Stand: 16.09.2017 11:54 Uhr

Hochwasser-Opfer fühlen sich alleingelassen

von Sabine Hausherr

Auch sieben Wochen nach dem schweren Hochwasser haben viele Betroffene in Hildesheim, Wolfenbüttel und Goslar noch kein Geld vom Land Niedersachsen bekommen. Dabei wurde nach der Katastrophe eine schnelle und unbürokratische Hilfe zugesagt. Ersten Zahlen des Landes zufolge sind bisher auch schon 250.000 Euro an die Betroffenen ausgezahlt worden, pro Haushalt allerdings maximal 2.500 Euro. Und an manchen Orten, zum Beispiel in Goslar, wächst deshalb jetzt der Unmut.

Keller nach Hochwasser.

Goslarer Hochwasser-Opfer warten auf Hilfe

Hallo Niedersachsen -

Sieben Wochen nach dem Hochwasser warten viele immer noch auf Unterstützung vom Land. Die angekündigte Soforthilfe kommt offenbar vielerorts nicht an - zum Beispiel in Goslar.

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Seit sieben Wochen nicht mehr im eigenen Haus

Inge Haase ist 81 Jahre alt und kann einfach nicht mehr. Seit sieben Wochen wohnt sie bei ihrer Enkelin, weil ihr eigenes Haus an der Clausthaler Straße in Goslar noch immer unbewohnbar ist. "Das Wasser stand 20 Zentimeter hoch in meinem Wohnzimmer, alles war voller Schlamm", erinnert sie sich. Der Fußboden quoll komplett auf, alle Sockelleisten sind hin und auch ihre Ledercouch musste zum Sperrmüll. "Ich wohne seit 50 Jahren hier und so was Schlimmes habe ich noch nie erlebt", sagt die alte Dame und ringt mit den Tränen. Ihre Kinder haben ihr geholfen, die ganze Wohnung auszuräumen, doch vom Staat fühlt sie sich alleingelassen. Welche Kosten auf sie zukommen werden, weiß sie noch nicht. Alle Fußböden müssen raus und auch der Keller modert vor sich hin. "Mein kleiner Vorratskeller stand auch komplett unter Wasser, jetzt ist da überall Schimmel. Wenn ich nur einen kleinen Zuschuss bekommen würde für die Renovierung, würde ich mich so freuen", sagt sie.

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Hürden für Soforthilfe sind hoch

Die Soforthilfe vom Land soll dazu beitragen, akute Notlagen finanziell zu überbrücken. Doch die Hürden sind hoch, um diese Hilfe zu bekommen. Die Geschädigten mussten bislang nachweisen, dass sie einen Schaden an notwendigem Hausrat in Höhe von 5.000 Euro haben. Weil bei den meisten Betroffenen aber nur der Keller vollgelaufen ist, kommen nur die wenigsten beim Hausrat auf eine Schadenssumme von 5.000 Euro. Und eine defekte Heizungsanlage zählt eben nicht zum Hausrat. Doch genau die sei bei den meisten Betroffenen beschädigt oder ganz kaputt gegangen, sagt Hans-Joachim Bienert von der Stabsstelle Hochwasser in Goslar. Die Menschen bleiben auf den Reparaturkosten von rund 10.000 bis 15.000 Euro also sitzen. "Die Soforthilfe geht komplett an den Betroffenen vorbei", sagt der Oberbürgermeister von Goslar, Oliver Junk (CDU). Bislang konnten in Goslar erst 23 Menschen entschädigt werden - sie bekamen insgesamt 25.000 Euro. Bei der angekündigten Hilfe des Landes in Höhe von 50 Millionen Euro sei das ein Minibetrag.

Gebäudeschäden werden noch nicht berücksichtigt

Schäden am Gebäude werden derzeit noch gar nicht berücksichtigt. Doch gerade hier gehen die Reparaturkosten schnell in die Tausende. Das sei für die Bürger nur schwer nachzuvollziehen, sagt Bienert. "Die Menschen unterscheiden nicht zwischen Hausrat und Gebäudeschäden. Sie wollen einfach nur, dass sie bei den Reparaturkosten schnell finanziell unterstützt werden."

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Umweltminister reagiert

Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) hat nun reagiert und angekündigt, dass ab Ende September auch die grundlegende Hilfe des Landes für vom Hochwasser geschädigte Privatpersonen, Kommunen und Unternehmen anlaufen soll. Privathaushalte können dabei Schäden an Hausrat und Gebäuden ab einer Summe von 500 Euro geltend machen. Für zerstörten Hausrat gibt es Pauschalen, bei beschädigten Gebäuden erstattet das Land bis zu 80 Prozent der Instandsetzungs- und Neubaukosten. Voraussetzung ist allerdings, dass die Antragsteller nachweisen, dass sie für die Zukunft eine Elementarschadensversicherung abschließen. "Es ist im Sinne aller Beteiligten, dass so ein Schaden nicht wieder eintritt", sagt Wenzel. Ausnahmen gelten für Bürger, die an dauerhaft hochwassergefährdeten Orten wohnen und deshalb keine solche Versicherung abschließen können. Auch diejenigen, die sich die Versicherungsprämie nicht leisten können, sind von der Nachweispflicht befreit.

Vielen Goslarern kann trotzdem nicht geholfen werden

Doch dem Goslarer Oberbürgermeister Junk geht diese neue Regelung nicht weit genug. In Goslar gibt es nämlich die Besonderheit, dass es zu sehr vielen Häusern in der Altstadt kleine private und auch öffentliche Brücken über die Flüsschen Gose und Abzucht gibt. So wie bei Horst Jeglortz. Der 77-Jährige wohnt an der Clausthaler Straße und kommt zu seinem Haus nur über eine kleine Brücke, die über die Gose führt. Diese ist aber durch das Hochwasser komplett zerstört worden. Nun muss er über die Nachbargrundstücke laufen, um zu seinem Haus zu gelangen. Die Reparaturkosten für die alte Brücke belaufen sich auf 16.000 Euro - Geld, das der 77-Jährige nicht hat. Auch bei ihm kommt die Soforthilfe des Landes nicht an. Ebenso wenig wie bei den vielen Goslarern in der historischen Altstadt, deren Häuser von Mauern eingefasst werden. Auch ihnen wird vom Land Niedersachsen nicht geholfen. Sie müssen für die Schäden selbst aufkommen. "Auch hier gehen die Regelungen aus Hannover leider komplett an unserer Realität vor Ort vorbei", beklagt Junk.

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Oberbürgermeister fordert Direktauszahlungen an die Bürger

Der Oberbürgermeister fordert deshalb, dass stattdessen sofort Geld an alle Betroffenen ausgezahlt wird, und zwar ohne lange Anträge und Formalitäten, damit auch Zugänge wie Brücken, Mauern und Wege wieder instand gesetzt werden können. "Wir sollten erst danach abrechnen und klären, ob bei den Betroffenen Versicherungsschutz besteht und wie viel Geld ihnen tatsächlich zusteht", sagt Junk. "Die Hochwasseropfer brauchen jetzt sofort das Geld, um endlich wieder ihre Wohnungen und Häuser instand setzen zu können." Diese Meinung teilt auch Hans-Joachim Bienert von der Hochwasser-Stabsstelle in Goslar. Umweltminister Wenzel lehnt jedoch Sofortauszahlungen ab. Seiner Meinung nach ist die nachträgliche Abrechnung zu kompliziert.

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Hallo Niedersachsen | 15.09.2017 | 19:30 Uhr

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