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Komplizen?
VW und die brasilianische Militärdiktatur

VW in Brasilien, das ist eine Erfolgsgeschichte. Das Stammwerk in der Industriemetropole São Paulo hat seit den 1960er-Jahren Millionen von Volkswagen produziert - den "Kombi" (VW-Bus) etwa und den "Fusca" (Käfer), den "Brasilia" und den "Gol". Wie kein anderer Autokonzern hat VW den Kontinent mobilisiert.

Doch der strahlende Erfolg hat seine dunkle Seite. Wie weit kooperierte Volkswagen mit der Militärdiktatur in Brasilien? Und was wusste die Konzernführung in Wolfsburg davon?

Eine Spurensuche von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung".

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Verhaftung

Verhaftung

Lúcio Bellentani besucht das VW-Werk in São Bernardo do Campo. Der 72-Jährige hat hier früher als Werkzeugmacher gearbeitet.

Seit Jahrzehnten hat Bellentani das Gelände nicht betreten. Doch seine Erinnerungen an den 29. Juli 1972 sind immer noch präzise. Es ist der Tag, an dem er verhaftet wird. Damals ist Brasilien seit acht Jahren eine Militärdiktatur, und Bellentani tritt wie gewöhnlich die Spätschicht in Halle 4 an.

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Verhaftung

Lúcio Bellentani

"Es war um halb zwölf nachts, da kamen die Polizisten der Politischen Polizei. Ich habe gearbeitet und stand mit dem Rücken zum Gang. Plötzlich spürte ich eine Maschinenpistole in meinem Rücken. Mir wurden Handschellen angelegt. Es waren zwei Wachleute von Volkswagen, zwei Polizisten mit Maschinengewehr, und an der Wand lehnte Oberst Rudge, der Chef der Werkschützer. Auch er war bewaffnet."

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Verhaftung

Polizisten und Werkschützer bringen Bellentani in die Personalabteilung von VW. Dort schlagen ihn die Polizisten zusammen. Sie wollen Namen wissen - Namen anderer Arbeiter, die ebenfalls politisch aktiv sind. Die Militärregierung will mögliche Streik-Anstifter und Mitglieder der verbotenen Kommunistischen Partei identifizieren. Schließlich schleppen die Polizisten Lúcio Bellentani in einen dunkelblauen Geländewagen und fahren mit ihm fort.

"Und die Werkschutz-Leute haben die ganze Zeit zugeguckt", sagt er. Prügel und Verhaftung auf dem Werksgelände - unter den Augen von VW-Wachleuten?

VW do Brasil und der Putsch

VW do Brasil und der Putsch

Rückblick: Der Auftakt von "Volkswagen do Brasil Ltda." im Jahr 1953 ähnelt dem, was wir heute Start-up nennen würden. Diese Lagerhalle in São Paulo und zwölf Mitarbeiter, die darin Bausätze aus Europa zusammenschrauben - das war's. (Foto: Volkswagen Aktiengesellschaft)

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VW do Brasil und der Putsch

Schon 1959 aber weiht der brasilianische VW-Ableger sein erstes Werk in Lateinamerika ein. Es steht in São Bernardo do Campo, einem Vorort von São Paulo. Hier wird Lúcio Bellentani einige Jahre später zu arbeiten beginnen. Bald produziert die Fabrik täglich mehr als 1.000 Käfer, Bullis und Modelle für den südamerikanischen Markt. Volkswagen wächst zum größten Privatunternehmen des Kontinents heran. Die Brasilianer werden mobil.

VW do Brasil und der Putsch

Am 1. April 1964 erschüttert ein politisches Ereignis das Land: Das Militär putscht den linksgerichteten Präsidenten João Goulart aus dem Amt. Das neue Regime geht bald massiv gegen Oppositionelle vor. Zehntausende werden verhaftet, viele von ihnen gefoltert. Und wie verhält sich Volkswagen?

Schon kurz nach dem Putsch verkündet das Unternehmen, umgerechnet 70 Millionen D-Mark in seinen Standort São Paulo zu investieren: Das Werk habe "Vertrauen (...) in die Zukunft des Landes". Für die neuen Machthaber in Brasilia bedeutet die Zusage Sicherheit. Und einen enormen Prestigegewinn.

