationen vermittelt werden kann." Trotzdem bedauere er die geplante Bebauung des Standortes der Barackenfundamente mit Gebäuden ohne Bezug zur Geschichte des Ortes. Oberbürgermeister Mohrs verteidigt derweil die Baupläne. Schließlich könnten die Menschen im Stadtteil so beides haben: Möglichkeiten zum Wohnen und Einkaufen und einen Ort zum Gedenken. Mohrs: "Es ist viel wichtiger einen Ort zu machen für Bildungsarbeit, für das Erinnern und das kann ich hier genauso gut machen, wie 150 Meter weiter."

Gedenkstätte könnte ab Sommer kommen

Bild vergrößern
Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes wünscht sich für die Laagberg-Gedenkstätte einen Ansatz wie in der Gedenkstätte des KZ Neuengamme, wo Barackenumrisse durch farbigen Kies zu sehen sind.

Wie genau die geplante Erinnerungs- und Bildungsstätte aussehen soll, ist derweil unklar: Noch vor Ende Juni will die Stadt endgültig über die Pläne beraten. Die Fundamente könnten dann schon im Sommer verlegt werden. "Auf jeden Fall kommen sie an einen Platz innerhalb des ehemaligen Lagergeländes", so Klaus Mohrs. Dort sollen sie einen authentischen Eindruck der menschenunwürdigen Lebensbedingungen der KZ-Häftlinge geben. Grundsätzlich entspräche eine Erinnerungsstätte auch der Forderung der Amicale Internationale KZ Neuengamme nach einem Erhalt der Baracken-Fundamente. Und auch Mechthild Hartung findet die Idee grundsätzlich "fantastisch". Wichtig sei nur, die Stätte über dem Original-Fundort zu errichten und die Überreste eben nicht zu verlegen. Zusätzlich könnten die originalen Baracken-Umrisse, wie in Neuengamme, mit Erhebungen aus gefärbtem Kies sichtbar gemacht werden. Hartung: "So ein Einkaufszentrum kann schließlich auch ein paar Meter weiter gebaut werden."

Dieses Thema im Programm:

Regional Braunschweig | 09.05.2017 | 17:00 Uhr

mit Video

KZ-Befreiung: Warnung vor aufkeimendem Rassismus

Politiker und Überlebende haben am Sonntag an die Befreiung des KZ Bergen-Belsen vor 72 Jahren erinnert. Sie warnten vor neu aufkommendem Rassismus und Antisemitismus. (23.04.2017) mehr

mit Audio

1938: Die Nazis bauen sich eine Autofabrik

Einen Volkswagen für jeden: Das versprachen die Nazis den Deutschen. Am 26. Mai 1938 legten sie den Grundstein für das VW-Werk - und produzierten dort Rüstungsgüter. (09.02.2017) mehr