Stand: 23.05.2013 15:00 Uhr

Stadionverbot für Apfel löst keine Probleme

von Andrej Reisin
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Stein des Anstoßes: Solche Bilder postete Holger Apfel auf seiner Facebook-Seite: Sichtlich froh ergattert er ein Stück des Rasens.

Eintracht Braunschweig hat dem NPD-Bundesvorsitzenden Holger Apfel öffentlichkeitswirksam ein Stadionverbot erteilt. Der hatte am Sonntag auf seiner Facebook-Seite Fotos von sich veröffentlicht, die ihn unter anderem im Stadion beim Spiel gegen den FSV Frankfurt zeigen. Bei der anschließenden Aufstiegsfeier ist er in Jubelpose und mit einem Stück Rasen als Andenken in der Hand auf dem Spielfeld zu sehen. Der Verein teilte mit, er habe vom Besuch Apfels nichts gewusst.

Holger Apfel ist in Braunschweig ein alter Bekannter

Unklar bleibt allerdings, warum sich Eintracht Braunschweig ausgerechnet jetzt zum Handeln gezwungen sieht - und warum erst jetzt? Schließlich hatte Apfel, der aus Hildesheim stammt, nie einen Hehl aus seiner Verbundenheit zu seinem "Heimatverein" gemacht, sondern darüber relativ kontinuierlich Auskunft gegeben. Nach eigenen Angaben ist er seit frühester Jugend Fan der Eintracht und regelmäßig auch Stadionbesucher. Zuletzt hatten ihn Reporter von Panorama 3 im Dezember beim Verlassen des Stadions beobachtet und gefilmt, als sie für eine Reportage über rechtsextreme Fußballhooligans recherchierten. Nach dem damaligen Spiel gegen den FC St. Pauli schrieb Apfel auf Facebook: "Scheint der Eintracht gut zu tun, wenn ich im Stadion dabei bin. 1:0 gegen die Zecken von Pauli - Tabellenführung verteidigt, was will man mehr :) "

In der Bundesliga lieber ohne Apfel?

Bereits 2010 berichtete die "Süddeutsche Zeitung", Apfel sei "Dauergast" beim damaligen "Regionalligisten Eintracht Braunschweig". Der Verein habe sich über die "rechtsextreme Agitation" beschwert. Gehandelt hat er aber damals offenbar nicht. Nun verkündet Eintracht-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt, der Verein sei "fest entschlossen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um jede Äußerung von rechtem Gedankengut im Zusammenhang mit Eintracht Braunschweig zu unterbinden. Wir werden daher auch gegenüber Herrn Apfel alle rechtlich zur Verfügung stehenden Mittel nutzen und mit sofortiger Wirkung ein Stadion- und Hausverbot aussprechen, um ihn so dauerhaft aus dem Stadion fernzuhalten."

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Nicht allein im Stadion: Holger Apfel (li.) posierte auf Facebook auch mit dem wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung mehrfach vorbestraften Mannheimer NPD-Politiker Christian Hehl (re.).

Natürlich ist es zu begrüßen, wenn die Eintracht nun endlich den NPD-Bundesvorsitzenden des Stadions verweist, um damit auch jede indirekte Werbung für die Partei zu unterbinden. Von "politischen Äußerungen" kann jedoch im Zusammenhang mit Holger Apfels Facebook-Bildern keine Rede sein - sieht man davon ab, dass Apfel auf einem der Fotos mit seinem Mannheimer Parteifreund Christian Hehl posiert, der ein T-Shirt einer alten Hooligan-Gruppe des SV Waldhof Mannheim trägt. Ansonsten aber erkennt man auf den Fotos nichts als einen echten Fan, der sich wie ein Schneekönig darüber freut, ein Stück des Aufstiegsrasens zu ergattern.

Man kann der Meinung sein, dass per se Parteiwerbung sei, was ein NPD-Politiker auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Allerdings würde dies im Umkehrschluss bedeuten, dass kein Politiker mehr privat in ein Fußballstadion gehen und danach darüber auf seiner Facebook-Seite berichten kann. Eine zweifelhafte Argumentation des Vereins also.

