Stand: 10.07.2015 21:36 Uhr

Steinhorst verschenkt Land - und keiner will's

von Imke Caselli

Neue Einwohner anlocken, am liebsten Familien mit Kindern: Das ist der Wunschtraum vieler kleiner Dörfer in Niedersachsen. Denn die Ortschaften, die nicht in direkter Nachbarschaft größerer Städte liegen, drohen zu verwaisen. Ganze Landstriche könnten aufgrund des demografischen Wandels entvölkert werden, so eine düstere Prognose der landeseigenen Förderbank NBank. Aber die Dörfer lassen sich etwas einfallen, so wie Steinhorst im Landkreis Gifhorn. In dem 1.400-Einwohner-Dorf werden Bauplätze verschenkt. Insgesamt 2,5 Hektar Land hat die Gemeinde zum Gratis-Bauland erklärt. Doch niemand will zugreifen.

Nach acht Jahren steht erst ein Haus

Wer in Steinhorst bauen will, muss nur die Erschließungs- und Vermessungskosten tragen - rund 20.000 Euro für ein 800 Quadratmeter großes Grundstück. Daneben gibt es noch einen Kinderbonus: Für jedes Kind unter 18 Jahren werden noch mal 2.000 Euro von der Summe abgezogen. Klingt verlockend, aber es funktioniert offenbar nicht: Die Gratis-Grundstücke gibt es schon seit acht Jahren, gebaut wurde aber nur ein einziges Haus. Warum? Das kann sich Gemeindebürgermeister Wilhelm Hasselmann (CDU) nicht so recht erklären. Zuerst habe es reihenweise Anfragen gegeben, sagt er. Doch tatsächlich gebaut habe nur ein 62-jähriger Mann, der in Gifhorn arbeitet. Bis dorthin sind es rund 25 Kilometer, ebenso weit ist es bis nach Celle. Wolfsburg liegt allerdings schon 50 Kilometer entfernt. "Wohl zu weit entfernt für viele VW-Arbeiter", sagt Hasselmann. Da helfen auch kostenlose Grundstücke nichts.

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2,5 Hektar Baugebiet sind gratis zu haben

Die Gemeinde Steinhorst (Landkreis Gifhorn) verschenkt insgesamt 26 unbebaute Grundstücke. Getragen werden müssen lediglich die Erschließungs- und Vermessungskosten. Bildergalerie

Großes Interesse in Ottenstein

Die Idee mit den Gratis-Grundstücken hatte Anfang des Monats auch der Flecken Ottenstein im Landkreis Holzminden. Dort kann man sich vor Anfragen kaum retten. "Es gab schon 18 Interessenten, ich bin überwältigt von der Resonanz", erzählt Ottensteins Bürgermeister Manfred Weiner (CDU). Junge Familien aus Hannover, Berlin, Gelsenkirchen, Köln und anderen Städten hätten sich schon erkundigt, sogar aus dem Ausland habe es E-Mails gegeben. "Eine ältere Dame hat mir sogar aus Neuseeland eine Nachricht geschickt, weil sie für ihre erwachsenen Kinder etwas sucht, die in Deutschland leben", so Weiner. Wie viele der Anfragen wirklich ernsthaft sind, werde sich natürlich erst später zeigen. Innerhalb der kommenden zwei Wochen will der Gemeinderat die genauen Kriterien für das Verschenken der Bauplätze festlegen. So wird es wahrscheinlich eine Klausel geben, die vorschreibt, mindestens zehn Jahre in Ottenstein zu bleiben. "Schließlich soll es kein Bauland für Spekulanten sein", sagt der Bürgermeister.

Sponsoring für Altbau-Käufer in Wulften

Der 2.000-Einwohner-Ort Wulften im Landkreis Osterode geht einen anderen Weg. Hier sollen vor allem leer stehende alte Häuser an den Mann oder die Frau gebracht werden. "Jung kauft Alt" heißt das Projekt, mit dem die Gemeinde seit dem Frühjahr Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen fördert. Und es läuft gut: "Schon vier alte Gebäude haben inzwischen neue, junge Besitzer", freut sich Bürgermeister Henning Kruse (SPD). Gestartet war das Projekt mit 20 Leerständen in Ort. "Wenn das so weitergeht, dann ist das Problem in anderthalb Jahren gelöst", sagt Kruse - meint das aber nicht ernst. Denn so schnell sei das Problem des demografischen Wandels leider nicht aus der Welt zu schaffen.