Stand: 26.03.2016 09:45 Uhr

Herr der Klinge - Iaido in Braunschweig

von Tino Nowitzki

Jeder kennt sie: Samurai. Kämpfer, die mit exotischen Helmen und rasiermesserscharfen Schwertern ausgerüstet sind und ihren Gegnern vorzugsweise den Kopf von den Schultern hauen. Das gibt es nur im Film? Weit gefehlt. In Braunschweig gibt es eine Gruppe, die die Tradition der historischen japanischen Ritter bewahrt. Im Blutrausch ist hier allerdings keiner. Stattdessen stehen für die Frauen und Männer Kunst, Ästhetik und Meditation im Vordergrund. Sie betreiben Iaido - eine fernöstliche Kampfkunst, bei der sich alles um das Schwert dreht. Eine echte Exotendisziplin in Deutschland.

Zwei Iaido-Kämpfer trainieren. © NDR

Iaido: Im Einklang mit der Klinge

Claus Fricke, Iaido-Kämpfer und Träger des vierten Dans, erklärt die japanische Kampfsportart. Im Zentrum dabei steht der traditionelle Umgang mit dem Iaito.

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Zugestochen wird nur im Kopf

Wenn Claus Fricke erzählt, dass er japanischen Schwertkampf macht, erntet er schon mal herunterklappende Kinnladen. Ob er schreiend und mit einer Klinge fuchtelnd auf andere zu rennt, wird er dann oft gefragt. Der 36-Jährige kann darüber nur lächeln und versucht es mit ganz viel Erklären. Iaido - das ist Japanisch und bedeutet "Weg des Schwertziehens". Schneiden, Zustechen, Abhacken - alles das gebe es hier zwar. Aber es findet nur im Kopf statt. Was damit gemeint ist, sieht man schnell, wenn man Fricke und seine Gruppe beim Training beobachtet: In langen, schwarzen Mänteln stehen sie aufgereiht, die Blicke nach vorn gerichtet und hochkonzentriert. Es ist mucksmäuschenstill. Plötzlich: Silberne Klingen surren durch den Raum. In blitzschnellen Bewegungen scheinen die Iaido-Kämpfer die Luft um sich herum zerteilen zu wollen. Lautlos, ohne ein Wort, gleiten die Schwerter danach langsam in die Scheide zurück.

Das Ziel: töten

"Wir stellen uns imaginäre Gegner vor", sagt Fricke, der selbst den vierten Dan inne hat. Diese Gegner kommen von allen Seiten und greifen die Iaido-Kas, wie man die Anhänger der Kampfkunst nennt, an. All das läuft in festgelegten Formen ab. Katas heißen sie auf japanisch. Das Ziel? "Wir wollen den Gegner töten", sagt Fricke. Aber natürlich nicht einfach so. Ganz wie die alten Samurai sehen sich die Iaido-Kas als ehrenwerte Krieger und sind deswegen niemals die Angreifer. Stattdessen geben sie ihrem erfundenen Gegner immer die Chance, aufzuhören und einfach Reißaus zu nehmen. "Wir fragen ihn, ob er das wirklich will", so Fricke. Und wenn, dann gibt es eben Saures. Nicht umsonst ist eine der wichtigsten Bewegungen jeder Kata im Iaido das rituelle Blutabwischen, das "Chiburi" genannt wird.

Hochkonzentriert in der Tradition der Samurai

Jeder hat sich schon einmal verletzt

Damit das im Training nicht wirklich nötig wird, üben die Braunschweiger Iaido-Kas in respektvollem Abstand zueinander. Auch die kunstvoll geschwungenen japanischen Schwerter, die "Iaitos", sind hier zunächst einmal stumpf. Weil man mit ihnen aber trotzdem zustechen und sich verletzen kann, trainieren Anfänger vorsichtshalber mit hölzernen Schwert-Kopien. Erst die ganz Fortgeschrittenen dürfen ihre "Shinken" mit den richtig scharfen Klingen auspacken. Dann wird aus Fantasie auch mal Realität und statt Luft werden in sogenannten Schnitt-Tests Matten aus Reis oder Bambus zerstückelt. Doch selbst bei größter Vorsicht: "Jeder, der mit den scharfen Schwertern trainiert, hat sich schon einmal geschnitten", sagt Fricke. Ungefährlich sei der Sport nicht, auch wenn es Partnerübungen oder Schaukämpfe mit den Schwertern nicht gibt. Trotzdem müssen die Braunschweiger Iaido-Kämpfer auch im Sommer immer in der Halle trainieren - das strenge deutsche Waffenrecht will es so. Vielleicht auch deswegen ist Iaido eine absolute Randsportart. Fricke geht von wenigen Hundert Iaido-Kas in Deutschland aus. Selbst in Japan, dem Heimatland des Sports, gibt es nur wenige Aktive.

Meditation statt Kampf

Dabei sehen sich Fricke und seine Trainingskollegen überhaupt nicht als Waffennarren. "Viele hier sind echte Pazifisten", sagt er. Für ihn stehe sowieso eher der kunstvolle und meditative Aspekt des Iaido im Vordergrund. Schließlich sei bei jeder Bewegung höchste Konzentration gefragt. Immer müsse man die eigene Nachlässigkeit überwinden. Schon deswegen ist für Fricke und seine Iaido-Partner klar: "Der größte Gegner ist unser Ego."