Stand: 12.02.2016 11:14 Uhr

Marder knabbern für die Autoindustrie

von Tino Nowitzki

Schwarz, handlich, knautschig: Für einen Marder ist ein Fahrzeugkabel verführerisch. Eine Plage ist die tierische Beißleidenschaft hingegen für viele Autofahrer. Jedes Jahr verursachen Marder an deutschen Fahrzeugen einen Schaden von rund 100 Millionen Euro. Grund zur Verzweiflung besteht jedoch nicht, denn im Landkreis Gifhorn wird daran geforscht, die Kabel-Lust der Tiere zu verstehen und Autos künftig marderunfreundlicher zu machen. Hans-Heinrich Krüger vom Otterzentrum Hankensbüttel ist dabei so etwas wie ein Monopolist unter den Marder-Forschern. Er ist der einzige, zu dem regelmäßig Autohersteller oder deren Zulieferer kommen, um ihre neuen Modelle überprüfen zu lassen: Zündkabel, Kühlwasserschläuche, Stromleitungen - alles wird hier am Tier selbst getestet.

Welche Kabel hat der Marder zum Fressen gern?

Nachts machen sich die Tiere über die Versuchsobjekte her

Manches Fabrikat ist dabei streng geheim. "Um was es sich handelt, wissen wir manchmal selbst nicht genau", sagt Krüger. Seine Aufgabe ist es, das von den Firmen gelieferte Material den Steinmardern vorzusetzen. Nur sie sind es, die sich für gewöhnlich auch in der Nähe von Autos aufhalten. Die artverwandten Baummarder bevorzugen stattdessen den Wald als Lebensraum. Im Otterzentrum Hankensbüttel hausen Marder deswegen in ihrem eigenen Haus, samt Dachboden und einem Kleinwagen. Das ist nicht nur nahezu paradiesisch für die Tiere, sondern macht das Steinmarder-Haus auch zu einem lebensechten Labor. Nachts, wenn Marder besonders aktiv sind, machen sie sich über die Versuchsobjekte her. Kameras und Fotofallen halten alles akribisch fest, damit Krüger die Daten an seine Auftraggeber weiterschicken kann.

"Menschen beißen auch nicht gern auf Alufolie herum"

Das Ergebnis: Marder mögen nicht alle Kabel gleich gern. Dicke, runde zum Beispiel verschmähen sie. Auch alles mit Metall Beschichtete rühren sie nicht an. Für Wildbiologe Krüger liegt der Grund auf der Hand. Marder haben zwar ein relativ starkes Gebiss, aber sie nehmen auch Rücksicht auf ihre Zähne. "Wir Menschen beißen ja auch nicht gerne auf Alufolie herum", so Krüger. Keine Gnade haben die Tiere dagegen mit allem, was handlich und leicht zu zerkauen ist. Abgerissene Schläuche und durchgenagte Leitungen im Marder-Haus erzählen von wilden Beiß-Orgien.

Marder knabbern auch aus Frust

Dabei gehören Plastik und Gummi eigentlich nicht zur typischen Marder-Nahrung. Marder sind Raubtiere und bevorzugen kleine Tiere wie Mäuse oder auch mal einen Apfel. Weil Autos aber ein willkommenes Versteck für Marder darstellen, insbesondere wenn es draußen kalt und der Motor noch warm ist, machen sie es sich gern unter Motorhauben gemütlich. Außerdem reagieren Marder extrem aggressiv auf Artgenossen, sagt Wildbiologe Krüger. Wittern sie die Gegenwart eines anderen Marders, machen sie sich laut Krüger schon aus Prinzip dort breit, wo bereits ein Marder saß. Zur Kabel-Knabberei kommt es daher manchmal auch aus Frust und Wut. Oft könne es ebenso reiner Entdecker-Trieb sein. "Marder sind extrem neugierig", sagt Krüger. Nur anstatt die Pfoten zu nutzen, untersuchen sie alles mit den Zähnen.

Echten Schutz bietet nur eine Garage

Für den Forscher steht fest: "Marder müssen nicht nahe beim Menschen sein, sie können auch woanders schlafen". Doch die Tiere loszuwerden, sei nicht so einfach. Ultraschall und Duftstoffe wirkten nicht richtig, sagt Krüger. Das vertreibe die Räuber nur kurzfristig, weil sie alles Neue meiden. "Aber die schlafen dann nur beim Nachbarn und kommen wieder", sagt der Experte. Auch unter den Pkw geschobene Gitter wirken nach Ansicht von Krüger nur, weil sie von Menschen angefasst werden und Marder dem Geruch aus dem Weg gehen. Echten Schutz für das Fahrzeug biete nur eine mardersichere Garage. Weil die aber nicht jeder hat, können die Leitungen im Auto zum Beispiel durch spezielle Ummantelungen geschützt werden. Im Otterzentrum haben die Experten herausgefunden, dass Wellschläuche helfen. Die lassen sich ohne Werkstattbesuch einfach über die Schläuche stülpen.

Marder-Schutz wird immer wichtiger

Was die Autoindustrie mit seinen Ergebnissen macht, weiß Krüger nicht. Das seien schließlich Betriebsgeheimnisse. Aber er vermutet, dass sie bald ihre Anwendung finden. In Zukunft, da ist sich der Marder-Forscher sicher, wird es immer mehr auf Marder-Schutz ankommen: "Wer kann sich schon ein durchgebissenes Kabel in einem Elektroauto leisten?"

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