Stand: 28.02.2016 11:16 Uhr

Herr Mörig und das Trakehner-Pferd

von Tino Nowitzki

Eigentlich könnte man Hagen Mörig den Odysseus von Braunschweig nennen. Genau wie der antike Held hat der Rentner eine echte Odyssee hinter sich. Anstelle von zehn Jahren dauerte die zwar nur sieben. Dafür hat Mörig aber auch keine Frau gewonnen, sondern 75.000 Euro verloren. Und ein Pferd aus Bronze.

Ein Hengst aus Trakehnen und 333 Fohlen

Der Deutsche mit dem großen Herzen

Eigentlich macht sich Hagen Mörig gar nichts aus Pferden. "Die sind problematisch", sagt er. "Vorne können sie beißen, hinten treten und wenn man draufsitzt, fällt man runter." Sein ganzes Leben war der Rentner lieber im Wald. Als Jäger saß er da nächtelang auf dem Hochsitz und hielt Ausschau nach einem Geweih oder Wildschweinrüssel. Nach einem seiner zahlreichen Jagdausflüge ins ehemalige Ostpreußen blieb er eine Weile dort, half Menschen, Häuser aufzubauen und bei einigen anderen Dingen. Das große Herz des Braunschweigers fiel auf, und so wurde er um Hilfe gebeten auf der Suche nach einem ganz besonderen Pferd aus Trakehnen nahe dem jetzt russischen Kaliningrad.

Unterschriften sammeln für das bronzene Pferd

Dem Trakehner Pferdegestüt, früher weltbekannt für die Zucht von Hengsten, fehlt seit dem Zweiten Weltkrieg sein Wahrzeichen. Es handelt sich dabei um eine lebensgroße Statue von "Tempelhüter", dem berühmtesten Deckhengst des Guts, seines Zeichens Vater von 333 edlen Trakehner-Fohlen. Sowjetische Truppen hatten die Figur nach 1945 nach Moskau geholt, wo sie bis heute im Landwirtschaftsmuseum steht. Die Idee der Trakehner: Hagen Mörig könnte doch zurück nach Deutschland fahren und Unterschriften sammeln, um die Bezirksregierung in Kaliningrad zu einem Einsatz für die Rückkehr der Statue zu bewegen. 10.000 deutsche Unterschriften seien mehr wert als eine Million russische, erklärten sie ihm. Und Hagen Mörig konnte nicht anders - er musste wieder anpacken.

Plötzlich will keiner mehr die Unterschriften

Wenn man einmal unter den Menschen dort gelebt und deren schlechte Situation gesehen habe, müsse man was tun, sagt er: "Ich habe einfach ein Helfer-Syndrom." Es dauerte nicht lange und der 73-Jährige hatte etwa 11.000 Unterstützer zusammen, hauptsächlich Pferdefreunde. Und dann ging die Odyssee los. Stilecht in schwarzer Kutsche, gezogen von vier weißen Trakehner-Schimmeln. Doch wie Odysseus legten die Götter auch Hagen Mörig einige Steine in den Weg: An der polnisch-russischen Grenze musste er aufs Auto umsatteln und die Pferde zurücklassen, weil deren Dokumente auf dem falschen Papier gedruckt waren. Und der Bürgermeister von Trakehnen wusste plötzlich auch nichts mehr mit den ganzen Unterschriften anzufangen.

Ein tiefer, ein sehr tiefer Griff in Mörigs Tasche

Auch die Bezirksregierung von Kaliningrad wiegelte ab. Besser sei es, Präsident Putin selbst zu schreiben. Na dann. Doch zum Erstaunen von Hagen Mörig bekam er sogar Antwort aus dem Kreml. Das Vorhaben sei gut, aber "Tempelhüter" bleibe in Moskau. Immerhin: Man erlaubte Mörig, eine Kopie des Pferdes anfertigen zu lassen. Auf seine eigenen Kosten - doch immerhin sah Mörig Licht am Ende des Tunnels. Ein paar Jahre gingen ins Land, Hagen Mörig reiste von Moskau nach Braunschweig und von Braunschweig nach Trakehnen, fand schließlich eine Bronze-Gießerei und erhielt dort die ein oder andere Lektion in russischer Mentalität. 36.000 Euro sollte die Kopie des Trakehner-Hengstes kosten. Plus 10.000 Euro, weil durch die Arbeit ja alles dreckig werden würde. Ach, und die Versicherung kostet noch mal so viel wie die Figur selbst. "Die haben gedacht, ich bin steinreich und man kann mich über den Tisch ziehen", sagt Hagen Mörig heute. Zwar kam das meiste durch Spenden zusammen. Einen großen Teil hat der Rentner aber aus eigener Tasche bezahlt und mit allem Drum und Dran, rechnet er vor, habe er gute 75.000 Euro für die Sache mit dem Bronze-Pferd ausgegeben.

Das Fest ihm zu Ehren möge er bitte selbst bezahlen

Gelohnt hat es sich aus Sicht des Rentners am Ende aber doch: Im Spätsommer 2013 kam der neue "Tempelhüter" auf den Sockel vor dem Trakehner Pferdegestüt, wo man das Original ein Dreiviertel Jahrhundert zuvor abmontiert hatte. Die Trakehner schraubten ihn gleich extra fest - sicher ist sicher. Dazu hatte man ein riesiges Fest organisiert, mit Feuerwerk, Tanz und Pferderennen. Hagen Mörig war tief bewegt. Allerdings bat man ihn, das Fest am Ende zu bezahlen - es seien ja nur 3.000 Euro. Spätestens hier war für den Braunschweiger aber Schluss mit der Hilfsbereitschaft. Mörig lacht noch heute: "Nicht mit mir, habe ich gesagt. Ihr kriegt allenfalls 2.500!"

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