Stand: 30.09.2015 14:36 Uhr

Raus aus der vollen Unterkunft, rauf aufs Pferd

von Eva Werler
Wöchentliche Reitstunden bringen Flüchtlingskindern in Friedland Spaß und Ablenkung.

Gemächlich setzt sich das Pony "Swallah" in Bewegung. Auf seinem Rücken sitzt Viann. Ihre dunklen Augen strahlen. Die Zehnjährige stammt aus dem syrischen Aleppo. Dort hatte es im Juli die schwersten Kämpfe seit Jahren gegeben, Rebellenverbände starteten eine Großoffensive auf die Stadt. Weite Teile liegen nun in Trümmern. Vianns Eltern waren zunächst in die Wälder von Aleppo geflüchtet, im August kamen sie nach Deutschland. Zurzeit ist die Familie in Friedland (Landkreis Göttingen) untergebracht. Für die Kinder gibt es in der völlig überfüllten Unterkunft kaum Platz und wenig zu tun. Junge Reiterinnen aus Deiderode haben sich deshalb etwas überlegt, um den Kleinen ab und zu ein paar fröhliche Stunden zu bescheren: Einmal in der Woche laden sie sie zum Reitunterricht ein.

Neue Erfahrung für die Kinder

Jeden Dienstag holen Sima Wagner und Seinab Amaery Kinder aus der Erstaufnahmeunterkunft ab und bringen sie auf den Reiterhof. Die Eltern der beiden Reiterinnen stammen aus dem Iran beziehungsweise dem Irak, daher können Sima und Seinab sich teilweise mit den Flüchtlingskindern unterhalten. Eines der Kinder ist der zwölfjährige Faysan. Er sitzt ganz ruhig auf seinem Pferd, beinahe andächtig. In Syrien sei er nie geritten, sagt er. Die Reitstunde sei für ihn geradezu ein Traum, denn er liebe Pferde.

Kein Platz zum Spielen in der Unterkunft

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In der Flüchtlingsunterkunft ist es für Kinder oft langweilig. Die Reitstunden sind eine willkommene Abwechslung.

Ganz langsam machen Sima und Seinab die zum Teil von Kämpfen traumatisierten Kinder vertraut mit den Pferden. Sie und andere Reiterinnen führen die Tiere an der Longe und achten darauf, dass diese ruhig bleiben. Keine Hektik, sagt die 20-jährige Seinab: "Wir möchten den Kindern einen schönen Moment schenken, weil sie in der Flüchtlingsunterkunft nur in ihren Zimmern sind und da nicht wirklich was machen." Langeweile und kein Platz zum Spielen - Ali Hogmathi kennt das Problem. Er ist mit seinen beiden fünf und acht Jahre alten Töchtern in Friedland unterbracht und begleitet sie zum Reiten. "In dem Lager gibt es kaum was für Kinder, sie haben den ganzen Tag über nichts zu tun", erzählt der Vater. Er freue sich sehr über das Reit-Angebot für seine Kinder.

Ruhe und Gelassenheit auf dem Pferderücken

Der Himmel ist blau, die Ponys strahlen Gelassenheit aus. Und die scheint sich auf die Kinder zu übertragen. Sie gehen ganz behutsam mit den Tieren um und sind ganz leise. Viann aus Aleppo steigt vorsichtig von dem breiten Ponyrücken herunter und lacht. Ihr Fazit nach der Reitstunde: Sie würde gerne häufiger herkommen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 30.09.2015 | 10:50 Uhr