Das eigentliche Problem heißt rechte Gewalt

Vor allem aber ist Holger Apfel nicht allein im Stadion, sondern mit Freunden und "Kameraden". Auch auf seiner Facebook-Seite erfährt er Zuspruch von Nutzern, die ein Eintracht-Logo in ihrem Profilbild haben. Apfel verkündet dort, dass er "sehr stark bezweifle", dass die Vereinsführung ihr " 'Problem' mit den vielen aufrechten Nationalen in den Eintracht-Fanreihen" auf diese Art lösen könne.

Viele aufrechte Nationale in den Eintracht-Fanreihen? Bereits im vergangenen Herbst hatte eine "Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen" mit einer Dokumentation über mutmaßliche Rechtsextreme in der Eintracht-Fanszene für heftige Reaktionen gesorgt. Auch Panorama 3 hatte damals die Situation in Braunschweig thematisiert. Braunschweigs Geschäftsführer Voigt beschwichtigte im Interview und betonte, dass es "in ganz Braunschweig um die 20 bis 25 Personen" gäbe, "die einem rechten, teilweise extremen Spektrum zuzuordnen sind." Diese seien "aber nicht alle im Stadion, das muss man auch mal ganz klar so sagen".

Hooligans mit Hakenkreuzen © NDR

Rechte Hooligans: Das unterschätzte Problem

Panorama 3 -

Rechtsradikale Fans und Hooligans spielen im Sicherheitskonzept der DFL kaum eine Rolle. Dabei sammelt sich gerade dort ein nicht zu unterschätzendes Gewaltpotential.

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Bei der Braunschweiger Aufstiegsfeier am vergangenen Sonntag allerdings kam es - abseits der Personalie Apfel - auch zu schweren Ausschreitungen in der Innenstadt, bei denen unter anderem 20 Polizisten verletzt wurden. Laut der Initiative soll dabei auch gezielt Jagd auf vermeintlich oder tatsächlich "linke" Eintracht-Fans gemacht worden sein. Außerdem seien erneut rechtsradikale Parolen gerufen worden.

Der Verein verurteilte die Randale umgehend. Und Robin Koppelmann, Sprecher des Fan-Beirates der Eintracht, mutmaßte in der Braunschweiger Zeitung: "Diejenigen, die dort randaliert haben, waren keine klassischen Stadion-Fans. Vermutlich handelt es sich bei den Tätern vorwiegend um Fans, die von der Größe des Events angelockt wurden, ansonsten aber keinen Bezug mehr zur Fanszene haben und nicht zu unserem üblichen Klientel gehören."

Diese Äußerungen entpolitisieren die Gewalt und verorten die Beteiligten erneut außerhalb der "eigentlichen" Eintracht-Familie, nach dem beliebten Motto: "Die sind sonst nie da." Genau wie es schon in der Vergangenheit hieß, bestimmte Gruppen, die mit rechtsextremen Vorfällen in Verbindung gebracht werden, seien gar nicht mehr im Stadion - obwohl diese auf ihren Webseiten nach jedem Heimspiel stolz ihre Kurvenbilder präsentieren.

Gibt es endlich eine Eintracht gegen rechte Hooligans und Neonazis?

Und da liegt das Problem: Bereits im Herbst bekundeten einige Eintracht-Fans, die sich im Stadion und auch außerhalb offen gegen Rechtsextremismus engagieren, dass sie sich vom Verein allein gelassen fühlen. Wichtig wäre also, nicht nur gegen Holger Apfel vorzugehen, sondern kontinuierlich daran zu arbeiten, dass die Fans auch ohne Maßnahmen der Vereinsführung dafür sorgen, bundesweit bekannte NPD-Kader und Nazi-Hooligans zu isolieren. Ziel sollte eine echte und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Problem sein. Ansonsten wäre der Rauswurf von Holger Apfel nur ein symbolischer Akt fürs Image des neuen Erstligisten.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 11.12.2012 | 21:15 Uhr