Stand: 18.08.2013 16:33 Uhr

Schimpft die Fledermaus, wird sie markiert

von Carmen Woisczyk

Der Harz ist unterirdisch durchzogen von einem Höhlensystem wie ein Schweizer Käse und damit für Fledermäuse ein idealer Lebensraum. Nachts schwärmen die kleinen Raubtiere zu Tausenden aus ihren Schlafquartieren und gehen auf die Jagd. Wie viele Tiere es tatsächlich sind und welche verschiedenen Arten im Harz leben, das wollen Fledermausexperten vom Naturschutzbund (NABU) Osterode jetzt in einer der umfangreichsten Zählungen in Niedersachsen herausfinden. Am Wochenende war das achtköpfige Expertenteam mit riesigen Netzen auf Vampirjagd im Harz bei Bad Grund.

Auf Vampirjagd im Harz

Abgefangen zu Forschungszwecken

Die Ortungsrufe der Fledermäuse sind über einen speziellen Ultraschalldetektor hörbar, noch bevor die Tiere aus ihrem Schlafquartier heraus flattern, sagt David Anderson. Der Fledermausgutachter hat ein sechs Meter langes Netz vor einen Höhleneingang gespannt und wartet darauf, dass ein Tier hinein fliegt. Fliegt eine Fledermaus ins Netz, schimpft sie - das ist typisch für Fledermäuse, sagt Andersoln. Er befreit das Tier aus den feinen Maschen und steckt es in einen Eimer.

Wie viele sind es und wo kommen sie her?

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Wolfgang Rakow vom NABU Osterode befreit eine Fledermaus, um sie mit einem Ring zu markieren.

Später wird es genau vermessen: Flügelspannweite, Geschlecht und Art werden bestimmt. Die Fledermaus bekommt einen kleinen Ring mit einer Nummer darauf, erklärt Wolfgang Rakow vom NABU Osterode: "Wir wollen wissen, wie viele Tiere hier auf dem Berg überwintern, und inzwischen können wir auch sagen, woher die Fledermäuse kommen." Sind die Fledermäuse mit Aluminiumklammern am Unterarm markiert, können die Experten sie wieder finden. "Wir haben jede Menge Fernfunde aus Sachsen, auch aus Schwerin haben wir einen Wiederfund, und wir haben auch sehr viele Tiere von unseren Kollegen aus dem Ostharz", berichtet Rakow.

Die 19. Art im Harz ist die Nymphenfledermaus

Fledermäuse sind ihrem Geburtsort nicht immer treu. Sie fliegen weite Strecken - bis in den Harz, wo es rund 500 Höhlen mit vielen Tausend Tieren gibt. Rakow hat mittlerweile schon 18 Arten nachgewiesen. Die 19. ist jetzt dazugekommen, die Nymphenfledermaus: "Eine neue Art, die wir einfach im Prinzip übersehen haben". Der Harz sei besonders artenreich. Am häufigsten komme die Zwergfledermaus vor. Sie sei so klein, dass sie in eine Streichholzschachtel passe.

Fleißige Insektenfänger

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Die größte Fledermausart in Deutschland ist das "Große Mausohr".

Die Fledermaus-Jäger fangen in dieser Nacht auch ein Exemplar der größten in Deutschland lebende Art: ein "Großes Mausohr". Das Tier hat lange Ohren und ist fast so groß wie seine Hand. Auch eine Wasserfledermaus geht in die Falle, eine mittelgroße Art. "Sie heißt Wasserfledermaus, weil sie in zehn bis 15 Zentimetern Höhe über das Wasser fliegt und dort nach Mücken und Eintagsfliegen jagt. Sie hat relativ große Füße. Damit greift sie ihre Beute", erläutert Mathias Gohl. Er ist seit einigen Jahren als freiwilliger Helfer bei den nächtlichen Netzfängen dabei. "Das Faszinierende ist, dass die Fledermäuse als Insektenfänger unheimlich fleißig sind, und man sagt: Das, was die Vögel tagsüber schaffen, das schaffen auch die Fledermäuse nachts - und deshalb sind die Fledermäuse so wichtig".

Am Ende sind 57 Tiere beringt

Fledermäuse gehören zu den bedrohten Tierarten und müssen geschützt werden. Doch nur, was man kennt, kann man auch schützen, deshalb ist der Netzfang und die Zählung über viele Jahre so wichtig, sagt Projektleiter Dr. Joachim Hensel: "Vor mehr als 50 Jahren hatten wir weniger Fledermäuse. Das war vor allem durch den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln verursacht worden. Inzwischen sind diese ja verboten und seitdem haben wir auch einen leichten Aufwärtstrend." Insgesamt hat das Expertenteam in dieser Nacht 57 Fledermäuse - unter Protest der fliegenden Säuger - gefangen, mit Ringen markiert und wieder in die Freiheit entlassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 19.08.2013 | 11:50 Uhr

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