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VW do Brasil und der Putsch

Carl Hahn

Carl Hahn kommt 1964 in den VW-Vorstand. Ihn hat der Putsch damals nicht beunruhigt; er erinnere sich auch nicht, "dass wir mit Tränen den Weggang und die Wegspülung der Demokratie etwa beweint hätten".

VW do Brasil und der Putsch

Im selben Jahr stellt Volkswagen Lúcio Bellentani als Werkzeugmacher ein. "Ich war 19 damals. Wir waren arm und haben sehr einfach gelebt", erzählt er. "Als Kind habe ich Schuhe geputzt und Orangen und Bananen auf der Straße verkauft. Als ich bei VW anfing, hatte ich auf einmal einen richtigen Job und ein gutes Gehalt. Ich war sehr stolz, meinen Eltern helfen zu können."

Schon sein Vater ist in der PCB gewesen, der Kommunistischen Partei Brasiliens. Obwohl die Partei verboten ist, tritt auch Lúcio Bellentani ein. Er nimmt an Treffen der Kommunisten teil und verteilt ihre Flugblätter auf dem VW-Werksgelände.

Werkschutz mit zwei Gesichtern

Werkschutz mit zwei Gesichtern

So gerät Bellentani ins Visier des VW-Werkschutzes - und damit auch der Geheimpolizei. Wie systematisch der unternehmenseigene Wachdienst offenbar mit den Staatsorganen zusammengearbeitet hat, kommt erst jetzt durch die Recherchen von NDR, SWR und SZ ans Licht.

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Werkschutz mit zwei Gesichtern

Die Dossiers der Geheimpolizei im Nationalarchiv São Paulo: Vor sechs Jahren hat die damalige Präsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, eine Nationale Wahrheitskommission installiert. Auch Rousseff wurde in den 1970er-Jahren gefoltert. Das Ziel der Kommission: die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen zur Zeit der Diktatur aufarbeiten, nach dem Schicksal von 475 ermordeten oder verschwundenen Frauen und Männern forschen - und mehr als 11.000 Opfer entschädigen.

In den geheimpolizeilichen Akten finden sich Hunderte sogenannter Vorkommnisberichte, erstellt vom VW-Werkschutz. Die Wachleute nennen Anschrift und Arbeitsnummer von Oppositionellen, berichten über Streiks und Streik-Anstifter, machen Fotos von Mitarbeitern inner- und außerhalb des Werkes.

Spionage-Berichte eines privaten Unternehmens bei der Politischen Polizei? Wie sind die dorthin gelangt? Dafür interessiert sich jetzt auch die Bundesstaatsanwaltschaft São Paulo.

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Werkschutz mit zwei Gesichtern

Guaracy Mingardi

"Der VW-Werkschutz hatte zwei Seiten. Zum einen den üblichen Sicherheitsdienst, der das Gelände sichert", sagt Guaracy Mingardi, Gutachter der Bundesstaatsanwaltschaft. "Aber es gab auch eine andere Seite. Dieser Teil des Werkschutzes hat sich um politische Aktivisten und Gewerkschaftsmitglieder gekümmert, das belegen die Dokumente. Der Werkschutz hat agiert, als wäre er ein verlängerter Arm der Politischen Polizei innerhalb des VW-Werkes."

Werkschutz mit zwei Gesichtern

Und so helfen VW-Wachmänner im Sommer 1972 wohl auch, Lúcio Bellentani festzunehmen. Vom Werksgelände aus, erzählt er, wird er direkt zum berüchtigten DOPS gebracht - dem Folterzentrum der Politischen Polizei. Hier wird Bellentani zum Häftling Nummer 5171. Dass dies offenbar unter tätiger Mithilfe von VW do Brasil geschah, bestreitet ein Ex-Manager des Autokonzerns.

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Werkschutz mit zwei Gesichtern

Jacy de Souza Mendonça

"Verhaftungen im Werk? Keinesfalls! Wir haben unsere Beschäftigten immer sehr liebevoll behandelt - sehr, sehr liebevoll", sagt Jacy Mendonça, der frühere Personalchef von VW do Brasil. "Nie, nie hat ein Militärangehöriger auch nur die Fabrik betreten. Keiner. Sie haben auch niemanden darum gebeten. Nie. Wenn Ihnen das jemand erzählt hat, dann hat er gelogen."

