Stand: 31.07.2017 21:51 Uhr

Goslar rückt zusammen - und räumt auf

von Tino Nowitzki

Herausgerissene Fußböden, eingebrochene Wände, klebrig-schwarze Schlammreste, wohin man tritt: "Man fühlt sich beschissen", sagt Ursula Kark und bringt damit auf den Punkt, was im Moment wohl viele Niedersachsen empfinden. Menschen, die teils innerhalb weniger Minuten durch die Hochwassermassen gewaltige Schäden an Haus und Habe erlitten haben. Das Fachwerkhaus von Familie Kark in Goslars Innenstadt liegt nur wenige Meter entfernt von der Abzucht, wie der Oker-Nebenarm Gose hier genannt wird. Doch mit dem eigentlich beschaulichen Wohnen im Altstadt-Idyll hat das im Moment gar nichts zu tun.

Möbel, Elektrogeräte: alles hinüber

Das Wasser kam für die Karks wie für alle Altstadt-Bewohner völlig unerwartet. Noch am Mittwochmorgen um fünf Uhr blickte Ursula Kark von ihrem Schlafzimmer-Fenster aus auf die Abzucht. "Die stand hoch, aber noch unterhalb der Hochwasser-Mauer", sagt sie. Schon eine Stunde später spülte das braune Wasser auf ihren Hof. Kark und ihr Mann versuchten alles, um es zu stoppen: Teppiche vor die Türen, Handtücher in jede Ritze. "Es hat nichts genutzt", sagt die Goslarerin: Die Brühe schoss von hinten in das Haus und vorne wieder heraus. Und die wahren Ausmaße zeigten sich erst zwei Tage später, als die Fluten weg waren: Teure Elektrogeräte waren zerstört, die Möbel völlig hinüber.

"Das muss bis auf die Substanz weg"

"Die Feuerwehr hat sofort Kleinholz aus denen gemacht", sagt Kark. Ein Glück nur, dass sie einige wertvolle Musikinstrumente vor dem Wasser retten konnte. Und dann noch der zurückgebliebene Schlamm: 30 Zentimeter dick und zäh lag er im und am Haus. "Wir sind sogar mit dem Gummistiefeln darin steckengeblieben", so die Bewohnerin. Der Schlamm drang durch jeden Spalt - sogar durch das Laminat und die Holzdielen in den Fußboden. Die Konsequenz: Der Boden muss nun Stück für Stück herausgeholt werden. Und damit nicht genug: Die Wände des Fachwerkhauses sind aus Lehm und durch das Wasser völlig klamm. "Das muss bis auf die Substanz weg und neu gemacht werden", sagt Kark. Eine Mammutaufgabe. Geheult? Ja, das habe sie. Vor allem an den ersten Tagen. Doch dann kam der Mut zurück, denn es gab unerwartete Unterstützung: Nachbarn, die es weniger hart getroffen hatte, zum Teil auch völlig fremde Menschen eilten den Karks zur Hilfe. Ein paar Spitznamen mussten reichen, damit sich die vielen Helfer unterscheiden ließen: "Pumpen-Marion" zum Beispiel oder "Kärcher-Michael". Dazu schickten Goslars Gastronomen unter anderem Pizza an die Karks und die vielen anderen vom Hochwasser betroffenen Altstadt-Bewohner.

Goslarer trotzen gemeinsam dem Schlamm

Eine Ausnahmesituation, die verbindet

In der Ausnahmesituation rückten viele Goslarer enger zusammen. Und schon ein paar Tage später ist kaum zu glauben, dass hier vor Kurzem alles einer Flusslandschaft glich: Auf dem Marktplatz tummeln sich die Touristen, machen Selfies oder trinken einen Kaffee in der Sonne. Nur ein paar Meter weiter haben allerdings immer noch Menschen mit den Folgen des Hochwassers zu kämpfen: nicht nur in Goslar, sondern auch in Bad Harzburg, Wolfenbüttel und vielen anderen Orten an Oker, Innerste und ihren Nebenflüssen.

Kostenloser Sperrmüll-Abtransport

Doch auch wenn die Wucht des Hochwassers hier so ziemlich jeden überrascht hat - unterkriegen lassen sich die Goslarer nicht. Vor fast jeder Tür wird geschippt und gefegt, Sperrmüll liegt bergeweise in den Straßen. Helfer des Landkreises Goslar holen ihn ab - kostenlos. Von morgens bis abends und von montags bis sonnabends seien dazu drei Fahrzeuge in der Stadt unterwegs, sagt Landkreis-Sprecher Michael Weihrich. Zwar kämen dabei pro Tag 150 bis 200 Tonnen zusammen. "Trotzdem werden wir wohl noch den gesamten August räumen müssen", so Weihrich. Auch die städtischen Helfer sind seit Tagen unentwegt unterwegs: Mal pumpen sie letzte Wassermengen ab, mal versuchen sie, den Schlamm zu entfernen. Bagger stehen an der Abzucht, um das Gewässer von Unmengen von Felsen und Steinen zu befreien, die durch das tobende Wasser in die Stadt gespült wurden. Abraum, der auch an Goslars Infrastruktur deutliche Schäden hinterlassen hat: Von einigen Straßen wurde der Belag geschwemmt, eine Brücke komplett unterspült. Andere Brücken sind noch immer gesperrt, bis ein Statiker die Schäden begutachtet hat.

Spendenfonds für Hochwasser-Opfer

Auch im Rathaus war man vom Ausmaß des Hochwassers überrascht: "Es gab einfach mehr Regen im Harz als jede Vorhersage es prognostiziert hatte", so Stadt-Sprecherin Vanessa Nöhr. Man denke schon jetzt darüber nach, wie man die Innenstadt in Zukunft noch sicherer vor derartigen Katastrophen machen könne. Konkret seien die Pläne aber noch nicht. "In jedem Fall sind wir noch eine ganze Weile mit den Arbeiten nach dem Hochwasser beschäftigt", sagt Nöhr. Um einen besseren Überblick über die Schäden zu bekommen, hat die Stadt Fragebögen verteilt. Und vielleicht können die Betroffenen sogar auf finanzielle Hilfe hoffen: Der Landkreis Goslar und alle Kommunen haben einen Spendenfonds für Hochwasser-Opfer eingerichtet. Bis Montagmittag wurden 12.275 Euro gespendet. Wenn man bedenkt, dass mancher Anwohner ein Vielfaches dieser Summe nur für die Deckung seiner Schäden bräuchte, ist das zunächst nicht viel. Und trotzdem ein Hoffnungsschimmer - denn viele Goslarer, die in der Nähe der Abzucht wohnen, haben keine Elementarversicherung und bleiben deshalb zunächst auf den Kosten sitzen. Auch Ursula Kark und ihrer Familie geht es so. Die Flinte ins Korn werfen wollen sie trotzdem nicht: "Das Haus gehört seit 130 Jahren unserer Familie", sagt sie. Deswegen stehe fest: "Wir kämpfen!"

Dieses Thema im Programm:

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