Stand: 16.03.2017 11:16 Uhr

"Göttingen-Spirit": Die Liga der Spitzenforscher

von Marco Schulze

Der Hattrick ist perfekt: Zum dritten Mal in Folge geht der renommierteste deutsche Forschungspreis, der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, nach Göttingen. In diesem Jahr konnte ein Chemiker die Jury überzeugen. Lutz Ackermann, Leiter des Instituts für Organische und Biomolekulare Chemie an der Uni Göttingen, hat die Auszeichnung am Mittwoch in Berlin in Empfang genommen. Er gehört zu den weltweit am häufigsten zitierten Wissenschaftlern seines Fachbereichs. Ackermann hat Verfahren und Methoden entwickelt, die es ermöglichen, wichtige chemische Produkte nachhaltiger herzustellen. Er reiht sich mit dem Leibniz-Preis in die Liga der Göttinger Spitzenforscher ein. Mit ihm haben insgesamt 18 Göttinger Wissenschaftler den Forschungspreis gewonnen - das ist norddeutschlandweit spitze. Keine andere Stadt im Norden hat mehr Preisträger hervorgebracht.

Im "Göttingen Campus" bündelt sich das Wissen

Göttingen hat eine lange Tradition als Wissenschaftsstandort. Fragt man die Göttinger Preisträger nach den Gründen, kommt immer wieder die gleiche Antwort: Zwischen den Forschungseinrichtungen der Stadt gebe es eine einzigartige Kooperation, so heißt es dann. "Es ist ein Standort der kurzen Wege, des persönlichen Austauschs und der Kooperation", erzählt Stefan Hell, jüngster Nobelpreisträger der Stadt, der 2008 auch den Leibniz-Preis bekam. Man kenne sich und tausche sich aus. Egal an welcher Institution man arbeite, sei es Universität, Max Planck oder ein anderes Institut. Dass der Wissensaustausch zwischen den Instituten so gut funktioniere, liege vor allem am "Göttingen Campus". Das Netzwerk wurde vor gut zehn Jahren gegründet und hat die strategische Zusammenarbeit von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen als Ziel. "Das hat mit einem Schlag den Forschungsschwerpunkt in Göttingen verstärkt", sagt Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, Leibniz-Preisträger von 2009. In Norddeutschland gebe es nichts Vergleichbares. Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel spricht gar von einem "Göttingen-Spirit".

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Für seine Forschungen im Bereich der biomolekularen Chemie erhält der Göttinger Forscher Lutz Ackermann den Leibniz-Preis. Die Auszeichnung ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert. (08.12.16) mehr

Forschen auf Weltniveau

Die Dichte an wissenschaftlichen Einrichtungen in Göttingen ragt nicht nur national heraus. Allein fünf Max-Planck-Institute gibt es in der Stadt. "In vielen Fachbereichen kann sich Göttingen mit all den anderen Großen dieser Welt messen", sagt Hell. Auch Biochemikerin Marina Rodnina, die im vergangenen Jahr den Leibniz-Preis nach Göttingen holte, schätzt die Bedingungen in der Universitätsstadt. "Der Standort Göttingen ist durchaus mit weltweit renommierten Standorten wie Yale, Berkeley, Caltech und anderen zu vergleichen", so Rodnina. Die kurzen Distanzen zwischen den Forschungseinrichtungen erlaubten zudem "eine gut ausgeprägte Kollegialität", berichtet Tobias Moser, Leibniz-Preisträger aus dem Jahr 2015. Der Neurowissenschaftler und Mediziner sieht in Göttingen ein besonders fruchtbares Umfeld. Wichtig sei auch, dass es institutsübergreifende Lehrstrukturen und Graduiertenschulen gebe.

Spitzenforschung nicht nur in Naturwissenschaften

Wenn man einen Blick auf die Liste der Göttinger Leibniz-Preisträger wirft, fällt auf, dass es nicht nur die naturwissenschaftlichen Fächer sind, in denen in Südniedersachsen Spitzenforschung betrieben wird, sondern auch die geisteswissenschaftlichen. Dass Forschung und Lehre an der Universität gleichberechtigt seien, ist für Detering ein weiterer  Schlüssel zum Erfolg. "Hier wird von Beginn an in Themen gedacht", so der Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft.

"Nur" sehr gute Wissenschaft reicht für den Leibniz-Preis nicht aus

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Auch Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat 2009 den Leibniz-Preis erhalten.

Detering sitzt selbst in der Auswahlkommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die den Leibniz-Preis vergibt. Zweimal im Jahr kommen international anerkannte Forscher zusammen, um über die Vorschläge aus der Wissenschaft zu beraten. Dabei werden auch Gutachten von Experten aus der ganzen Welt eingeholt. Selbst vorschlagen könne man sich nicht. "Die Standards für den Preis sind hoch", erzählt Detering. Sehr gute Wissenschaft reiche nicht aus. Die Forscher müssen ihren Fächern schon internationale Impulse gegeben haben, damit sie überhaupt in die engere Auswahl kommen, so der 57-Jährige. Immerhin handelt es sich um den renommiertesten Forschungspreis Deutschlands, dotiert mit je 2,5 Millionen Euro. Jährlich werden bis zu zehn Preise vergeben. Das Preisgeld muss jedoch projektbezogen ausgegeben werden - im Gegensatz zum Nobelpreis, dort landet es auf dem privaten Konto der Wissenschaftler.

Steigt mit dem Leibniz-Preis die Chance auf den Nobelpreis?

Der Leibniz-Preis wird auch als deutscher Nobelpreis bezeichnet. Doch inwiefern gibt es Zusammenhänge zwischen beiden Auszeichnungen? Eine direkte Kausalität gibt es laut Marina Rodnina nicht, doch "die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nobelpreisträger aus Deutschland vorher den Leibniz-Preis bekommen hat, ist hoch", sagt sie. In Göttingen wären die künftigen Nobelpreisträger in guter Gesellschaft. Mehr als 40 Nobelpreisträger werden mit der Universitätsstadt in Verbindung gebracht. Stefan Hell hat es 2014 vorgemacht. Er weiß, wie man Wissenschaftsgeschichte schreiben kann. "Die Historie spornt an", sagt er. Lutz Ackermann ist auf dem besten Weg, es ihm gleichzutun und dabei ist er nicht allein. Der "Göttingen-Spirit" wird der Stadt wohl auch künftig viele Wissenschafts-Preise bescheren. Denn Spitzenforschung "made in Göttingen" scheint zum System geworden zu sein.

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NDR//Aktuell | 15.03.2017 | 14:00 Uhr

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