Die Folter

Die Folter

Die Rua Mauá von São Paulo wird beherrscht von der Estação Pinacoteca, heute eine Gedenkstätte. Hier hatte das berüchtigte "Departamento de Ordem Política e Social" seinen Sitz, kurz: DOPS. Die sogenannte "Abteilung für politische und soziale Ordnung" war die Politische Polizei des Regimes.

Studenten, Gewerkschafter, Oppositionelle: Sie alle wurden hier inhaftiert, verhört, gefoltert. Häufig banden die Folterer ihre Opfer an den Fußgelenken zusammen und ließen sie dann wehrlos baumeln, mit den Kniekehlen an einer Metallstange. Sie nannten das "pau-de-arara": Papageienschaukel.

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Die Folter

Lúcio Bellentani

"Sie haben ein Elektrokabel genommen, einen Teil hier am Ohr festgemacht und den anderen in die Harnröhre geschoben. Dann fingen sie an, Elektroschocks zu geben. Durch die Papageienschaukel bildet sich am Bauch eine Art Schüssel. Um die Schmerzen noch zu verstärken, haben sie Wasser über mich geschüttet. Elektroschocks, Schläge auf den Kopf, ins Gesicht, Fußtritte - alles gleichzeitig."

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Die Folter

Sieben Wochen geht das so.
Sieben Wochen Ungewissheit, wann er wieder herauskommt aus Zelle 2.
Sieben Wochen, in denen Lúcios Frau und Kinder nicht wissen, wo er sich aufhält. Und ob er noch lebt.

Lúcio Bellentani isst nicht mehr, er verliert in diesen sieben Wochen 30 Kilogramm. Dann darf seine Familie ihn besuchen. Bellentani hat noch immer den VW-Blaumann an. "Das Schlimmste war", sagt er heute, "dass mein Sohn mich nur ansah mit dieser Frage in den Augen: Papa, was machst du hier? Er war drei Jahre alt."

Auch danach bleibt Lúcio Bellentani im DOPS. Es folgen weitere sechs Monate Folterhaft, weitere Verhöre, Papageienschaukel, Schläge, Elektroschocks. "Wer gehört noch zur Partei?!", brüllen ihn die Folterer an. Mit einer Zange ziehen sie Bellentani mehrere Zähne. Dann fragen sie wieder. Von ihm, sagt Bellentani, haben sie keinen Namen bekommen.

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Die Folter

Lúcio Bellentani verbringt insgesamt zwei Jahre in Folterhaft und Haft wegen "Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei", so ein Gerichtsurteil damals. Heute trifft er sich regelmäßig mit Ex-Kolleginnen und Kollegen von Volkswagen.

Auch sie haben gelitten unter der Zusammenarbeit von Konzern und Politischer Polizei, unter den Schikanen durch den VW-Werkschutz. Sie sprechen darüber und wollen, dass VW sich endlich entschuldigt.

Gut und richtig, sich zu organisieren, sagt Bellentanis Frau Maria. Doch die Gespräche haben ihren Preis.

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Die Folter

Maria Sérgia Bellentani

"Etwa ein, zwei Tage nach solchen Treffen fängt es an: Lúcio bekommt Albträume, er schubst mich aus dem Bett, er tritt um sich, er träumt davon, dass sie ihn wieder holen. Er hält es in geschlossenen Räumen nicht aus. Oder in der Dunkelheit. Wenn diese Sachen besprochen werden, verschlimmert sich sein Zustand."

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Was wusste Wolfsburg?

Was wusste Wolfsburg?

In Niedersachsen haben sie damals ganz andere Probleme: Der gesamte VW-Konzern steht auf der Kippe. Der Käfer läuft und läuft und läuft - im Verkauf schlechter und schlechter. Die Luftkühlung des Motors ist ein alter Hut, neue Modelle verkaufen sich kaum, die Ölkrise 1973/74 trifft auch die Autohersteller. Und der Siegeszug des Modells "Golf" hat noch nicht begonnen.

Da freut man sich über die Zahlen aus Südamerika: VW do Brasil hat 33.888 Arbeiter und macht gute Umsätze.

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Was wusste Wolfsburg?

NDR Nordschau vom 18.03.1975

VW do Brasil sei zurzeit das gewinnbringendste Werk des Konzerns, vermeldet der NDR kurz nach der Ölkrise. "Täglich laufen hier 1.750 Fahrzeuge vom Band. Von Absatzkrise keine Spur."

