Stand: 29.01.2016 18:22 Uhr

"Einen Kaffee aufs Haus gibt's dazu"

Volkswagen hat mit dem Rückruf der vom Abgas-Skandal betroffenen Fahrzeuge begonnen. Dabei handelt es sich um die größte Rückrufaktion der Konzerngeschichte, die sich über mehrere Monate ziehen soll - allein in Deutschland geht es um 2,4 Millionen Dieselfahrzeuge. Los ging es in dieser Woche mit dem Amarok, in wenigen Wochen sollen die ersten Passat-Modelle folgen. Jedes Auto erhält ein Software-Update: Die illegale Funktion, die bislang Abgaswerte frisiert hat, wird damit ausgeschaltet. Das Auto soll anschließend nicht mehr erkennen können, ob es sich bei Abgasprüfungen auf dem Teststand befindet oder im Straßenverkehr. Doch was sagen die Kunden dazu? Und wie läuft der Rückruf der ersten Fahrzeuge in Niedersachsen an?

Ein paar Mausklicks - und das Update ist drauf

Im Autohaus Wolfsburg rollt am Freitag ein bulliger VW Amarok in die große Werkstatthalle an seinen Platz. Die Tür geht auf und Oliver Munte, der Besitzer des schwarzen Pickups, steigt aus. Er will sich selbst ein Bild machen - Vertrauen ist gut, Kontrolle wohl aber offensichtlich besser. Der Techniker öffnet die Motorhaube. Er will ans Steuergerät, erklärt er: "Das ist der Computer des Fahrzeuges." Per Kabel verbindet der Techniker Steuergerät und Werkstatt-Computer. Dann ein paar Mausklicks. Die reichen aus, um die alte, fehlerhafte Software zu überspielen. "Ich habe keine Bedenken, dass das hier nicht einwandfrei funktioniert und das Fahrzeug genauso gut ist wie vorher", sagt Amarok-Besitzer Munte. Außerdem gebe es noch einen Kaffee aufs Haus und eine Autowäsche dazu - insofern lohne sich der Werkstattbesuch für ihn auf jeden Fall, sagt Munte.

Auf Werkstattbesuch im Diesel-Skandal

Verwirrung um Freigabe

Diese Woche war es rund um das Update zunächst zu Verwirrungen gekommen. Die ersten VW Amarok waren schon vor der offiziellen Freigabe des zuständigen Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) umgerüstet worden. Die Amarok-Besitzer hatten einen Brief erhalten, in dem VW den Kunden mitteilt, "dass die benötigte Software zur Verfügung steht und Ihr Fahrzeug nun umprogrammiert werden kann". Das Überraschende daran: Das KBA hatte die Umrüstung der Fahrzeuge zu diesem Zeitpunkt noch nicht genehmigt. Ein Sprecher der Marke VW Nutzfahrzeuge hatte die verwirrende Situation am Mittwochnachmittag so erklärt: "Die Umrüstaktion ist offiziell noch nicht angelaufen", die Software liege den Händlern aber bereits vor. Schon Anfang der Woche seien die Briefe an die betroffenen Kunden verschickt worden. Inzwischen liegt die Freigabe des KBA für den VW-Amarok vor.

Abgas-Skandal scheint weit weg zu sein

Oliver Munte ist einer der ersten Kunden, die für das Update in die Werkstatt kommen. Allein im Raum Wolfsburg sollen bis Ende des Jahres mehr als 7.500 Fahrzeuge ein Datenupdate bekommen, sagt Jens Gastreich vom Autohaus Wolfsburg. 20 Termine mit Amarok-Kunden seien dort allein für die kommenden Wochen geplant. Unzufriedene oder sogar verärgerte Kunden gebe es bisher nicht. "In Wolfsburg ist der Kunde sehr verbunden mit dem Hersteller, von daher auch sehr zufrieden mit der Marke und dem Produkt an sich", sagt Gastreich. Deswegen akzeptierten die meisten Kunden auch den außerplanmäßigen Werkstattbesuch. Zudem gebe es nicht nur Gratis-Kaffee und Autowäsche. Auch ein Ersatzwagen werde gestellt.

60 Euro Honorar für die Werkstatt

Die Vertragswerkstätten erhalten für das Ausmerzen der illegalen Abgas-Software vom VW-Konzern nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur pro Fahrzeug lediglich 60 Euro. Daran verdiene der Händler praktisch nichts, hieß es. Volkswagen kalkuliert mit einer halben Stunde Arbeitszeit für das Software-Update der Diesel-Software, für die Werkstätten kommen aber noch Dokumentation und Verwaltungsarbeit hinzu. Ein VW-Sprecher wollte die Details der Vergütung nicht kommentieren.

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Mitte September hatte Europas größter Autokonzern eingeräumt, mit einer Software Abgas-Tests bei Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben. Danach war der Konzern in eine schwere Krise gestürzt. Nun beginnt das "Jahr der technischen Umrüstung", wie es im VW-Aufsichtsrat bereits hieß. Währenddessen kostet der Skandal nicht nur Volkswagen viel Geld, auch die Städte, in denen der Konzern produziert, stehen jetzt vor großen Problemen. Wolfsburg, Braunschweig, Hannover, Salzgitter und Emden brechen wegen der Krise die Gewerbesteuereinnahmen weg. In Emden liegt jetzt eine konkrete Sparliste vor: 25 Millionen muss die Stadt in den kommenden vier Jahren einsparen.

Alles wie immer - nur ehrlicher

Im Wolfsburger Autohaus scheinen Diesel-Drama und Vertrauensbruch, von dem in der Öffentlichkeit ja oft gesprochen wurde, nur abgemildert angekommen zu sein. VW-Kunde Oliver Munte jedenfalls schlendert fröhlich durch die Werkstatt und holt sich seinen schwarzen Amarok ab. Der Wagen ist fertig und soll laut Volkswagen genauso gut laufen wie vorher - nur eben ehrlicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 29.01.2016 | 15:30 Uhr