Stand: 07.12.2017 17:15 Uhr

Sagen Sie die Wahrheit, Herr Winterkorn!

von Martin Ganslmeier

VW hat die Abgaswerte seiner Dieselmotoren manipuliert. Das hat den Konzern viel Geld und einen Teil seiner Reputation gekostet. Doch die US-Justiz will auch die zuständigen Manager des Wolfsburger Autobauers zur Verantwortung ziehen. Einer von ihnen, Oliver Schmidt, wurde am Mittwoch von einem Gericht in Detroit zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Richter sieht die Schuld für den Skandal aber nicht nur bei Schmidt, sondern auch bei der Konzernspitze in Wolfsburg, vor allem beim ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn. Und der soll nun endlich auch Farbe bekennen, fordert ARD-USA-Korrespondent Martin Ganslmeier in einem offenen Brief.

Sehr geehrter Herr Dr. Winterkorn,

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Nach dem Urteil gegen einen hochrangigen VW-Manager fordert Martin Ganslmeier, dass der ehemalige VW-Chef Winterkorn nun endlich preisgibt, wann er wie viel über den Dieselskandal wusste.

ich habe am Mittwoch Ihren langjährigen Mitarbeiter Oliver Schmidt im Bundesgericht von Detroit erlebt. In roter Häftlingskleidung kam er in kurzen Trippelschritten in den Gerichtssaal, weil er Fußfesseln tragen musste. Und wegen seiner Handschellen konnte er nicht mal alleine aus seinem Wasserglas trinken. Als der Richter das Urteil verkündete, brach seine Frau in Tränen aus.

Mir hat das Ehepaar ehrlich leid getan, auch wenn der Richter natürlich Recht hat: Oliver Schmidt war kein Opfer, er war bis zuletzt am Diesel-Betrug beteiligt und hat die US-Behörden monatelang hingehalten.

Aber hat er das aus eigenem Antrieb getan, um Ihnen und den anderen VW-Bossen zu imponieren? Oder haben Sie ihn dazu ermuntert? Diese Frage können nur Sie beantworten.

Aus den Gerichtsunterlagen geht hervor, dass Sie Oliver Schmidt zu sich in Ihr Büro bestellt haben, als der Diesel-Betrug aufzufliegen drohte. Sie wollten von ihm wissen, was das schlimmstenfalls in den USA kosten würde. Bis zu 23 Milliarden Dollar, soll Oliver Schmidt Ihnen damals vorgerechnet haben. Das ist bemerkenswert prophetisch - fast exakt die Summe, die VW bis heute tatsächlich in den USA zahlen musste.

Oliver Schmidt war bestimmt ein sehr guter Mitarbeiter. VW war sein Ein und Alles. Er hat sogar in einem VW-Autohaus geheiratet. Er war sehr loyal - zu loyal!

Im Gerichtssaal von Detroit fiel auch einige Male Ihr Name. Die Anklage und auch der Richter sind überzeugt, dass Sie und andere hochrangige VW-Verantwortliche von dem Betrug viel früher gewusst haben als Sie zugeben. Auch mir fällt es schwer, zu glauben, dass Sie erst ganz am Ende erfahren haben, was da abging.

Vor einigen Jahren habe ich Sie hier in Detroit auf der Internationalen Autoshow interviewt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, worum es ging. Aber eines habe ich nicht vergessen: wie sehr Ihre loyalen VW-Mitarbeiter von ihrem Boss geschwärmt haben. Winterkorn kümmere sich um jede Kleinigkeit im Konzern, ihm entgehe nichts - und sein Perfektionismus dulde keine Fehler.

An diese Worte Ihrer loyalen Mitarbeiter musste ich im Gerichtssaal von Detroit denken. Als Oliver Schmidt nach dem harten Urteil ohne seine Frau aus dem Gerichtssaal abgeführt wurde, zurück ins Gefängnis, wo er die nächsten Jahre verbringen wird.

Ihr Mitarbeiter, Herr Dr. Winterkorn, büßt nun auch stellvertretend für Sie und die damalige VW-Spitze. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, ehrlich zu sagen, was Sie wirklich wussten?

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NDR Info | Kommentare | 07.12.2017 | 17:08 Uhr

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