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Was wusste Wolfsburg?

Nach Recherchen von NDR, SWR und SZ soll die Konzernzentrale bereits in den 1970er-Jahren von den Verhaftungen in ihrem brasilianischen Werk erfahren haben - spätestens 1979.

Damals findet in der Wolfsburger Stadthalle ein Gewerkschaftskongress statt - und Arbeiter aus São Paulo berichten VW-Chef Toni Schmücker persönlich von Festnahmen. "Er sagte, er werde mit dem Direktor von Volkswagen do Brasil sprechen, um uns Antworten zu geben", erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter, der Schmücker direkt zur Rede stellt. "Aber er hat nie geantwortet."

Schon Jahre zuvor hat Werner Paul Schmidt, Chef der brasilianischen VW-Tochter, dem Schmücker-Vorgänger Rudolf Leiding in einem Brief über Festnahmen berichtet. Konkret schreibt Schmidt über "die Verhaftung von mindestens fünf Angestellten der VW do Brasil, denen eine Teilnahme an subversiven, kommunistischen Aktionen einwandfrei nachgewiesen wurde". Das erfolgt im September 1972 - acht Wochen nach Bellentanis Festnahme.

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Was wusste Wolfsburg?

Carl Hahn

1982 kehrt Carl Hahn nach neun Jahren bei einem anderen Unternehmen zu VW zurück und wird Vorstandsvorsitzender. Von den Festnahmen habe er damals nichts mitbekommen, sagt er - und die Konzernführung sei nie auf die Idee gekommen, dass in einem VW-Betrieb Menschenrechte zu kurz gekommen wären.

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Was wusste Wolfsburg?

Hans-Gerd Bode

Die heutige Konzernleitung will sich derzeit nicht inhaltlich zu den Vorwürfen äußern. Pressesprecher Hans-Gerd Bode sagt, VW werde keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Man habe den Bielefelder Wirtschaftshistoriker Christopher Kopper beauftragt, bis Ende des Jahres ein Gutachten zum Thema vorzulegen. Das warte man ab.

Historiker Kopper hat allerdings wichtige Schlüsse längst gezogen, wie er im Exklusiv-Interview erzählt: "Ich kann sagen, dass es eine regelmäßige Zusammenarbeit zwischen dem Werkschutz von VW do Brasil und dem Polizeiorgan des Regimes gab."

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Der Kampf geht weiter

Der Kampf geht weiter

Die Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo ermittelt derzeit gegen Volkswagen do Brasil. Sie prüft, ob und wie das Unternehmen während der Militärdiktatur für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gewesen ist. Lange sind die Archive verschlossen gewesen. Doch mittlerweile haben die Anwälte Zugang, wälzen Tausende von Akten, hören Lúcio Bellentani und seine Ex-Kollegen an.

Ob die Bundesanwaltschaft Anklage erhebt, will sie in diesem Sommer entscheiden.

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Der Kampf geht weiter

Und Lúcio Bellentani? Der 72-Jährige versucht, ein normales Leben zu leben. "Ich hatte Glück", sagt er. "Es gab Arbeiter, die sind zu Tode gekommen. Ich bin noch hier. Deshalb mache ich weiter." Bellentani will keine Rache und kein Geld, sagt er. Aber Gerechtigkeit. Damit seine Würde als Mensch wieder hergestellt wird.

Eine Entschuldigung von VW, das wäre ein Anfang.

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Credits

Autorenteam: Stefanie Dodt, Søren Harms

Redaktion: Christian Baars, Jochen Graebert, Britta von der Heide

Kamera: Carsten Janssen

Musik: Insa Rudolph

Produktionsleitung: Michael Schinschke

 

Die komplette Dokumentation
"Komplizen? VW und die brasilianische Militärdiktatur"
von Stefanie Dodt (NDR) und Thomas Aders (SWR)
sehen Sie hier.

 

Weitere Informationen

"Komplizen?" als Hörfunk-Serie

NDR Info

Podcast zur Spurensuche zwischen Brasilien und Deutschland. mehr

VW: Kooperation mit Brasiliens Militärdiktatur

VW do Brasil hat offenbar eng mit der Militärdiktatur kooperiert. Mehr bei tagesschau.de. extern

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