Stand: 05.12.2015 10:01 Uhr

Schmerz-Patient: "Ohne Cannabis geht es nicht mehr"

von Marco Schulze

Bernd Vohwinkel inhaliert täglich bis zu achtmal Cannabis - nicht aus Freude am Rausch, sondern um seine Schmerzen zu lindern. Der 56-Jährige kämpft genetisch bedingt seit drei Jahrzehnten mit einem Glaukom, einem Augenleiden. Seit einem Motorradunfall hat er zudem chronische Schulterschmerzen. Der Duderstädter darf mittlerweile zwar Cannabis legal in der Apotheke kaufen - doch erstattet wird ihm das von seiner Krankenkasse nicht. 30.000 Euro hat er bereits in seine Medikamente gesteckt. Geld zum Leben bleibt dem ehemaligen Kraftfahrer kaum noch. Er ist sogar auf die finanzielle Hilfe seiner 76 Jahre alten Mutter angewiesen.

Cannabis-Patient klagt auf Kostenerstattung

Polizei hat Cannabis-Patienten auf dem Schirm

"Ich lebe hier wie im Gefängnis. Nur der Freistundenhof ist ein bisschen größer und die Beamten sind weiter entfernt", sagt Vohwinkel. Er fühlt sich in seiner Freizeit stark eingeschränkt. Seinen Führerschein hat er bereits freiwillig abgegeben - Folge eines kurzen Gespräches im April 2013. Da war der frisch gewählte Bundespräsident Joachim Gauck zu Besuch in Duderstadt, führte Gespräche mit Bürgern, erzählt Vohwinkel. "Ich habe den Herrn Gauck begrüßt und ihn auf die Probleme der Cannabis-Patienten aufmerksam gemacht und hatte kurze Zeit später die Polizei vor der Tür", so der arbeitsunfähige Früh-Rentner. Die Polizei hätte seine Daten dann zur Führerscheinstelle weitergegeben. Die hätten von ihm verlangt, einen MPU-Test zu machen. Den konnte er sich natürlich nicht leisten. Auch Auslandsreisen - sollte irgendwann mal wieder Geld übrig sein - seien schwierig, sagt Vohwinkel - aus praktischen wie rechtlichen Gründen: Er müsse ja immer Cannabis bei sich führen.

Netzhaut platzte zweimal innerhalb eines Jahres

Akut wurden die Schmerzen von Vohwinkel während seiner Zeit in Spanien. Er lebte 15 Jahre in Valencia und arbeitete dort als Kraftfahrer, Erntehelfer und Flamenco-Künstler. Am Silvesterabend 2000 platze bei einem Auftritt die Netzhaut, genau ein Jahr später erneut. Er musste in der Folge fünf Mal operiert werden. Seitdem ist er auf einem Auge blind. Der innere Augendruck ist bei ihm als Glaukom-Patient zudem ständig erhöht - nur mit Cannabis kann er die Schmerzen ertragen, sagt er.

Ein Mann zündet eine Cannabis-Pfeife an. © NDR Fotograf: Marco Schulze

"Es geht so nicht weiter"

Ungefähr 30.000 Euro hat der Schmerzpatient Bernd Vohwinkel bereits für Cannabis ausgegeben. Die Krankenkassen weigern sich die Kosten zu übernehmen, selbst anbauen darf er nicht.

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Herkömmliche Medikamente haben nicht geholfen

Bevor der Früh-Rentner 2006 Cannabis erstmals legal als Medizin verschrieben bekam, wurde er "durchmedikamentiert", wie er es nennt. "Sie haben mir ewig Tropfen und Pillen gegeben, um den Augendruck zu senken, doch geholfen hat nichts. Außerdem hatte ich überhaupt keinen Geschmack mehr. Das war keine Lebensqualität mehr", so der Duderstädter. Vohwinkel ist einer von 43 anerkannten Cannabis-Patienten in Niedersachsen. Deutschlandweit bekommen 527 Patienten eine Ausnahmeerlaubnis zum medizinisch betreuten Gebrauch von Cannabis. Es wird vor allem bei chronischen Schmerzen, HIV, Multipler Sklerose und Krebs verschrieben.

Was tun bei Lieferengpässen - Schwarzmarkt oder Schmerzen?

Heute wohnt der gebürtige Rheinländer in einer kleinen Wohnung in Duderstadt. Um Geld zu sparen, hat er 2013 beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Antrag auf Eigenanbau von Hanf gestellt. Doch der wurde wegen fehlender Sicherheitsvorkehrungen abgelehnt. Daher ist Vohwinkel weiter auf die teuren Cannabis-Blüten aus der Apotheke angewiesen. Problematisch wird es bei Lieferengpässen, denn seine Präparate kommen aus den Niederlanden. Bernd Vohwinkel steht dann vor der Entscheidung: Schmerzen oder Schwarzmarkt? Wenn er sich Cannabis auf dem Schwarzmarkt kaufen würde, ginge er das Risiko ein, seine Ausnahmegenehmigung zu verlieren. "Zum Schwarzmarkt zu gehen, ist mir vollkommen zuwider, dann quäle ich mich lieber rum und warte, bis die Apotheke liefern kann", sagt der Schmerzpatient. Ohne Cannabis verspürt Vohwinkel keinen Hunger, ist antriebslos, schläft nicht und plagt sich mit Schmerzen herum. Er ist im Monat auf 100 Gramm Cannabis angewiesen.

Klage auf Erstattung der Medikamente bisher ergebnislos

Vor vier Jahren hat Vohwinkel gemeinsam mit seinem Rechtsanwalt Christoph Weil Klage vorm Sozialgericht eingereicht. Er fordert, dass die Krankenkasse seine Medikamente rückwirkend bezahlt - bisher erfolglos. "Bei Cannabis ist die Hürde für alles immer bisschen höher", sagt Weil. Es gebe bundesweit bisher noch keine einheitlichen Regelungen bezüglich des Einsatzes von Medizinalhanf – das mache es so schwierig. "Das sind alles Einzelfallentscheidungen, die vor Gericht geklärt wurden", so Rechtsanwalt Weil. Vohwinkel muss in seinem Fall nachweisen, dass die Lebensbedrohlichkeit bei Nichteinnahme gegeben ist. Daran arbeiten Weil und Vohwinkel gerade. Notfalls wollen sie damit auch vor das Landessozialgericht ziehen.

Neues Gesetz soll Zugang zu Cannabis-Medikamenten erleichtern

Dass die Hanfpflanze nicht nur berauschende, sondern auch heilende Wirkstoffe besitzt, war viele Jahre strittig und ist es teilweise noch heute. Im nächsten Jahr soll jedoch der Zugang zu Cannabis als Medizin durch ein Gesetz erleichtert werden. Der Eigenanbau soll zwar verboten bleiben, aber die Krankenkassen sollen die Kosten für die Medikamente übernehmen, heißt es in den Planungen des Bundesgesundheitsministeriums. Davon würde dann auch Bernd Vohwinkel profitieren. In anderen Ländern sind die Gesetze bereits lockerer. In Kanada dürfen Schmerzpatienten beispielsweise selbst Marihuana zu therapeutischen Zwecken anbauen. Auch in Spanien, Portugal und den Niederlanden ist die Produktion zum Eigenbedarf erlaubt.